In Schlüchtern gibt es Ideen für ein Mega-Projekt: Für 750 Millionen Euro soll ein Kraftwerk entstehen zur Versorgung eines Rechenzentrums. Bei ähnlichen Projekten gab es in Hessen bereits Kritik. Der Bürgermeister will die Stadtpolitik und Bürgerschaft überzeugen.
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00:39 Min.||Aline Krönung
Die Stadt Schlüchtern (Main-Kinzig) hat Pläne für ein Großprojekt zum Bau eines Kraftwerks veröffentlicht. Im Gewerbegebiet „Auf dem Reitstück“ sollen 750 Millionen Euro investiert werden, wie die Stadt ankündigte.
„Das ist eine große Chance für Schlüchtern“, sagte Bürgermeister Matthias Möller (parteilos). Eine Investition solcher Größenordnung habe es in der Stadt noch nicht gegeben.
Der Strom soll vor allem für ein ebenfalls geplantes Rechenzentrum in Birstein (Main-Kinzig) genutzt werden und einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes leisten. Die Anlage soll eine Leistung von 276 Megawatt erreichen.
Kein Bürgerentscheid zum Rechenzentrum
Um das Rechenzentrum gab es bereits Diskussionen. Die Gemeindevertretung lehnte es ab, einen Bürgerentscheid zum Thema zuzulassen.
Es geht nämlich auch beim Rechenzentrum um ein Projekt von großem Ausmaß: Das Investitionsvolumen beträgt nach Angaben der Stadt mehrere Milliarden Euro. Die IT-Leistung auf dem elf Hektar großen Gelände in Birstein soll bei bis zu 200 Megawatt liegen. Es wäre damit eines der leistungsstärksten Zentren in Deutschland. Die 200 Megawatt entsprechen dem Strombedarf von mehr als 150.000 Haushalten.
Birstein und Schlüchtern haben am Donnerstag mitgeteilt, bei den zusammenhängenden Projekten rund um das Kraftwerk und das Rechenzentrum eng zusammenarbeiten zu wollen.
Baustart bereits 2028 anvisiert
Die Bauarbeiten für das Kraftwerk könnten laut Stadt voraussichtlich Anfang 2028 starten und zwei Jahre dauern. Das Kraftwerk solle mindestens 30 Jahre betrieben werden. Der Bau soll 160 Meter lang, 90 Meter breit und 20 Meter hoch werden. Die Höhe der Schornsteine wird mit bis zu 60 Metern angegeben.
Kraftwerk und Rechenzentrum werden von der Argaman Group aus Frankfurt geplant. Gebaut und betrieben werden soll das Kraftwerk von einem großen deutschen Energieversorger, wie die Stadt erklärte. Das Unternehmen wurde namentlich noch nicht genannt.
Strom für Hype um Künstliche Intelligenz
Bürgermeister Möller erklärte: „Der Bedarf nach Energie steigt und steigt, nicht zuletzt wegen des Hypes um Künstliche Intelligenz und der damit verbundenen Rechenzentren.“ Diese Entwicklung sei unumkehrbar. „Deshalb ist es umso wichtiger, sie aktiv mitzugestalten.“ Mit diesem Projekt setze Schlüchtern einen wichtigen Schritt in Richtung nachhaltiger Energieversorgung.
Bei dem Kraftwerk handelt es sich den Angaben zufolge um ein „H2-ready-Energiekraftwerk“. Die Energie solle zu 80 Prozent aus Brennstoffzellen gewonnen werden, zu 20 Prozent aus Gasverbrennung. Dies reduziere Stickstoffgase und den CO2-Ausstoß, erklärte die Stadt.
Kraftwerk beim Bau auf Wasserstoff vorbereiten
Mit der Bezeichnung „H2-ready“ ist gemeint, dass das Kraftwerk beim Bau direkt für Wasserstoff vorbereitet werde. Zunächst verbrennt das Kraftwerk Erdgas zur Stromerzeugung. Später soll dann Wasserstoff genutzt werden. Ab Mitte der 2030er Jahre sei eine vollständige Umstellung auf CO2-neutralen Betrieb geplant, erläuterte David Roitman, der Geschäftsführer der Argaman Group.
Die Bundesregierung will, dass in Deutschland neue Gaskraftwerke gebaut werden sollen, um Stromlücken zu schließen – etwa, wenn Sonne und Wind ausfallen. Das Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichte einen Entwurf für ein neues Gesetz zum Bau neuer Gaskraftwerke. Diese sollen aber nicht nur Erdgas, sondern auch Wasserstoff verbrennen können.
Kritiker von H2-ready-Kraftwerken, darunter Wissenschaftler des RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg sowie Vertreter der Deutschen Umwelthilfe, bezweifeln, dass in den kommenden Jahren ausreichend grüner Wasserstoff verfügbar sein wird.
Sie warnen zudem, dass die Kraftwerke deshalb länger als geplant mit Erdgas betrieben werden könnten. Außerdem gelten Wasserstoff-Anlagen laut den Experten bislang als technisch anspruchsvoll und deutlich teurer als konventionelle Gaskraftwerke.
Schlüchtern als „perfekter Standort“
Argaman-Geschäftsführer Roitman zufolge ist Schlüchtern der „perfekte Standort“ für das Projekt: „Denn hier kreuzen sich zwei große Gasleitungen, die eine zuverlässige Gasversorgung garantieren.“ Zudem befinde sich das Umspannwerk Elm in direkter Nähe. Dort solle der Strom langfristig zur Netzstabilität eingespeist werden. Perspektivisch solle eine eigene Wasserstoff-Pipeline den klimaneutralen Betrieb ermöglichen und so die Nachhaltigkeit langfristig sichern.
Bürgermeister Möller sieht weitere Vorteile für die Kleinstadt mit rund 17.000 Einwohner: Er rechnet mit hohen Gewerbesteuereinnahmen. Sie würden dann um 40 Prozent steigen und neue Bauprojekte ermöglichen wie den Bau eines neuen Feuerwehrstandorts und die Sanierung von Kindertagesstätten.
Abwärme der Anlage für Fernwärme-Netz nutzen
Neben Strom fällt Abwärme an, die als preiswerte Fernwärme genutzt werden könne. Kapazität: etwa 50 Megawatt. Damit könnten bis zu 10.000 Haushalte versorgt werden. Ein eigenes Fernwärmenetz könne so realisierbar werden, erklärte die Stadt.
Fernwärme könne auch für öffentliche Einrichtungen sowie Gewerbe- und Industriebetriebe genutzt werden.
Nächste Schritte: Vorhaben prüfen, Zustimmung einholen
Doch das alles ist noch Zukunftsmusik. Der nächste Schritt sei nun, die Zustimmung der politischen Gremien einzuholen und das Vorhaben eingehend zu prüfen. Erst nach dem Prüfauftrag an den Magistrat und die Verwaltung könne aber über eine mögliche Zustimmung diskutiert werden, so die Stadt.
Möller versprach: Themen wie Emissions- und Lärm- sowie Umweltschutz würden genauso wie bau-, steuer- und naturschutzrechtliche Fragen offen diskutiert und sorgfältig geprüft.
Projekt der Öffentlichkeit vorstellen
Die Stadt will die Bürgerschaft bei einer Reihe von Info-Veranstaltungen einbeziehen. Erste Treffen finden am 8. und 9. September (19.30 Uhr, Café Fabrice, Breitenbacher Straße 3, Schlüchtern) statt. Es soll auch Veranstaltungen in der Stadthalle geben. „Wir wollen von Beginn an alle mitnehmen und fachlich korrekt informieren, sodass sich jeder eine Meinung bilden kann“, so Möller.
In Maintal (Main-Kinzig) ließen sich die Menschen zuletzt bei ähnlichen Plänen nicht überzeugen. Sie richteten Kritik gegen den Bau eines Gaskraftwerks zur Stromlieferung für ein Rechenzentrum. Das Projekt ist ins Stocken geraten.
Und auch auf der Ingelheimer Aue am Rhein zwischen Wiesbaden und Mainz regt sich Widerstand. Auch dort geht es um ein Gaskraftwerk, das später mal Wasserstoff verwerten soll. Doch bis es soweit ist, wird vorerst fossiler Brennstoff verfeuert. Bei einer Petition werden Unterschriften gegen das Projekt gesammelt.
Pläne zum Bau eines großen Rechenzentrums, das viel Energie benötigen wird, gibt es auch in Gießen. Das Stadtparlament hat entschieden, dass das Projekt realisiert werden soll. Es wird das erste Rechenzentrum in Mittelhessen und mehr Strom als die gesamte Stadt verbrauchen. Gießen hofft auf Arbeitsplätze und Gewerbesteuern. Anwohner und ein Parteienbündnis lehnen das Projekt ab und warnen vor Umweltbelastungen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/mega-projekt-in-schluechtern-neues-kraftwerk-soll-rechenzentrum-versorgen-v2,kraftwerksplaene-schluechtern-100.html



