Laut Stefan Kretzschmar ist es der beste Transfer der Liga: Nationalmannschaftskapitän Johannes Golla kehrt wieder zur MT Melsungen zurück. Im Interview spricht der Heimkehrer über seine Anfänge, belastende Gerüchte und den Spundekäs aus dem Rheingau.
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„Bin erwachsen geworden“ – Golla zurück in Melsungen | hessenschau Sport vom 26.08.2026
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Johannes Golla nimmt Platz in der Orangerie in Kassel zum Termin mit dem hr-sport. Am Nachmittag muss er zum Training, es wurde kurzfristig angesetzt, Videositzung inklusive. Selbst für so einen erfahrenen Mann ist vieles in Melsungen noch neu. Im folgenden Gespräch schwärmt er von der MT und besonders von Trainer Roberto Garcia Parrondo – und seinem Entdecker.
hessenschau.de: Johannes Golla, Sie sind nach acht Jahren zurück in Hessen und bei der MT Melsungen. Stimmt es, dass Ihr Vater einst bei Ihren Anfängen hier eine besondere Rolle spielte?
Johannes Golla: Es ist oft der Lauf der Dinge, dass die Eltern von vielen Handballern selbst gespielt haben. Bei mir war es auch so bei meinem Vater, der meine Schwester und mich von klein auf unterstützt und uns angemeldet hat. Wir sind dran geblieben. Als ich 18 Jahre alt war, hatte ein guter Freund von meinem Vater dann einen gewissen Draht zum damaligen MT-Trainer Michael „Schorle“ Roth. Ich weiß gar nicht mehr, ob das nur ein guter Wille oder ernstgemeint war. Aber ich schaute mit meinem Vater beim Training vorbei und durfte mich zeigen. So schlecht habe ich mich anscheinend nicht angestellt.
hessenschau.de: Welche Erinnerungen haben Sie an diesen doch ungewöhnlichen Start?
Golla: Das war wie ein Traum, zum ersten Mal mit den Profis zu trainieren. Ich war sicher noch etwas unbeholfen, weil es eine andere Welt war. Vorher hatte ich nie mit Männern auf diesem Niveau trainiert. Aber ich hatte Blut geleckt und das Training mir Spaß bereitet. Also entschied ich mich damals, den Schritt zu gehen. Ich habe neben der Schule und den Jugendteams immer bei den Profis mittrainiert. So habe ich mich Woche für Woche weiterentwickelt. Es war der Startschuss für meine Laufbahn.
Er kam damals mit seinem Papa in die Stadtsporthalle in Melsungen. Sie hatten über eine Kontaktperson einen Termin gemacht für drei-vier Tage Probetraining. Ich fragte Johannes, welche Position er denn spiele. Er sagte: „Kreisraum oder Rückraum“. Das war in diesem Alter schon sehr ungewöhnlich, dass er sich noch nicht festgelegt hatte. Nach dem ersten Training habe ich gesagt: „Du wirst Kreisläufer. Rückraum kannst du abschminken. Du bist ein Rohdiamant, wir schleifen dich!“ Er war super fleißig und hat mit seinem Talent das Richtige gemacht. Ich bin sehr stolz, ihn auf diesem Weg begleitet zu haben.“
Zitat von
Michael „Schorle“ Roth über das erste Treffen mit Johannes Golla
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hessenschau.de: Sie kannten beim ersten Training Ihre genaue Position noch nicht, sagte uns Michael Roth. Wie war das in Ihren Augen?
Golla: Das stimmt. Ich kam von Eintracht Wiesbaden, dort habe ich tatsächlich Rückraum und Kreis gespielt. Eigentlich wo der Trainer mich aufstellte. Die Position im Rückraum hat mir sogar mehr Spaß gemacht, weil man in der Jugend dann mehr am Spiel teilhaben kann. Nachdem Michael Roth so entschieden hat, war ich eben Kreisläufer. Die Jugend als Rückraumspieler hilft mir dennoch bis heute, weil man das Spiel aus einem anderen Blickwinkel kennt.
hessenschau.de: Sie sind heute einer der besten Kreisläufer der Welt. Roths Empfehlung war also nicht so schlecht…
Golla: Absolut. Und unabhängig von dieser Entscheidung bin ich ihm auch dankbar, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat, hier mitzutrainieren und zu spielen. Das ist nicht selbstverständlich. Ohne ihn und ohne seinen Mut wäre meine Karriere niemals möglich gewesen.
hessenschau.de: Sie machten gleichzeitig Ihr Abitur und mussten die Bücher mal mit zu den Auswärtsfahrten nehmen. Wie verlief der Spagat?
Golla: Im ersten Jahr war ich noch nicht bei vielen Spielen dabei. Doch ich erinnere mich lebhaft an das Auswärtsspiel in Flensburg. Wir hatten etliche Verletzte zu beklagen. Ich hätte eigentlich in die Schule gemusst, aber bin notgedrungen in den Kader gerückt. Zum Glück hat die Schule ihr Okay für die Reise gegeben. Niemand hatte damit gerechnet, dass wir die zwei Punkte holen. Doch wir haben es geschafft. Bei den Mitspielern herrschte auf der Rückfahrt im Bus Partystimmung mit lauter Schlagermusik. Ich aber saß vorne und konnte nicht so feiern, weil ich am anderen Tag in die Schule musste. Da sind zwei Welten aufeinander getroffen.
hessenschau.de: Sie gingen als junger Spieler nach Flensburg. Wie haben Sie sich in den acht Jahren verändert?
Golla: Ich bin ein ganz anderer Mensch. Als ich zusammen mit meiner damaligen Freundin nach Flensburg gegangen bin, war ich 20. Nun komme ich mit 28 zurück, meine Freundin und ich sind verheiratet, wir haben zwei Kinder. Wir sind Erwachsene geworden und stolze Eltern.
hessenschau.de: Und wie hat sich die MT seit Ihrem Weggang verändert?
Golla: Auch hier: Die MT ist ein ganz anderer Verein geworden mit vielen neuen Menschen, die viel bewegen wollen. Klar, Orte wie die Rothenbach-Halle, die Trainingshalle oder selbst die Orteinfahrt nach Melsungen sehen noch genau gleich aus. Aber es fühlt sich alles anders an, weil der Verein anders gelebt wird. Es gab hier deutliche Veränderungen, besonders was die Strukturen und die Professionalität angeht.
hessenschau.de: Als Ihr Transfer zur MT 2024 bekannt wurde, stand das Team auf Platz eins, Sie posierten da noch mit Michael Allendorf. Der damalige Vorstand ist weg, Trainer Roberto Garcia Parrondo geht im nächsten Jahr, in der Liga war Melsungen nicht mehr so stark. Ganz ehrlich: Sind Sie in Bezug auf Ihren Wechsel nicht ins Grübeln gekommen?
Golla: Nein, überhaupt nicht. Natürlich hatte ich damals den Kontakt mit Michael, wir kannten uns schon als Mitspieler, von daher bestand ein großes Vertrauensverhältnis. Damals habe ich auch noch mit Barbara (Braun-Lüdecke) Kontakt gehabt, weil ich sie noch aus meiner Zeit hier kannte. Aber ich habe die Entscheidung schließlich nicht für Michael oder Barbara getroffen, sondern für den Verein und auch für den Schritt nach Hessen. Es hat sich einiges personell verändert, ja, aber deswegen ist der Schritt nicht falsch.
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02:36 Min.|Tim Brockmeier
hessenschau.de: Sie haben Barbara Braun-Lüdecke angesprochen. Sie soll Ihren Wechsel forciert haben. Wie ist Ihr Verhältnis zueinander?
Golla: Unser Kontakt ist nie abgerissen. Wir haben hin und wieder SMS ausgetauscht, uns gegenseitig zum Geburtstag gratuliert. Unabhängig von ihrem Sponsorendasein habe ich sie immer als gute Seele des Vereins wahrgenommen. Ich habe es damals sehr genossen, mit Ihr und Ihrem Mann Martin Zeit zu verbringen, wenn sie beispielsweise bei uns im Trainingslager dabei waren. Sie ist ein Mensch, der mir etwas bedeutet.
hessenschau.de: Im Januar kamen plötzlich Gerüchte auf, Sie würden doch nicht wechseln und stattdessen in Flensburg bleiben. Was war da tatsächlich dran?
Golla: Ich weiß bis heute nicht, wo das herkam. Ich wurde davon komplett überrascht. Die Gerüchte kamen am Finalwochenende der EM auf, also zu einem wahrlich unpassenden Zeitpunkt. Für uns als Familie bedeutete es schon einige unruhige Wochen, weil Dinge kursiert sind, die man erst einmal ausräumen musste. Wir haben schließlich einen klaren Plan gehabt, längerfristig nach Melsungen beziehungsweise Kassel zu ziehen und hier wirklich anzukommen. Doch plötzlich stand ziemlich viel in Frage. Es dauerte, um die Lage zu sortieren.
hessenschau.de: Kurios wurde es im Mai, als Sie beim Final4 der European League im Halbfinale mit Flensburg gegen Melsungen“}]}“>Final4 der European League im Halbfinale mit Flensburg gegen Melsungen spielen mussten. Der Titel bedeutete die Teilnahme an der Champions League. Wie haben Sie die Tage erlebt?
Golla: In den vergangenen zwei Jahren hatten wir auch um diesen Titel gespielt, aber diesmal fühlte es sich anders an, weil das Thema Champions League über allem schwebte. Wir hatten mit Flensburg den Anschluss an den zweiten Platz verloren, Kiel hatte Probleme, Melsungen wäre sonst im nächsten Jahr gar nicht international dabei gewesen. Die MT ging als vermeintlicher Außenseiter ins Turnier, hat am Ende aber verdient gewonnen. Für mich war es keine besondere Situation unmittelbar während der Spiele, aber insgesamt natürlich eine verrückte Konstellation.
hessenschau.de: Sie sind Kapitän der Handball-Nationalmannschaft, wollen aber hier in Melsungen nicht mal im Mannschaftsrat sein. Warum?
Golla: Timo (Kastening) ist genau der richtige Kapitän für die Mannschaft. Zusammen mit Nebojsa Simic ist er am längsten im Verein, er kennt alle Menschen und weiß, wie der Verein und das Umfeld ticken. Für mich fühlt es sich im ersten Jahr nicht richtig an, so ein Amt auszuüben oder Ansprüche auf den Mannschaftsrat zu stellen. Ich muss erst mal ankommen in Nordhessen. Und: Ich muss ins Spielsystem finden. Zudem geht es darum, ganz viele Menschen näher kennenzulernen, damit ich wirklich eine Führungsrolle für sie übernehmen kann.
hessenschau.de: Sie haben das Spielsystem angesprochen. Melsungen setzt oft auf das 7 gegen 6. Wie schwer wird Ihnen diese Umstellung fallen?
Golla: Es ist eine Herausforderung, die ich gerade sogar genieße. Ich muss jedes Training meinen Kopf hundertprozentig anschmeißen und viele neue Aspekte lernen. Ich habe noch nie mit einem Trainer gearbeitet, der so detailliert und perfektionistisch die Dinge angeht wie hier. Er hat folgerichtig auch die Erwartungen, dass seine Pläne richtig umgesetzt werden. Dieses spanische Handballsystem ist kreisläuferlastig. Der Schritt nach Melsungen passt eben auch deshalb gut, weil ich meinen sportlichen Horizont erweitere bei Roberto. Ich wollte mich auch als Sportler weiterentwickeln. Und nach den ersten Wochen kann ich sagen: Ich fühle mich in der Entscheidung bestätigt.
hessenschau.de: Haben Sie ein Beispiel für die besondere Herangehensweise von Parrondo?
Golla: Das 7 gegen 6 wurde angesprochen. So viele Varianten hat keine andere Mannschaft in der Bundesliga, das weiß ich aus Gegnersicht. Es war immer unglaublich schwierig, Melsungen auszurechnen. Die Detailliebe geht bei Kleinigkeiten los, wie man 2 gegen 2 spielt, wie man in der Abwehr steht, um dem Gegner das Leben so schwer wie möglich zu machen. Für mich ergeben sich neue Blickwinkel.
hessenschau.de: In einer Expertenrunde bei Dyn wurde die MT sogar auf Platz zwei getippt. Was ist drin?
Golla: Der zweite Platz wäre schon sehr ambitioniert. Es sind fünf, sechs, vielleicht sogar sieben Teams in dieser Saison, die ein Riesenpotenzial haben und über einen guten Start in einen Flow kommen können. Dann können diese Teams auch ein Wörtchen ganz oben mitreden. Ich zähle auch uns mit dazu, weil wir einen super Trainer haben, eine super Mannschaft. Aber – auch wenn ich das Thema nicht zu groß machen will – sind wir in puncto Verletzungen nicht so unbeschadet durch die Vorbereitung gekommen. Wir hatten wenig Einheiten mit voller Mannschaft. In der idealen Welt wären wir jetzt schon weiter. Trotzdem bin ich vorsichtig optimistisch: Wir haben viel Qualität und verspüren eine große Vorfreude im Verein auf die erste Teilnahme in der Champions League. Diesen Geist wollen wir mit in die ersten Spiele nehmen.
hessenschau.de: Haben Sie eine Erklärung, warum es in Melsungen immer so viele Verletzungen gibt?
Golla: Ich kann mir das auch nicht erklären, manchmal ist auch Pech dabei. Ich kenne auch aus Flensburg Spielzeiten, in denen plötzlich viele Ausfälle aufgetreten sind. Manchmal ist es ein Teufelskreis, wenn einige Spieler ausfallen und die anderen dadurch eine größere Belastung aushalten müssen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für weitere Verletzungen. Jetzt wird sogar der Hallenboden ausgetauscht, obwohl ich das nicht einmal als wichtigste Ursache sehen würden. Doch man merkt: Alle arbeiten an einer Lösung.
hessenschau.de: Die MT muss zum Start zu den Füchsen Berlin, es warten noch Gummersbach, das für viele als Überraschungsteam gehandelte Stuttgart und Magdeburg. Ein knackiges Programm, oder?
Golla: Da ist von allem was dabei. Die Bundesliga ist super stark. Wir haben zumindest in Berlin keinen Druck. Zum Start weiß eh noch keiner, wo man steht. Wir haben die Ambitionen, Berlin einen schwierigen Abend zu bereiten. Da können wir definitiv mithalten. Auch das zweite Spiel gegen Göppingen ist schwierig. Sie hatten zum Ende der vergangenen Saison einen Lauf und haben sich verstärkt. Also ja, es ist ein hartes Programm, aber ich freue mich drauf. Wir können direkt unsere Qualität beweisen.
hessenschau.de: Die Handball-Bundesliga verkündet einen Kracher-Transfer nach dem anderen, Dika Mem zu Berlin, die Costa-Brüder nach Flensburg undundund. Wie sehen Sie das als Spieler?
Golla: Es ist super für die HBL, zeigt auch, dass die Klubs hier einen guten Job machen und wir den sportlich attraktivsten Wettbewerb bieten. Ich mache mir Sorgen um die internationalen Topklubs. In der Vergangenheit sind solche Spieler oft dorthin gegangen und nicht alle in die Bundesliga. Jetzt zentriert sich alles auf Deutschland. Aus Spielersicht merkt man: Es wird nicht leichter, die Spiele zu gewinnen.
hessenschau.de: Abschließend: Gibt es etwas typisch Hessisches, das Sie seit Ihrer Rückkehr wieder schätzen?
Golla: Erst einmal die Nähe zur Familie natürlich. Kulinarisch: Die Kinder und wir sind große Fans vom Spundekäs. Der kommt bei uns aus der Heimat im Rheingau. In den Weingütern wird es oft als Snack ausgegeben. Den gibt’s hier auch im Supermarkt.
hessenschau.de: Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Ron Ulrich.
Quelle: https://www.hessenschau.de/sport/handball/mt-melsungen/johannes-golla-ich-habe-noch-nie-so-einen-trainer-wie-parrondo-erlebt-v1,interview-golla-100.html



