Mit moderner Musik, alltagstauglichen Themen und einem Imbiss danach: Die evangelische Kreuzkirche in Fulda hat vor 20 Jahren mit alternativen Gottesdiensten begonnen. Zu dem Format kommen auch Menschen, mit denen man nicht unbedingt rechnet.
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00:39 Min. |hessenschau.de (Jörn Perske)
Dieser Gottesdienst ist alles andere als gewöhnlich. Deswegen nennt ihn Pfarrer Stefan Bürger auch den „anderen Gottesdienst“. Es ist ein Programm-Format, das sich von den üblichen Gottesdiensten in der evangelischen Kreuzkirche Fulda deutlich unterscheidet.
Weil der andere Gottesdienst – mit moderner Musik und lebensnahen Themen – dreimal so viele Menschen wie sonst anzieht, hat das Format auch so lange überlebt. Am 8. November wird das 20-jährige Bestehen gefeiert. „Dass es so gut laufen würde, habe ich damals nicht gedacht“, sagt der Gemeindepfarrer aus Fulda-Neuenberg der hessenschau, „aber gehofft“.
Gottesdienst für Langschläfer
Der Gottesdienst findet vier- bis fünfmal im Jahr statt und heißt: „AAAanderer Gottesdienst“: Die drei A stehen für „Ausschlafen – Aufatmen – Aufeinander zu gehen“. Es beginnt schon damit, dass Besucher sonntags länger schlafen können. Der Gottesdienst beginnt erst um 11 Uhr. 10 Uhr sei eine „doofe Zeit“, vor allem für Familien, findet Bürger.
Wenn’s losgeht, steht Bürger auch nicht wie sonst im Talar vor der Gemeinde. Er trägt Alltagskleidung, zum Beispiel Jeans, T-Shirt und Kapuzenjacke. Begleitet wird seine Predigt nicht von Orgelklängen, sondern von moderner, christlicher Popmusik. Die Kreuzkirchen-Band spielt seitlich neben dem Altar – mit Bass, Schlagzeug und Gesang.

Bei AAA-Gottesdiensten gibt es auch moderne Musik, wie hier von der Band der Kreuzkirche.
Bild © Kreuzkirche Fulda
Teamwork statt „One-Man-Show“
Doch das ist bei Weitem nicht der einzige Part, der vom großen Helfer-Team getragen wird. Es gibt 30 bis 40 Ehrenamtliche, die an einem Gottesdienst mitwirken. „Das ist keine One-Man-Show“, betont Bürger. Unterstützung leistet etwa das „Team Gastfreundschaft“. Es sorgt nach dem Gottesdienst für Essen für alle – natürlich auch für die Gäste. Dann ist auch Zeit für lockeren Austausch zum Thema des Tages.
Denn beim anderen Gottesdienst werden Themen behandelt, die etwas mit dem Leben und Alltag der Menschen zu tun haben sollen – und das in leicht verständlicher, nicht theologischer Sprache. Zuweilen wird auch über schwere Themen gesprochen. „Es ging auch schon um Suizid. Es kamen viele Menschen – auch welche, die ich vorher noch nie gesehen hatte.“ Einige seien danach so aufgewühlt gewesen, dass auch Tränen flossen.
Bunter Themen-Mix, der begeistern soll
Doch meist werden lebensfrohere Themen behandelt. „Wir wollen ja nicht depressiver aus der Kirche gehen, als wir gekommen sind.“ Mal gehe es um den „Spaß am Glauben“, um „Verzicht“ oder „Neinsagen“. „Die Bandbreite ist bunt. Es sind Themen, die einen aktuellen Bezug oder auch biblischen Hintergrund haben können“, erklärt Bürger.

Pfarrer Stefan Bürger predigt bei den Programm-Gottesdiensten in Alltags-Kleidung und präsentiert seine Themen mit dem Tablet-PC in der Hand.
Bild © Jörn Perske (hr)
Inspiration für Themen bekommt der Pfarrer aus der öffentlichen Diskussion, dem Zeitgeist, aus Gesprächen, Büchern, Musik und Filmen. „Die Menschen wollen in der Kirche nicht gelangweilt werden mit den immer gleichen Themen. Sie wollen begeistert werden“, sagt Bürger. Und im besten Fall atmen sie danach auf und gehen aufeinander zu – wie es der Gottesdienst-Titel propagiert.
Dreimal so viele Gäste wie sonst
Das Konzept geht laut Bürger auf. Zu den anderen Gottesdiensten kommen im Schnitt um die 100 Menschen statt 30 wie zu normalen Gottesdiensten in der Stadtteilkirche, wie Bürger sagt. Er mache immer wieder Befragungen und Analysen. Dabei zeige sich auch: „Es kommen auch etliche Menschen, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben.“ Jeder Fünfte sei Katholik – etwas Besonderes in der Katholiken-Hochburg Fulda.

Die Kreuzkirche Fulda ist bei den sogenannten AAA-Gottesdiensten dreimal so voll wie bei üblichen Gottesdiensten.
Bild © Kreuzkirche Fulda
Es gibt parallel auch einen Kindergottesdienst – und somit ein Angebot für die ganze Familie. Und wer gar nicht kommen kann, kann auf dem YouTube-Kanal folgen. Die Kreuzkirche ist auch bei Facebook und Instagram präsent.
In Osthessen sei die Kreuzkirche eine der ersten evangelischen Kirchengemeinden gewesen, die mit solchen oder ähnlichen Programm-Gottesdiensten den Gläubigen ein alternatives Angebot gemacht habe. Inspiration hat sich Bürger schon vor dem Start im März 2006 bei einer Gemeinde in Eschborn-Niederhöchstadt (Main-Taunus) bei den „Go Special„-Gottesdiensten geholt, wie er sagt.
„Das ist etwas Besonderes“
Sabine Kropf-Brandau ist beeindruckt von den AAA-Gottesdiensten. Die Pröpstin des Sprengels Hanau-Hersfeld sagt: „Das ist etwas Besonderes. Und vor 20 Jahren waren solche Angebote selten. Die Kreuzkirche hat in einer Zeit damit begonnen, in der traditionelle Gottesdienste vorherrschten.“
Pfarrer Bürger habe eine Gabe als „Socializer, Netzwerker und Kommunikator,“ dem es gelungen sei, viele Menschen zu aktivieren, sagt Kropf-Brandau. Und das in Zeiten, in denen Kirchen vielerorts die Bindung zur Gesellschaft verlieren und die Mitgliederzahlen in der katholischen und evangelischen Kirche sinken.
Die Kreuzkirche ist in den vergangenen Jahren gegen den Trend gewachsen und hat sogar einen Anbau errichtet, während andernorts Kirchen schließen und umgewidmet werden. Aus einer ist ein Kletterzentrum geworden.
Regionalbischöfin Kropf-Brandau weiß um weitere ungewöhnliche Gottesdienstformen und -orte. In Osthessen gab und gibt es welche in Kneipen, am Autoscooter beim Volksfest, im Friseursalon, in Parks oder an Lieblingsorten von Gemeindemitgliedern. Kropf-Brandau sagt: „Das alles spricht dafür, sich zu öffnen und Neues auszuprobieren.“ So wie es die Kreuzkirche erstmals vor 20 Jahren mit dem anderen Gottesdienst getan hat.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/dreimal-so-viele-besucher-was-diesen-fuldaer-gottesdienst-erfolgreich-macht-v1,anderer-gottesdienst-kreuzkirche-fulda-100.html


