Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt nach hr-Recherchen gegen einen HNO-Arzt im Rhein-Main-Gebiet. Es geht um verschiedene Sexualdelikte und gefährliche Körperverletzung. Der Mediziner soll über Jahre mindestens neun junge Männer gequält haben.
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03:11 Min.|Heike Borufka
Was die Staatsanwaltschaft Frankfurt dem Mediziner aus dem Rhein-Main-Gebiet vorwirft, liest sich selbst in der nüchternen Sprache der Juristen schockierend: Bei den Ermittlungen geht es um sexuelle Übergriffe mit Gewalt, sexuelle Nötigung, sexuellen Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses und gefährliche Körperverletzung.
Anfang Mai wurde die Praxis des Hals-Nasen-Ohren-Arztes durchsucht. Der Tatzeitraum lag laut Staatsanwaltschaft zwischen 2009 und 2025.
„Nur ich kann Sie heilen“
Der hr hat mit einigen der Betroffenen gesprochen. Zu ihrem Schutz haben wir ihre Namen geändert. Die meisten der Männer sind im Alter von Anfang bis Ende 20. Einige sind schon älter, sehen aber jünger aus. Keines der mutmaßlichen Opfer ist laut Staatsanwaltschaft minderjährig.
Die Betroffenen berichten, sie hätten den Arzt wegen chronischer Probleme der Neben- oder Kieferhöhlen oder Allergien aufgesucht. Sie beschreiben ihn als manipulativ: Der Arzt habe ihnen sofort vermittelt, ihre Beschwerden seien sehr schwerwiegend und müssten schnell behandelt werden. Sätze wie „Nur ich kann Sie heilen“ und „Wir müssen sofort damit anfangen“ sollen gefallen sein.
Extrem schmerzhafte Behandlung
Einige Männer ließen sich nach eigenen Angaben von dem Arzt zu einer Operation überreden, andere wurden ambulant behandelt. Alle Betroffenen berichten von einer extrem schmerzhaften Behandlung.
Der HNO-Arzt habe dabei ohne Vorwarnung mit einem Gerät, das wie ein Spatel aussehe, durch die Nase in den Kiefer- oder Nebenhöhlen geschabt. Einige der Anzeigeerstatter sagen, er habe „rumgekratzt“.
Betroffene berichten von Übergriffen
Den Patienten soll der Arzt gesagt haben, er punktiere beziehungsweise belüfte die betroffenen Bereiche. Dabei hätten die Männer auf dem Behandlungsstuhl gelegen. Der Arzt habe sich während dieser schmerzhaften Behandlung über sie gebeugt, sich zum Teil auf sie gelegt. Er habe Stoßbewegungen gemacht, sich an ihnen gerieben.
Einige berichten, er habe dabei gestöhnt. Andere sagen, der Arzt habe ihren Kopf, ihr Gesicht oder die Beine gestreichelt. In manchen Fällen soll er außerdem mit zwei Fingern in den Mund gegriffen haben.
Wegen der heftigen Schmerzen sei es den Männern nicht möglich gewesen, sich zu wehren. André, 24, sagt: „Ich habe mich einfach geschämt und lange überlegt, warum ich das zugelassen habe. Aber ich konnte nichts machen.“
Sexuell konnotierte Aussagen
André und die anderen Betroffenen erklären im Gespräch mit dem hr, die Worte des Arztes hätten sich wie „Dirty Talk“ angehört. Er habe während der Behandlung Sätze gesagt wie: „Richtig toll machst du das“, „Sie sind jetzt mal ein guter Junge und lassen das über sich ergehen“ oder „Heute beißen wir mal die Zähne zusammen“.
Der 28 Jahre alte Luca berichtet: „Das war wie ein Pendel aus Nähe und Distanz, weil er sehr väterlich war und dann wieder sehr streng. Das Schema war immer dasselbe.“
Bislang neun Betroffene bekannt
Auf Anfrage bestätigt die Staatsanwaltschaft Frankfurt, dass alle Taten, die dem Arzt zur Last gelegt werden, im Zusammenhang mit ärztlichen Behandlungen stehen.
Sie bestätigt auch, dass es bei einigen der bislang bekannten neun mutmaßlichen Betroffenen zu mehreren Vorfällen gekommen sein soll. Die genaue Anzahl werde derzeit noch ermittelt. Wie hoch die Dunkelziffer ist, vermag derzeit niemand zu sagen.
Vorwürfe auch in Online-Bewertungen
In Bewertungen auf der Homepage des Arztes finden sich ähnliche Beschreibungen wie die der Anzeigeerstatter. Darin wird vor dem Arzt und seinen Methoden gewarnt. Diese negativen Rezensionen entdeckte auch der Betroffene Max, nachdem er vor mehr als 15 Jahren Hilfe bei dem Arzt gesucht hatte.
Er habe damals massive Probleme mit den Nebenhöhlen gehabt, der Mediziner sei ihm als Koryphäe empfohlen worden. Fünfmal habe er ihn operiert. Auch Max berichtet von den extremen Schmerzen der Nachbehandlung.
„Ich dachte, man muss da durch“, erzählt Max. „Das zieht so richtig am Zahn, geht ganz tief rein – höchster Schmerzlevel ist das. Ich weiß nicht, was für ein Sadismus dahintersteckt.“ Max war damals Ende 20. Heute fühle er sich schuldig, weil er seine Erlebnisse bei dem Arzt nicht früher gemeldet hat, sagt er dem hr.
Arzt äußert sich nicht
Einige der Betroffenen haben nach eigener Aussage auch die Landesärztekammer eingeschaltet und dort Beschwerdeverfahren angestrengt. Dem hr liegt ein entsprechendes Schreiben vor. Mit Hinweis auf den Datenschutz will die Landesärztekammer das nicht bestätigen.
Der hr hat versucht, Kontakt zu dem beschuldigten Arzt aufzunehmen. Auf Mails und einen Anruf reagierte er nicht. Sein Anwalt teilte dem hr mit: „Nach eingehender Beratung habe ich unserem Mandanten empfohlen, sich zu dem von Ihnen thematisierten Ermittlungsverfahren derzeit nicht zu äußern und Ihre Fragen im jetzigen Verfahrensstadium nicht zu beantworten.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/gewalt-vorwuerfe-gegen-arzt-ich-weiss-nicht-welcher-sadismus-dahintersteckt-v1,hno-arzt-vorwuerfe-100.html


