Karneval

Mutmaßlicher Spendenbetrug in Mittelhessen: Worauf Spender achten sollten

Mutmaßlicher Spendenbetrug in Mittelhessen: Worauf Spender achten sollten

Eine Gießenerin soll die Krebserkrankung ihres Sohnes erfunden, mehr als 350.000 Euro an Spenden gesammelt und ihre Kampagne über soziale Medien vorangetrieben haben. Nun wird in Wetzlar ein ähnlicher Fall verhandelt. Experten warnen vor Betrugsrisiken bei privaten Spendenaufrufen.

Es ist ein Fall, der selbst erfahrene Ermittler und Experten aufhorchen lässt: Eine Mutter soll in Gießen über Jahre hinweg die schwere Krebserkrankung ihres Sohnes erfunden und damit mehr als 350.000 Euro an Spenden gesammelt haben. Offenbar glaubte das Kind selbst jahrelang, es sei sterbenskrank.

Inzwischen ist bekannt: Ab kommenden Dienstag wird in Wetzlar ein weiterer, offenbar ähnlich gelagerter Fall verhandelt. Dort soll eine Mutter aus Lahnau (Lahn-Dill) mit falschen Angaben über die Erkrankung ihres Kindes rund 57.000 Euro erschlichen haben. Das Geld sei angeblich für Medikamente bestimmt gewesen.

Audiobeitrag


Audio

00:39 Min.
|hessenschau.de (Rebekka Dieckmann)

Bild © hessenschau.de|
zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

Dass gleich zwei derartige Prozesse innerhalb kurzer Zeit in Mittelhessen verhandelt werden, ist bemerkenswert. Das bestätigt auch die Staatsanwaltschaft Wetzlar. Nach ihren Angaben gibt es bislang trotz der zeitlichen Überschneidungen und der räumlichen Nähe keine Hinweise auf einen Zusammenhang.

In beiden Fällen sollen Spendenkampagnen intensiv über soziale Medien vorangetrieben worden sein. Die in Gießen angeklagte Mutter soll über die Plattform GoFundMe mehrere Zehntausend Euro an Spenden gesammelt und ihre Kampagne in mehreren sozialen Netzwerken verbreitet haben. Im Wetzlarer Fall sollen die Spenden vor allem über Aufrufe bei Instagram eingeworben worden sein.

Private Spendenkampagnen gewinnen an Bedeutung

Nach Angaben von Branchenvertretern gibt es seit Jahren immer mehr privat initiierte Spendenkampagnen. Auch die hessenschau-Redaktion beobachtet, dass immer häufiger Kampagnen mit teils hoher Reichweite entstehen, etwa nach Krankheiten, Schicksalsschlägen oder Naturereignissen.

Besonders die Bedeutung der US-amerikanischen Plattform GoFundMe wächst in Deutschland. Nach Angaben des Unternehmens wurden hierzulande inzwischen mehr als 500 Millionen Euro über die Plattform gesammelt. Deutschland gelte inzwischen als wichtigster Wachstumsmarkt, berichtete der Chef von GoFundMe erst kürzlich im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Gleichzeitig gibt es immer wieder spektakuläre Betrugsfälle auf der Plattform, bislang häufig aus dem englischsprachigen Raum. In den USA etwa sammelte eine Frau über Jahre Spenden für eine angebliche Krebserkrankung, die es nie gegeben hatte.

Doch auch im Zusammenhang mit einem GoFundMe-Aufruf aus Essen wurde kürzlich ein Betrugsfall bekannt. Betrüger kopierten Fotos eines tatsächlich kranken Kindes und nutzten diese für eigene Spendenkampagnen.

Nahaufnahme einer verpixelten Angeklagten in einer dunklen Perücke in einem hellen, modernen Gerichtssaal


In Gießen steht eine 42-Jährige seit Anfang September wegen Betrugs vor Gericht.
Bild © Rebekka Dieckmann, hr


DZI: „Allein ein Aufruf auf GoFundMe ist kein Glaubwürdigkeitsbeleg“

Eine deutliche Zunahme solcher privaten Spendensammlungen ohne Anbindung an bestehende Organisationen beobachtet auch Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Auch er sieht eine wachsende Bedeutung insbesondere von GoFundMe.

Weitere Informationen

Das DZI prüft gemeinnützige Organisationen auf Transparenz und Spendenverwendung und vergibt ein entsprechendes Siegel. Die Stiftung klärt zudem öffentlich über das Spendenwesen auf.

Ende der weiteren Informationen

Wilke meint: Derartige Kampagnenplattformen hätten durchaus Potenzial. Sie ermöglichten schnelle und unkomplizierte Einzelfallhilfe. Gleichzeitig seien damit höhere Risiken für Spenderinnen und Spender verbunden als mit Spenden über etablierte Hilfsorganisationen oder Stiftungen, die meist strenge Verifikationskriterien hätten. Wirklich vertrauen könne man den Angaben auf derartigen Plattformen vor allem dann, wenn man die Aufrufenden persönlich kenne, meint Wilke.

Hier sei der Gießener Fall sicherlich eine Besonderheit. Wilke spricht von einem „eklatanten Fall“, der in dieser Größenordnung und mit einer derart hohen kriminellen Energie nur sehr selten vorkomme. Außergewöhnlich sei, dass hier offenbar auch mit gefälschten Dokumenten und Bildern gearbeitet wurde. Auch erfahrene Vereinsvertreter, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Journalisten glaubten der Frau.

DZI: Warnsignale erkennen

Als Warnsignale nennt Wilke vor allem lückenhafte Informationen und rein emotionale Appelle. Spenderinnen und Spender sollten prüfen, ob konkrete Angaben zu Kliniken, Behandlungen oder Kosten gemacht werden und ob nachvollziehbare Nachweise vorliegen. „Es gibt da keine dummen Fragen“, betont er.

Wilke fordert, dass sich gerade Medien und Institutionen nicht darauf verlassen dürften, andere hätten die Angaben bereits geprüft. Notwendig seien Plausibilitätsprüfungen, auch wenn eine Geschichte auf den ersten Blick glaubwürdig erscheine.

Spendenrat: Kein Geld auf Privatkonten überweisen

Was viele Spender nicht wissen: Die Plattform GoFundMe selbst ist kein gemeinnütziger Träger, sondern ein gewerbliches Unternehmen. Für Spenden über die Plattform gibt es keine steuerlich absetzbare Spendenquittung. Zudem erhebt die Plattform Gebühren, die von der Spendensumme abgezogen werden.

Martin Wulff, Geschäftsführer des Deutschen Spendenrats, beobachtet ebenfalls einen Anstieg privater Spendensammlungen auf GoFundMe und vergleichbaren Plattformen. Nach seinen Angaben wenden sich auch immer mehr Menschen an den Spendenrat, weil sie Fragen zur Seriosität solcher Sammlungen haben.

Weitere Informationen

Der Deutsche Spendenrat vertritt als Dach- und Lobbyverband die Interessen verschiedener spendenfinanzierter Mitgliedsorganisationen. Er vergibt ein eigenes Transparenzsiegel.

Ende der weiteren Informationen

Der Spendenrat empfehle, eher an etablierte und zertifizierte Organisationen zu spenden. Wachsam werden sollte man zudem, wenn Zeitdruck aufgebaut werde. „Seriöse Spendenorganisationen verfügen über eine Anerkennung des Finanzamts, stellen Spendenbescheinigungen aus und legen transparent offen, wer hinter der Sammlung steht und wie die Gelder verwendet werden“, sagt Wulff.

Insbesondere sollte man keine größeren Summen direkt auf Privatkonten von unbekannten Menschen überweisen, appelliert er. „Das ist dann rechtlich eine Schenkung, und in Betrugsfällen hat man überhaupt keine Chance, etwas zurückzubekommen.“

GoFundMe verweist auf Kontrollen und Spendengarantie

Die hessenschau hat GoFundMe einen umfangreichen Fragenkatalog zur Verifikation sowie zur Häufigkeit und zum Vorgehen bei Betrugsfällen geschickt, auch zum konkreten Gießener Fall.

Die Plattform teilte mit: Missbrauch komme „weiterhin nur sehr selten“ vor. Jeder Spendenaufruf werde von einem „Vertrauens- und Sicherheitsteam“ geprüft, unterstützt durch Technologie zur Betrugserkennung sowie Identitätsprüfungen der Zahlungsdienstleister. Konkrete Zahlen nannte GoFundMe jedoch nicht.

Spendenaufrufe könnten über die Plattform jederzeit gemeldet werden. „Ergibt eine Prüfung ein Problem, können wir die Kampagne pausieren oder entfernen.“ Eine sogenannte Spendengarantie stelle sicher, „dass Spenderinnen und Spender in den seltenen Fällen, in denen etwas nicht stimmt, schadlos gehalten werden“.

Im konkreten Gießener Fall habe man Erstattungsansprüche von Spenderinnen und Spendern, die sich wegen dieses Spendenaufrufs an die Plattform gewandt hatten, erfüllt und mit den Ermittlungsbehörden in dieser Angelegenheit kooperiert.

Experten: Kein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Hilfsaktionen

Burkhard Wilke vom DZI sagt: Hinter dem Großteil der Anliegen auf GoFundMe stünden wahrheitsgetreue Geschichten. Die bloße Veröffentlichung eines Aufrufs auf der Plattform sei jedoch kein Beleg für dessen Glaubwürdigkeit.

Er warnt dennoch davor, aus den aktuellen Betrugsvorwürfen ein allgemeines Misstrauen gegenüber Hilfsaktionen abzuleiten. „Das Falscheste wäre jetzt, wenn spontane Hilfe für viele Menschen als unvertretbar oder fahrlässig erscheinen würde“, sagt er.

Spendenrats-Geschäftsführer Martin Wulff bezeichnet die Berichte aus Mittelhessen als erschreckend. Auch er spricht von hoher krimineller Energie, sollten sich die Vorwürfe tatsächlich vor Gericht bestätigen.

Einen dauerhaften Schaden für die Spendenbereitschaft in Deutschland erwarte er durch solche Vorfälle allerdings nicht. Bislang gebe es keine Anzeichen dafür, dass das Vertrauen in Hilfsorganisationen und die Spendenbereitschaft in Deutschland grundsätzlich zurückgegangen seien.

Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/mutmasslicher-spendenbetrug-in-mittelhessen-worauf-spender-achten-sollten-v1,spendenbetrug-mittelhessen-100.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert