Das Rhein-Main-Gebiet ist die Region mit den meisten Rechenzentren in Deutschland – und es kommen kontinuierlich neue hinzu. Doch der Boom gerät immer häufiger an Grenzen: beim verfügbaren Strom, aber auch durch Widerstand aus der Bevölkerung.
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Zum 80. Geburtstag des Landes Hessen schauen wir das ganze Jahr 2026 auf Hessen heute, gestern und morgen. In zwölf Karten stellen wir jeden Monat unser buntes Land vor.“}]}“>In zwölf Karten stellen wir jeden Monat unser buntes Land vor.
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03:07 Min.|Simun Sustic
Über einen Livestream verfolgt Jerome Evans auf einem Bildschirm im Flur seines Frankfurter Büros die aktuelle Baustelle seines Unternehmens in Rosbach (Wetterau). Noch ist nicht mehr als eine weitgehend leere Erdfläche zu sehen, um die herum Baustellenabsperrungen stehen und sich einige Bagger und Kräne bewegen.
In Rosbach, rund 30 Kilometer nördlich von Frankfurt, baut Evans mit seiner Firma firstcolo auf 18.000 Quadratmetern ein neues 24-Megawatt-Rechenzentrum, „auf KI spezialisiert“. Ende des kommenden Jahres soll es in Betrieb gehen. Dann ist es das dritte Rechenzentrum der Firma nach den ersten beiden, deutlich kleineren 1-Megawatt-Anlagen in Frankfurt.

Jerome Evans ist einer der Geschäftsführer der Rechenzentrums-Firma firstcolo mit Sitz in Frankfurt.
Bild © hessenschau.de
„Rosbach soll aber tatsächlich nur der Anfang sein“, sagt Evans. Sein Ziel: mindestens drei bis fünf weitere Rechenzentren der Größenordnung in den nächsten fünf Jahren. Durch den KI-Boom gebe es die entsprechende Nachfrage.
Die Pläne von firstcolo spiegeln im Kleinen eine viel größere Entwicklung wider, die gerade im gesamten Rhein-Main-Gebiet zu beobachten ist: Immer mehr, immer größere Rechenzentren siedeln sich an – auch im Frankfurter Umland.
So ist es auch von der Hessischen Landesregierung gewollt: „Mehr Investitionen und Investoren in den führenden Rechenzentrumsstandort bringen, das ist für uns zentral“, sagte Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) in ihrer Regierungserklärung 2025.
Mehr als 100 Rechenzentren schon in Betrieb
Wie viele Rechenzentren es in Hessen bereits gibt, kann das Ministerium auf Anfrage nicht beantworten und verweist auf Daten des Branchenverbands Bitkom: Demnach hatten hessische Rechenzentren 2025 eine Anschlussleistung von 1.131 Megawatt. Eine Studie des Öko-Instituts schätzt, dass sich in Hessen die Hälfte der Rechenleistung von Rechenzentren in ganz Deutschland befindet.
Und es wird stetig zugebaut: Eine Abfrage bei den kreisfreien Städten und Landkreisen ergibt, dass bereits rund 120 Rechenzentren hessenweit in Betrieb sind, knapp 20 befinden sich aktuell im Bau – und rund 30 weitere sind in ersten Überlegungen oder konkreteren Planungen.
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Frankfurter Stromnetz durch Rechenzentren am Limit
Warum es firstcolo mit dem neuen Projekt in die Frankfurter Peripherie zog? „In Frankfurt gibt es wahrscheinlich innerhalb der nächsten zehn Jahre keine relevanten Strommengen mehr“, sagt Geschäftsführer Evans.
In direkter Nähe zum Internetknoten DE-CIX siedelten sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Rechenzentren in Hessens größter Stadt an: Inzwischen zählt die Stadt bereits 85 Rechenzentrums-Bauten.
Im Zuständigkeitsbereich der Mainova, die den größten Teil des Stadtgebiets umfasst, kommen die Rechenzentren auf 660 Megawatt Anschlussleistung und machen 20 Prozent des Stromverbrauchs im Netz aus.
Für noch mehr Rechenzentren bräuchte es mehr Kapazitäten im Netz, mehr Höchststromleitungen, mehr Umspannwerke – so erklärte es der Frankfurter Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) im Juni dem Stadtparlament.
Ökologische Auswirkungen in der Kritik
Dass insbesondere in den vergangenen zwei Jahren eine Entwicklung Fahrt aufgenommen hat, bei der sich große Rechenzentren stärker in den Anrainerkommunen und auch in weiterer Entfernung rund um Frankfurt ansiedeln, beobachtet auch Werner Neumann vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen. In seinen Worten: „Man beobachtet, dass die Branche durchdreht.“
Fast wöchentlich bekomme er inzwischen Anrufe, nicht mehr nur aus dem Großraum Frankfurt, sondern aus ganz Deutschland – von Menschen, die sich um die Auswirkungen auf die Umwelt von neuen Rechenzentren vor Ort sorgen: Da ist einerseits der hohe Strombedarf, der teilweise durch neue fossile Kraftwerke und Diesel-Notstromaggregatoren sichergestellt wird, und somit zu neuen CO2-Emissionen führt.
Dazu kommen die Abwärme, die nur selten weitergenutzt wird, der Wasserbedarf für Kühlungssysteme sowie der Flächenverbrauch der Großrechenzentren.
- CO2-Emissionen: Das Energieeffizienzgesetz schreibt vor, dass Rechenzentren künftig bilanziell zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom betrieben werden müssen. Durch eine Reform des Gesetzes wurde die Deadline von 2027 auf 2030 verschoben. An mehreren Orten in Hessen sind neue Gaskraftwerke in Planung, mit denen die Rechenzentren betrieben werden sollen. In der Theorie sollen die Kraftwerke in Zukunft mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Für die Herstellung von Wasserstoff braucht es jedoch ebenfalls große Mengen an erneuerbarem Strom.
- Abwärme: Das Gesetz sieht außerdem vor, dass neue Rechenzentren ihre Abwärme für Wärmenetzwerke zur Verfügung stellen müssen. Laut Energiewirtschafts-Experte Stefan Lechner von der Hochschule Mittelhessen gibt es an vielen Orten, wo die Rechenzentren gebaut werden, aber noch kein Wärmenetz. In einigen Fällen würden die Abwärmemengen den Bedarf für das Heizen von Gebäuden in der Umgebung außerdem um ein Vielfaches übersteigen – so wäre es etwa bei dem neuen Rechenzentrum in Gießen.
- Wassernutzung: Es gibt unterschiedliche Kühlungssysteme für Rechenzentren. Grob lässt sich zwischen Verdunstungskühlung, bei der Wasser an die Luft abgegeben wird, und geschlossenen Kühlsystemen unterscheiden, in denen einmal eingefülltes Wasser in einem Kreislauf bleibt. Laut der German Datacenter Association nutzen die meisten Rechenzentren in Hessen „Trockenkühlung“ und Verdunstungskühlung allenfalls bei hohen Außentemperaturen im Sommer. Die Deutsche Gesellschaft für Informatik (pdf) kommt zur Einschätzung, dass ein Drittel der großen Rechenzentren in Deutschland Verdunstungskühlung nutzt.
CO2-Emissionen, Abwärme und Wasserbedarf
- CO2-Emissionen: Das Energieeffizienzgesetz schreibt vor, dass Rechenzentren künftig bilanziell zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom betrieben werden müssen. Durch eine Reform des Gesetzes wurde die Deadline von 2027 auf 2030 verschoben. An mehreren Orten in Hessen sind neue Gaskraftwerke in Planung, mit denen die Rechenzentren betrieben werden sollen. In der Theorie sollen die Kraftwerke in Zukunft mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Für die Herstellung von Wasserstoff braucht es jedoch ebenfalls große Mengen an erneuerbarem Strom.
- Abwärme: Das Gesetz sieht außerdem vor, dass neue Rechenzentren ihre Abwärme für Wärmenetzwerke zur Verfügung stellen müssen. Laut Energiewirtschafts-Experte Stefan Lechner von der Hochschule Mittelhessen gibt es an vielen Orten, wo die Rechenzentren gebaut werden, aber noch kein Wärmenetz. In einigen Fällen würden die Abwärmemengen den Bedarf für das Heizen von Gebäuden in der Umgebung außerdem um ein Vielfaches übersteigen – so wäre es etwa bei dem neuen Rechenzentrum in Gießen.
- Wassernutzung: Es gibt unterschiedliche Kühlungssysteme für Rechenzentren. Grob lässt sich zwischen Verdunstungskühlung, bei der Wasser an die Luft abgegeben wird, und geschlossenen Kühlsystemen unterscheiden, in denen einmal eingefülltes Wasser in einem Kreislauf bleibt. Laut der German Datacenter Association nutzen die meisten Rechenzentren in Hessen „Trockenkühlung“ und Verdunstungskühlung allenfalls bei hohen Außentemperaturen im Sommer. Die Deutsche Gesellschaft für Informatik (pdf) kommt zur Einschätzung, dass ein Drittel der großen Rechenzentren in Deutschland Verdunstungskühlung nutzt.
Kommunen versprechen sich Jobs und Steuereinnahmen
Dennoch überwiegen für viele Kommunen immer wieder die Argumente für neue Mega-Rechenzentren. Erst Ende August entschied die Gießener Stadtverordneten für eine neue 65-Megawatt-Anlage. Der erwartete jährliche Stromverbrauch liegt beim 1,5-fachen des bisherigen Verbrauchs der gesamten Stadt Gießen.
Die Stadt erhofft sich neue Arbeitsplätze, weitere IT-Unternehmen, die sich dadurch ansiedeln, und zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen. Auch etwa in Hanau und Dietzenbach (Kreis Offenbach) begründeten die Kommunen ihre Entscheidung ähnlich.
Bislang hängt die Höhe der Gewerbesteuereinnahmen durch Rechenzentren vor allem von der – häufig eher geringen – Zahl der Beschäftigten ab. Die Bundesregierung hat am Mittwoch einen Referentenentwurf zur Reform des Einkommenssteuergesetzes für 2027 vorgelegt. Darin ist unter anderem vorgesehen, dass die Höhe der Gewerbesteuer künftig auch von der Anschlussleistung der Rechenzentren abhängt. Eine entsprechende Änderung hatten unter anderem hessische Kommunen wie Hanau gefordert.
Bald mehr Gewerbesteuereinnahmen für Kommunen?
Bislang hängt die Höhe der Gewerbesteuereinnahmen durch Rechenzentren vor allem von der – häufig eher geringen – Zahl der Beschäftigten ab. Die Bundesregierung hat am Mittwoch einen Referentenentwurf zur Reform des Einkommenssteuergesetzes für 2027 vorgelegt. Darin ist unter anderem vorgesehen, dass die Höhe der Gewerbesteuer künftig auch von der Anschlussleistung der Rechenzentren abhängt. Eine entsprechende Änderung hatten unter anderem hessische Kommunen wie Hanau gefordert.
Eine Studie zum Rechenzentrums-Markt im Rhein-Main-Gebiet zeigt jedoch: Trotz des Booms stellt die Branche nur 0,1 Prozent aller Arbeitsplätze in der Region. Gemessen an den Jobs werde die Branche trotz ihres „überdurchschnittlichen Wachstums“ künftig klein bleiben, heißt es darin.
Evans: „Hochprofitables Geschäftsfeld“
Jerome Evans von firstcolo bestätigt: „Es gibt teilweise sehr große Rechenzentren und wenig Arbeitsplätze“, das sei insbesondere bei den Wettbewerbern aus den USA der Fall. Mit rund 100 Arbeitsplätzen am neuen Standort in Rosbach liege firstcolo weit über dem branchenüblichen Schnitt.
Evans betont jedoch: „Rechenzentren sind ein hochprofitables Geschäftsfeld.“ Somit sei die Ansiedlung aus Sicht von Kommunen allein deshalb „lohnenswert, weil Rechenzentren gute Gewerbesteuerzahler sind“.
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Werner Neumann vom BUND sieht genau darin aber zunehmend Probleme: Zwischen oft klammen Kommunen, denen überwiegend internationale Big-Tech-Konzerne Milliarden-Investitionen versprechen, gebe es ein ungleiches Machtverhältnis. Ihn sorgten deshalb inzwischen nicht mehr allein die ökologischen Folgen der Entwicklung, sondern auch die Auswirkungen auf die Demokratie.
Neumann: „Kommunen von der Rechenzentrumsbranche gesteuert“
„Im Moment werden die Kommunen von der Rechenzentrumsbranche gesteuert, nicht andersherum“, meint Neumann. Wenn ein Konzern in einer Gemeinde nicht mit den Auflagen der Kommune zufrieden sei, könne er sich einfach eine Fläche im Nachbarort suchen.
Er kritisiert, dass die Landesregierung der Expansion der Rechenzentren in der Region kaum Vorgaben und Grenzen setze: Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) erklärte auf eine kleine Anfrage der Grünen im Jahr 2024, auf kommunaler Ebene gebe es genügend „Möglichkeiten zur räumlichen Steuerung“.
Aus Sicht von Neumann führen die Pläne von Investoren und Rechenzentrumsbetreibern in kleinen Kommunen wie etwa Maintal, Birstein, Schöneck (alle Main-Kinzig) oder Groß-Gerau somit aber zu „Konflikten über Konflikte“, die die Orte in Rechenzentrums-Gegner und -Befürworter spalteten.
Zuletzt gingen diese Konflikte nicht immer zugunsten der großen Tech-Konzerne aus: In Groß-Gerau etwa entschieden die Stadtverordneten Anfang des Jahres schließlich gegen die 2,5-Milliarden-Investition. Auch in Maintal stecken die Pläne für ein Rechenzentrum fest, nachdem die Bürgerinnen und Bürger sich gegen ein neues Gaskraftwerk aussprachen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/hessen-in-karten-rechenzentrums-hotspot-ohne-limit–v1,80-jahre-hessen-rechenzentren-100.html



