Die Deutschpunk-Ikonen verabschieden sich mit einer großen Tour von der Bühne: Am Samstagabend haben die Toten Hosen bei Rekordhitze ihr letztes Konzert auf hessischem Boden gespielt. Ein legendärer Abend mit Beigeschmack.
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00:35 Min.|Julian Moering
Eines vorweg: Das Konzert war eine Qual. Nicht, weil die Band so schlecht war, ganz im Gegenteil. Es war eine Qual, weil es stattgefunden hat an einem Tag, an dem die Hitzerekorde in Hessen nur so purzelten. In Frankfurt kletterten die Temperaturen am Samstag auf über 41 Grad.
Die Rekord-Hitze verwandelte das Waldstadion, wo die Toten Hosen im Rahmen ihrer Abschiedstour „Trink aus! Wir müssen gehen“ am Samstagabend gastierten, in eine Sauna. Kein Entkommen. Der Schweiß floss bei den rund 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauern in Strömen, die Anstrengung stand vielen ins knallrote Gesicht geschrieben.
Gestandene Punks, die sich mit kleinen japanischen Fächern verzweifelt lauwarme Luft zuwedelten, hektoliterweise über Köpfen ausgegossenes Wasser, nasse Handtücher im Nacken und batteriebetriebene Ventilatoren vor dem Gesicht.
Vollgas bis zur Erschöpfung
Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, wird dieser Abend vielen noch lange im Gedächtnis bleiben. Denn frei nach dem Motto „Jetzt ist auch egal“ gaben die Toten Hosen und das Publikum Vollgas bis hin zur totalen Erschöpfung. Manchmal muss man sich eben quälen, um belohnt zu werden.
„Willkommen in der heißen Hölle von Frankfurt“, schrie Frontmann und Sänger Campino ins Mikrofon, als er die Bühne betrat. Was folgte war eine zweieinhalbstündige Reise durch die 44-jährige Geschichte der heute fünfköpfigen Band, die alle Beteiligten nicht so schnell vergessen werden.
Die klassisch gehaltene Bühne war umrahmt von vier Videoleinwänden, zwei an der Seite, zwei in der Mitte. Darauf wurden neben Live-Bildern vom Konzert auch alte Fotos und Alben-Cover aus den früheren Tagen der Toten Hosen gezeigt – meist gehalten in einem Retro-Pop-Art-Look.
Geschlossenes Dach und Trinkwasser gegen die Hitze
Das Stadiondach war geschlossen, um die Menschen vor der direkten Sonneneinstrahlung zu schützen. Das sorgte allerdings dafür, dass im Innenraum stehende Hitze herrschte. Die Veranstalter hatten rund um das Stadion Trinkwasser-Stellen eingerichtet, an denen sich die Besucherinnen und Besucher kostenlos versorgen konnten.
Zudem gab es an den Getränkeständen Wasser zum vergünstigten Preis. Auch aus dem Graben vor der Bühne wurden die Menschen über die ganze Dauer des Konzerts mit Wasser versorgt.
Es gab dennoch kein Entkommen, die Hitze war brutal. Doch schon beim ersten Song, dem legendären „Opel-Gang“ vom gleichnamigen Debüt-Album aus dem Jahr 1983, war die Qual (fast) vergessen. Das Publikum war in Sachen Stimmung sofort auf Temperatur – und sollte auch nicht mehr abkühlen.
Die Toten Hosen lieben die Bühne, allen voran der mit Hang zur Selbstdarstellung ausgestattete Campino. Das war auch in Frankfurt zu spüren. Der charismatische Frontmann kletterte zwar nicht mehr aufs Bühnendach, wie er das in jüngeren Tagen gerne tat, still stand er aber auch mit 64 nicht. Er rannte, schrie und sprang bis ihm der Schweiß in Bächen den Körper herabfloss.
Ekstase bis in die letzte Reihe
Niemanden, wirklich niemanden, hielt es dabei auf den Sitzen. Von Reihe eins vor der Bühne bis zum letzten Sitzplatz unter dem Dach machten alle mit. Der Gesang bei Songs wie „Hier kommt Alex“, „Wünsch dir was“ oder „Bonnie & Clyde“ dürfte jeden Torschrei bei Eintracht Frankfurt in Sachen Lautstärke in den Schatten gestellt haben.
Das ist selten bei Stadionkonzerten und zeigt, wie die Toten Hosen es seit Jahrzehnten verstehen, die Massen zu begeistern. Gemeinschaftsgefühl herstellen war schon immer die große Stärke der Düsseldorfer.
Lieder wie „Eisgekühlter Bommerlunder“ oder „Zehn kleine Jägermeister“ wurden in jeder Kneipe gegrölt, „Tage wie diese“ auf jeder Fanmeile. Die Band hat sich mit Uli Hoeneß angelegt, aber auch mit Rechtsradikalen und Gott. In den meisten Songs ging es aber darum, das Leben zu feiern – mit viel Pathos, lauter Musik und Alkohol.
So wie an diesem Abend in Frankfurt. Emotionaler Höhepunkt war sicher das Lied „Schönen Gruß, auf Wiedersehen“. Dort heißt es im Refrain: „Darum sagen wir auf Wiederseh’n. Die Zeit mit Euch war wunderschön. Es ist wohl besser jetzt zu geh’n, wir können keine Tränen sehn. Schönen Gruß und auf Wiederseh’n.“
Angesichts dessen, dass es für viele Anwesende wohl das letzte Toten-Hosen-Konzert ihres Lebens gewesen sein dürfte, flossen doch die ein oder anderen Tränen im Innenraum und auf der Tribüne. Abschiedsschmerz geht ganz tief rein.
Eine Absage wäre vernünftig gewesen
Aber zur Wahrheit dieses Abends gehört trotz aller Euphorie und Emotion auch, dass ein Risiko eingegangen wurde. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer hatten körperlich schwer mit der Hitze zu kämpfen.
„Die Temperaturen sind nicht ideal, aber es ist besser, es durchzuziehen als abzusagen“, sagt Campino zu Beginn des Abends auf der Bühne. Tausende hätten sonst nachhause fahren müssen.
Stimmt, aber Band und Veranstalter hatten lange Zeit, die Hitze kam nicht überraschend. Bei Großveranstaltungen wie diesen geht es immer um sehr viel Geld, sowie logistische und zeitliche Verpflichtungen. Wäre es aber um die Gesundheit der Menschen gegangen, wäre eine Absage oder eine Verlegung vernünftig gewesen.
Kollektiver Hitze-Wahn
Mit Vernunft hatte der Abend in Frankfurt allerdings nichts zu tun. Vielleicht war er gerade deswegen so einmalig. „Wider die Vernunft“ als Motto für diesen kollektiven Hitze-Wahn. Denn wann ist Punkrock schon vernünftig?
Zum Glück ist nichts passiert, der Sanitätsdienst vermeldete direkt nach dem Konzert sogar weniger Probleme als erwartet. Die Menschen seien verantwortungsvoll mit der Hitze umgegangen.
„Was für ein legendärer Abend“, sagte Campino kurz vor den Zugaben. Man kann ihm nur zustimmen. Liebe Hosen, ihr wolltet immer laut durchs Leben ziehen, jeden Tag in jedem Jahr. Ohne euch wird es deutlich ruhiger werden. Macht’s gut, ihr werdet fehlen!
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/die-toten-hosen-versetzen-frankfurt-in-kollektiven-hitze-wahn-v1,toten-hosen-frankfurt-100.html


