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Zum 75. Geburtstag von Ex-Eintracht-Trainer Klaus Toppmöller: Unvollendet, unvergessen

Zum 75. Geburtstag von Ex-Eintracht-Trainer Klaus Toppmöller: Unvollendet, unvergessen

Selten spielte eine Mannschaft schöneren Fußball als Eintracht Frankfurt unter Klaus Toppmöller. Aber sein Stern verglühte in Frankfurt in Rekordzeit. Trotzdem bleibt er bei den Hessen unvergessen.

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Die Saison 1993/94 war noch nicht einmal angepfiffen, da haute Klaus Toppmöller direkt einen raus. „Die Eintracht war zuletzt zweimal Dritter. Daher kann der Anspruch, Meister werden zu wollen, nicht zu hoch sein“, tönte der neue Coach der Eintracht im Kicker. „Auch als Trainer strebe ich nach hohen Zielen. Und das kann in Frankfurt nur heißen: Her mit dem Titel!“ Rumms!!!

Der Ton war also gesetzt für die erste Amtszeit Klaus Toppmöllers in der Bundesliga, und wie. Der ehemalige Stürmer des 1. FC Kaiserslautern hatte sich nach seinem frühen Karriereende beim FSV Salmrohr, SSV Ulm und Waldhof Mannheim (mit dem er beinahe in die Bundesliga aufstieg) erste Sporen als Trainer verdient. Als Manager Bernd Hölzenbein ihn mit nur 41 Jahren zur Eintracht holte, war er dennoch ein Exot.

„Wer soll mir fußballerisch etwas vormachen?“

Ein Jungspund auf der Trainerbank, aufgewachsen in einer Kneipe im pfälzischen Rivenich, dessen teils breitbeinige Art ein Vorbote dessen war, wie seine Mannschaft auf dem Platz auftreten würde: immer Vollgas, immer direkt, stets voller Selbstbewusstsein. Denn daran mangelte es ihm nicht: „Ich sehe alles, erkenne alles, ich kann jedem sagen, was er falsch gemacht hat. Wer soll mir fußballerisch etwas vormachen?“, fragte er bei seiner Vorstellung rhetorisch. Und erntete staunende Blicke.

Das mag man arrogant finden, die Konkurrenz damals tat dies allemal. Aber der Erfolg gab Toppmöller recht, zunächst zumindest. Bei der Eintracht fand er eine Ansammlung begnadeter Fußballer vor, eine Gruppe genialischer Glücksritter, die die Liga schon seit zwei Jahren mit Fußball von einem anderen Stern beglückte. Im Mittelfeld spielte Uwe Bein Pässe, wie es sonst niemand im Land konnte. Mit Anthony Yeboah hatte die Eintracht den besten Stürmer der Liga unter Vertrag. Aus Stuttgart kam Maurizio Gaudino, „eine Granate“, so Toppmöller.

Why be normal?

Von den Amateuren kam Jay-Jay Okocha, der Dinge mit dem Ball konnte, die man zuvor nur dann in der Sportschau gesehen hatte, wenn dort Rhythmische Sportgymnastik übertragen wurde. Manni Binz als Libero, Ralf Weber, Jan Furtok, und, und, und. Eintracht Frankfurt, das war die aufregendste, schillerndste Mannschaft des Landes, über alle Maßen begabt, eine Offenbarung, der Fußball so schrill wie die neuen Tetra-Pak-Trikots. „Why be normal?“, war einer der Slogans des Unternehmens. Die Mannschaft schien dies als Aufforderung zu verstehen. Warum normal sein, wenn man überragend sein kann?

Und das waren sie. Gleich im ersten Saisonspiel wurde Borussia Mönchengladbach auswärts mit 4:0 überrollt, und so ging es weiter. Die Eintracht schwebte durchs erste Saisondrittel, von den ersten elf Spielen gewann sie neun, bei 30:10 Toren. Beins Traumpässe, Okochas Haken, Yeboahs Tore – „Niemals zuvor, niemals danach habe ich besseren und schöneren Fußball spielen dürfen“, sagte Gaudino noch 2011. Schon 1992 war der Begriff „Fußball 2000“ aus der Taufe gehoben worde, Toppmöller kultivierte ihn.

„Bye, bye, Bayern“

Neu war dabei, dass auch der Trainer plötzlich für Schlagzeilen sorgte. Zwecks Motivation brachte er einen lebendigen Adler mit in die Kabine, „ihr müsst den Gegner packen wie der Adler seine Beute“, sagte er. Und als die Bayern aus dem Uefa-Cup flogen, spottete Toppi: „Bye, bye, Bayern.“ Die Eintracht lag in der Liga auf Platz eins, Toppmöllers hohes Ziel, es schien tatsächlich in Erfüllung zu gehen. Wer sollte ihm fußballerisch etwas vormachen?

Aber diese grandiose Mannschaft war nicht nur eine Augenweide, sie war auch eine Schicksalsgemeinschaft, eine Gruppe Gescheiterter, Traumatisierter, mit der größten Enttäuschung der Vereinsgeschichte in den Knochen. Anderthalb Jahre zuvor hatte sie in Rostock den sicher geglaubten Titel am letzten Spieltag aus der Hand gegeben, aus Eitelkeit, aus Arroganz und Egoismus. Und auch 1993 ließen sich die atmosphärischen Störungen kaum durch den sportlichen Erfolg übertünchen. Unter der glatten Oberfläche des schönen Spiels verliefen klare Risse. Und würde es hart auf hart kommen, wer würde dann für seinen Nebenmann bedingungslos einstehen?

„… dann wären wir mit 15 Punkten Abstand Meister geworden“

Und dann dieses Pech. Am neunten Spieltag gegen Dresden verletzte sich Yeboah nach einer Kollision mit einem Mitspieler, in den acht Spielen zuvor hatte er neun Tore geschossen. Yeboah würde den 40-Tore-Rekord von Gerd Müller brechen, hatte Toppmöller prophezeit. „Es gab Leute, die haben gewettet, dass er 60 Tore erzielt“, haderte er Jahrzehnte später im Interview mit 11Freunde. „Wenn Tony Yeboah sich nicht verletzt hätte, wären wir mit 15 Punkten Abstand Meister geworden.“

So aber kam es, wie es kommen musste. Ohne Yeboah begann die Eintracht zu kriseln, im Winter verhandelte man zwar mit Rudi Völler als Ersatz, ein Transfer kam aber nicht zustande. Die Eintracht wurde noch Herbstmeister, sackte in der Rückrunde aber alsbald in der Tabelle ab. Nach drei Niederlagen in nur sieben Tagen war im April für Toppmöller Schluss, ausgerechnet nach einer Pleite gegen in München. Aus „Bye, bye, Bayern“ wurde „Bye, bye, Toppi“. In Summe war er nur neun Monate Cheftrainer der Eintracht. Aber Zeit ist etwas Eigenartiges, manchmal vergeht sie viel zu schnell, manchmal scheint sie sich endlos auszudehnen. Neun Monate? Die Ära Toppmöller fühlt sich in der Retrospektive viel, viel länger an. Wahrscheinlich, weil so unendlich viel passierte.

Toppmöller als Unvollendeter

Wenig später zog es ihn zu Bochum, zu Bayer Leverkusen und auch noch zum Hamburger SV. Mit Bayer verlor er drei Finals in einer Saison, beim HSV kostete ihn wohl auch der Wettskandal um Robert Hoyzer den Job, der ein Pokalspiel des HSV verschob. Und so bleibt Toppmöller – seiner begnadeten Eintracht-Mannschaft von 1993/94 gleich – ein Unvollendeter.

Und vielleicht war das alles Schicksal, der starke Auftakt und die schwache Rückrunde, der schöne Fußball und das tragische Scheitern, Toppis Sprüche und Yeboahs Innenband. Der Fußball ist eigenartig und erklärt sich immer erst hinterher. Das Gefühl aber bleibt, dass mit ein wenig mehr Zurückhaltung vielleicht mehr drin gewesen wäre.

Aber verdammt, dann wäre es doch langweilig gewesen! Alles Gute zum Geburtstag, Klaus Toppmöller.

Quelle: https://www.hessenschau.de/sport/fussball/eintracht-frankfurt/zum-75-geburtstag-von-ex-eintracht-trainer-klaus-toppmoeller-unvollendet-unvergessen-v1,toppmoeller-362.html

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