Wenige Branchen sind so unmittelbar von der Erderwärmung betroffen wie die Landwirtschaft. Um sich anzupassen, können Bauern an einigen Stellschrauben drehen. Dabei ist die eine große Frage: Lohnt es sich?
Der Sommer 2026 ist der vermutlich heißeste jemals gemessene Sommer in Hessen seit rund 150 Jahren. Dazu war er außergewöhnlich trocken. Diese Kombination stellt Landwirte vor große Probleme. Ohne Wasser wächst nichts.
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Die Branche, die von sich selbst gerne sagt, sie habe sich schon immer anpassen müssen an veränderte natürliche Bedingungen und Vorlieben der Verbraucher, steht in Zeiten der zunehmenden Erderwärmung vor großen Fragen: Was anbauen, wenn absehbar ist, dass es immer öfter Jahre geben wird, in denen es kaum noch regnet? Mit welcher Fruchtfolge lassen sich die gestressten Böden aufpäppeln? Wo lohnt sich eine Bewässerungsanlage, wo bringt sie überhaupt etwas?
Quinoa aus der Wetterau
Landwirt Johannes Grenzebach aus Wölfersheim hat die Frage, was er in Zeiten des Klimawandels anbauen will, so beantwortet: Quinoa. Das Pseudogetreide wird auch Inkakorn genannt, weil es ganz überwiegend auf der Hochebene von Bolivien und in den Bergtälern von Peru in über 3.000 Metern Höhe angebaut wird. Es wächst aber auch in der Wetterau.
Auf Grenzebachs Feldern reift Quinoa auf etlichen Hektar heran. Und während seine Zuckerrüben in diesem Dürresommer auszufallen drohen, erwartet er auf seinen Quinoa-Feldern eine Ernte von rund 1,5 Tonnen pro Hektar. „Quinoa ist eine sehr, sehr resiliente Kultur. Sie hat nur ein Drittel des Wasserbedarfs von Weizen“, sagt der junge Landwirt.
Die Ertragsmenge pro Hektar liegt bei Quinoa im Vergleich zum Weizen etwa bei einem Drittel. Dafür lässt sich das eiweißreiche und glutenfreie Inkakorn prima vermarkten und bringt bis zu fünfmal höhere Preise ein.

Landwirt Johannes Grenzebach auf einem Quinoa-Feld.
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Landwirt Grenzebach jedenfalls sieht in Quinoa eine Frucht der Zukunft auch von deutschen Äckern. „Der Mais stammt ursprünglich aus Zentralamerika, die Kartoffel aus dem Orient. Beide bestimmen heute unsere Felder. Ich bin überzeugt, dass meine Enkelkinder sagen werden: Quinoa? Das kommt doch aus Deutschland“, so der Wetterauer Landwirt.
Bauernverband: Züchter sind gefragt
„Es wird sicher Anpassungen geben“, sagt der Generalsekretär des Hessischen Bauernverbands, Sebastian Schneider, mit Blick auf die Felder zwischen Bergstraße und Hohem Meißner. Er meint zum einen eine Umstellung im Anbau und nennt die Sojabohne, die in Hessen inzwischen verbreitet sei.
Schneiders Meinung nach sind aber vor allem die Züchter gefragt. „Die sind auch sehr rührig darin, angepasste Sorten zu entwickeln, die mit weniger Wasser umgehen können und stressresistenter sind gegen Hitze“, sagt er.
Was der Bauernverbandsfunktionär damit schon andeutet: Die Zukunft auf hessischen Äckern liegt absehbar vermutlich weniger in der Quinoa als in einer veränderten, klima-robusteren Weizensorte.
Weizen ist der Big Player auf Hessens Feldern
Das liegt zum einen an der Verbreitung. Wie Daten des Statistischen Landesamts zeigen, wurden in diesem Jahr auf rund 148.600 Hektar in Hessen Weizen angebaut, davon auf den allermeisten Feldern Winterweizen, der schon geerntet ist, bevor es richtig heiß wird. Das waren zwar weniger als im vorigen Jahr (rund 154.100 Hektar) und deutlich weniger als noch im Jahr 2010 (gut 166.700 Hektar).
Aber doch fast 200-mal mehr als die Anbaufläche für „anderes Getreide“, worunter die Statistiker Amaranth, Hirse oder eben Quinoa zusammenfassen. Das waren nämlich nur 800 Hektar. Immerhin sind das fast doppelt so viel wie 2020 (460 Hektar) und mehr als dreimal so viel wie 2010 (267 Hektar). Aber eben doch Peanuts.
Oder „eine Nische in der Nische“, wie Jost Gandenberger sich ausdrückt. Gandenberger ist Landwirt im nordhessischen Ottrau (Schwalm-Eder) und hat sich bereits vor 17 Jahren auf den Quinoa-Anbau verlegt. Aus Sicht von Menschen mit Glutenunverträglichkeit sei das Inkakorn als Bestandteil von Brot oder als Basis von Nudeln interessant.
Quinoa-Pionier: Weniger krisen- als klimaresistent
Aber abgesehen davon, dass mit rund 8.000 Tonnen der allergrößte Teil des in Deutschland verkauften Quinoa weiterhin aus Bolivien und Peru importiert werde, werde für Backmischungen noch tausendmal mehr Weizen verarbeitet, rechnet Gandenberger vor.
Der hessische Quinoa-Pionier spricht damit einen weiteren Grund an, warum das exotische Pseudogetreide dem heimischen Vollgetreide kaum das Wasser reichen können wird, auch wenn es viel weniger davon braucht: Der Weizen eignet sich wegen seiner Klebeeigenschaften besser zum Brotbacken, zumal für das Brot, das den Geschmack der meisten Deutschen trifft. „Wir merken auch immer, wenn eine Krise ist und die Leute ihr Geld eher zusammenhalten, etwa bei Corona, dem Ukraine-Krieg oder dem Iran-Krieg. Quinoa-Brot ist halt teurer“, sagt Gandenberger.
Pflanzenbau-Experte: Fast jedes Jahr ein Stressjahr
Aus Jost Gandenbergers Sicht ist Quinoa auch nicht ganz so anspruchslos, wie es gerne dargestellt werde. Aber als Landwirt in einem Mittelgebirge wie dem Knüll hat er auch buchstäblich einen Standortnachteil gegenüber dem Kollegen Grenzebach in der Wetterau als hessischer Kornkammer.
Dafür, wie sich die hessische Landwirtschaft an die Folgen des verschärften Klimawandels anpassen kann, gebe es eben „nicht die eine hessenweite Lösung, weil die Situation in den einzelnen Regionen unterschiedlich ist“, sagt Benjamin Klauk. Er ist Experte für Pflanzenbau beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH). Was für alle gelte, sei: „Die Extrema werden häufiger, daher ist inzwischen fast jedes Jahr ein Stressjahr.“
Forscher: Bewässerungsbedarf steigt enorm
Der LLH berät Landwirte dabei, wie sie sich anpassen können. Ob das bedeutet, dass sie auf andere Kulturen setzen sollten oder sie eher auf Bewässerungsanlagen setzen sollten oder energieeffiziente Systeme, hängt nicht nur von den finanziellen Möglichkeiten des Landwirts ab, sondern auch von seinem Standort, wie ein LLH-Sprecher sagt. Die LLH-Berater rechneten mit den Bauern individuelle Klimabilanzen durch für die jeweils passende Lösung.
Klar scheint nur, dass der Handlungsdruck für die Landwirte steigt – und nicht eben langsam. Das Thünen-Institut sagt schon bis 2030 einen um 40 Prozent höheren Bewässerungsbedarf für Landwirtschaft und Gartenbau in Hessen voraus.
Seiner Prognose nach muss im Jahr 2100 doppelt so viel bewässert werden als aktuell, für den Gemüseanbau in Südhessen sogar drei- bis viermal so viel. Da stellen sich für die betroffenen Bauern dann auch Fragen nach der Umsetzbarkeit und der Rentabilität.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/wie-hessische-bauern-auf-den-klimawandel-reagieren-v1,landwirtschaft-trockenheit-102.html



