Sie war Illustratorin, Fotografin und Naturwissenschaftlerin: Die Frankfurter Jüdin Erna Pinner brach mit den Grenzen von Disziplinen ebenso wie mit den Regeln ihrer Zeit. Doch nach der Flucht vor dem Nationalsozialismus geriet sie in Vergessenheit. Das will nun eine Theaterinszenierung ändern.
Naturwissenschaft und Kunst, Freiheit und Verfolgung, Flucht und Neuanfang prägen Erna Pinners Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1907 beginnt sie im Alter von 17 Jahren am Städelschen Kunstinstitut Malerei zu studieren.
Danach zieht es sie in die Welt: Erst nach Berlin und Paris, später auch in den Nahen Osten, Afrika und Mittelamerika. Ihre Erlebnisse hält sie in den beiden Büchern „Eine Dame reist durch Griechenland“ und „Ich reise durch die Welt“ fest.
Neben Aufzeichnungen ihrer Reisen setzt sie sich darin auch mit Rassismus und Frauenfeindlichkeit auseinander. Ein wichtiger Zugang sind für sie Zeichnungen, die sie zu jeder Gelegenheit anfertigt: eine mosambikische Landschaft, Stierkampfszenen, die Hochebene in Bolivien. Darunter ist auch ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt.
Die Inszenierung nutzt Archivtische und historische Fotoprojektionen, um das Schicksal der Künstlerin greifbar zu machen.
Bild © Jessica Schäfer
Ein Theaterstück holt Erna Pinner zurück auf die Bühne
Die Frankfurter Regisseurin Martha Kottwitz hat Pinners Geschichte für ihre Inszenierung „Ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt“ wiederentdeckt, die nun bei den Landungsbrücken Frankfurt im Rahmen der „Tage des Exils“ aufgeführt wird.
Der Titel entstammt einem naturwissenschaftlichen Text der Künstlerin, in dem sie den afrikanischen Lungenfisch beschreibt: Während andere Fische in Austrocknungsperioden sterben, gräbt sich dieser in den Schlamm ein und kann so Monate lang überleben. Der „Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt“ wird in der Inszenierung zu einer Metapher für die Widerstandsfähigkeit der von den Nazis verfolgten Erna Pinner.
Intensive Recherche
Gemeinsam mit ihrem Team recherchierte die Regisseurin Martha Kottwitz dafür lange im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Mit dieser Fülle an Material hätte man in viele Richtungen gehen können, sagt Kottwitz. „Innerhalb der Recherche und im Austausch insbesondere auch mit unseren Performer:innen hat sich dann unser Fokus auf Exil- und Fluchterfahrungen zentriert.“

Szenenfoto einer Schauspielerin hinter einem Schalterfenster mit Schildern, einer Schreibtischlampe und einem roten Telefon
Bild © Jessica Schäfer
Eine Künstlerin zwischen Frankfurt und Exil
Denn Exil und Flucht prägen das Leben Erna Pinners: 1935 wird sie aus der Reichskünstlerkammer ausgeschlossen, weil sie Jüdin ist. Ihre Karriere in Deutschland findet damit ein jähes Ende. Der Aufstieg des Nationalsozialismus zwingt Erna Pinner zur Flucht und in ein Leben im Exil.
Im Gegensatz zu vielen weiteren Vertriebenen gelingt ihr in London jedoch ein beruflicher Neuanfang: Ihre künstlerische Begabung verbindet sie mit ihrem Interesse für Zoologie und Biologie. Sie wird zu einer bekannten Illustratorin für naturwissenschaftliche Zeichnungen.
Die alte Heimat als „gespenstisches Abenteuer“
Doch das Exil prägt sie: Als sie nach fast zwanzig Jahren in London 1955 erneut ihre alte Heimatstadt besucht, beschreibt sie das als „gespenstisches Abenteuer“. Frankfurt erscheint ihr als „irrende Fremde zwischen Wolkenkratzern, Gummibäumen, Glas, Stahl und wieder Glas“. Selbst den Ort, an dem das Haus ihrer Eltern gestanden hatte, kann sie nicht erkennen.

Ein Brief von Erna Pinner vom 9. Oktober 1953 bildet die Grundlage für die Inszenierung.
Bild © Jessica Schäfer
Das Gefühl der Fremde, das sie im Exil beschreibt, findet sie auch in ihrer alten Heimat. Während sie vor dem Krieg eine in Deutschland bekannte und sozial etablierte Künstlerin war, geriet sie durch den Nationalsozialismus in Vergessenheit.
Theaterstück holt Erna Pinner zurück auf die Bühne
Auch Regisseurin Martha Kottwitz ist in Frankfurt geboren. Ihr künstlerischer Ausgangspunkt ist die Musik, später kommt das Theater hinzu. Beides verbindet sie in ihren Stücken.
Diese interdisziplinäre Arbeitsweise spiegelt sich auch in ihrer Inszenierung von „Ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt“ wider. Die szenische Installation über das Leben Erna Pinners bricht mit dem klassischen Theater und vereint Dokumentation, Musik, Schauspiel und interaktive Elemente.

Die Regisseurin Martha Kottwitz und die Dramaturgin Friederike Weidner
Bild © privat, Birgit Hupfeld
Das Publikum wird Teil der Inszenierung
„Bei den Themen Exil und Neuanfang im fremden Land wurde uns schnell klar, dass wir nicht die herkömmlichen Seh- und Rezeptionsgewohnheiten bedienen möchten“, sagt Kottwitz. Sie habe das Publikum auch selbst den Weg finden lassen wollen.
Das Stück ist im ersten Teil des Abends eher dokumentarisch und macht mit dem Leben Erna Pinners bekannt. Der zweite Teil der Inszenierung ist assoziativer und offener: Besucherinnen und Besucher bewegen sich dabei selbst über das Gelände und können die thematisch ausgestalteten Räume erkunden.
Sounds erzeugen Atmosphäre
In einem Raum tönt beispielsweise aus menschengroßen Lautsprechern das Wispern von Brief- und Textfragmenten. In der Installation „Meine feuchte Insel“ erfüllt eine Soundscape des Techartist Omar Tarawneh die Luft, die die Besucherinnen und Besucher in die Atmosphäre des kalten und verregneten Londoner Klimas hineinzieht.
In diese „Londoner Einsamkeit“ kehrt Erna Pinner 1955 nach dem Besuch in ihrer alten Heimat zurück. Die Erfahrung von Fremdheit und Flucht zieht sich trotz des Neuanfangs durch ihre Biografie – und durch das Theaterstück.

Die Soundinstallation an den Landungsbrücken Frankfurt arbeitet mit historischen Schalltrichtern.
Bild © Jessica Schäfer
Auch deshalb endet die Inszenierung nicht allein bei Pinners Geschichte. Sie schlägt den Bogen von ihrer Flucht aus Frankfurt zu den Fragen, die sich heute noch an eine Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner richten.
„Frankfurt war schonmal eine Stadt, aus der Menschen fliehen mussten – und das können wir nicht mehr ungeschehen machen“, sagt die Dramaturgin Friederike Weidner, „Aber vielleicht können wir zumindest dafür sorgen, dass wir in Zukunft eine Stadt sind, die weiterhin Menschen aufnimmt, die woanders nicht leben können“.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/flucht-aus-frankfurt-juedische-kuenstlerin-erna-pinner-im-theater-wiederentdeckt-v1,theaterinszenierung-martha-kottwitz-100.html


