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Telemedizin-Kabine in Heringen: Neues Patienten-Angebot in Apotheke

Telemedizin-Kabine in Heringen: Neues Patienten-Angebot in Apotheke

In einer Apotheke im osthessischen Heringen können Patienten per Videosprechstunde ärztlichen Rat einholen. Die erste Telemedizin-Kabine Hessens soll Versorgungslücken schließen, wird bislang aber nur wenig genutzt – und stößt auf Kritik von Hausärzten.

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||Paul Mosbacher

Bild © hessenschau.de|
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In einer Apotheke in Heringen (Hersfeld-Rotenburg) können sich Menschen seit wenigen Wochen in einer Telemedizin-Kabine ärztlich beraten lassen. Dort finden Videosprechstunden mit Ärztinnen und Ärzten statt.

Es ist die erste Einrichtung dieser Art in Hessen, wie der Betreiber, der Hersteller und auch der Hessische Hausärzteverband auf Anfrage der hessenschau erklärten.

Container mit Bildschirm und Kamera

In dem Container sitzt man vor einem Bildschirm mit Kamera. Die Ärztinnen und Ärzte können vorab online ausgewählt werden.


Apotheker Stefan Göbel sitzt in seiner neuen Telemedizin-Kabine und erwartet zu Vorführzwecken eine digitale Sprechstunde.
Bild © Jörn Perske (hr)


Sie sitzen verteilt im Bundesgebiet und schalten sich zur Telemedizin-Sprechstunde hinzu. Sie können nicht nur Ratschläge geben, sondern auch Medikamente verschreiben und Krankschreibungen ausstellen.

Pharmazeut Stephan Göbel bietet diesen Service seit Juli in seiner Apotheke in Heringen an. Gesehen hat er die Telemedizin-Kabine vor mehr als einem Jahr bei einem Zukunftskongress in Berlin – und hat sofort großen Gefallen daran gefunden. Investiert hat der Apotheker mehrere zehntausend Euro.

„Kein Konkurrenz-, sondern ein Zusatzangebot“

Die Telemedizin-Kabine ist drei Meter lang, knapp 1,30 Meter breit und über zwei Meter hoch. Göbel ist überzeugt: „Das Konzept hat Zukunft und ist langfristig betrachtet absolut sinnvoll.“ Das Konzept könne helfen, Versorgungsengpässe auf dem Land abzufedern. In Heringen seien viele Ärzte bereits im fortgeschrittenen Alter.

Apotheker Stefan Göbel steht vor der neuen Telemedizin-Kabine und gibt am Display etwas ein.


Apotheker Stefan Göbel steht vor der neuen Telemedizin-Kabine und gibt am Display etwas ein.
Bild © Jörn Perske (hr)


Doch Göbel will mit seinem Angebot keine Arztpraxen ersetzen. Er will Zusatzangebote machen, etwa für Randzeiten, wenn Praxen geschlossen haben: „Freitagabends und Samstagmittags bekommt man ja keine Termine.“

Nutzung noch überschaubar

Soweit die Theorie. Praktisch wird das Angebot bisher kaum genutzt. In den ersten beiden Monaten nahmen es laut Göbel tatsächlich nur vier Menschen in Anspruch. Ein Grund: Der Container werde noch nicht mit Nachdruck beworben.

Und: Die Telemedizin-Kabine steht in der 7.000-Einwohner-Stadt Heringen. In Ballungszentren wie Frankfurt gibt es viel größeres Potenzial. In Großstädten würden die Menschen solche Innovationen womöglich auch eher ausprobieren als auf dem Land, vermutet Göbel.

Mittelschwere Krankheitsfälle gut behandelbar

Wenn eine Apotheke nicht mehr helfen könne und ein Besuch beim Notdienst unangebracht sei, könne ein Container-Termin sehr gut helfen, findet Göbel. Beispiele: Erkältungs- oder Magen-Darm-Beschwerden, Bindehautentzündungen oder Hautausschläge. „Oder wenn einem Durchreisenden einfällt, dass er seine Tabletten vergessen hat.“

Telemedizin könne auch die Relevanz von Apotheken im Gesundheitssystem erhöhen, findet Göbel. „Das kann angesichts des Apotheken-Sterbens mit etlichen Geschäftsschließungen auch eine strategische Entscheidung sein.“

Weitere Informationen

So funktioniert die Telemedizin-Kabine

Um den Telemedizin-Container während der Öffnungszeiten der Apotheke nutzen zu können, muss man mit dem Handy oder einem Tablet einen QR-Code scannen und sich mit seinen persönlichen Daten sowie Angaben zur Krankenkasse anmelden. Nun heißt es: Einen Arzt aus einer Liste aussuchen und einen Termin vereinbaren – dann öffnet sich die Tür. In der Kabine können mittels eingebauter und erweiterbarer Medizintechnik auch Vitalwerte gemessen werden, etwa Puls, Blutdruck und Temperatur. Das ist bei Telemedizin-Sprechstunden von zuhause aus nicht möglich.

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Keine Zusatzkosten für Versicherte

Für Krankenversicherte entstehen bei der Sprechstunde in der Kabine keine Zusatzkosten. Die Apotheke kann aktuell 30 Euro abrechnen. Bis sich das für seinen Betrieb rechnet, wird es noch dauern.

„Bisher muss man es als Liebhaberei betrachten. Betriebswirtschaftlich rentiert sich das aktuell nicht“, sagt Apotheker Göbel über seine teure Investition. „Aber ich bin absolut überzeugt, dass sich das langfristig tragen und rechnen wird.“

50 Kabinen in Deutschland installiert

Überzeugt vom System ist naturgemäß auch die Herstellerfirma Medivise (Berlin). Medivise ist nach eigenen Angaben eine der ersten Firmen bundesweit, die sich damit befasst, wie Geschäftsführer Thorsten Hagemann sagt. Es existieren aber auch noch andere Anbieter, etwa Doctor Box.

Bislang gibt es rund 50 solcher Telemedizin-Kabinen des Anbieters in Deutschland, wie Hagemann sagte. Nach der ersten hessischen Telemedizin-Kabine in Heringen würden weitere in Gießen und Limburg folgen. Das Interesse sei zuletzt deutlich gestiegen. Apotheken stünden derzeit im Fokus. Die Technologie sei aber flexibel einsetzbar.

Hagemann findet: Solche Versorgungsformen könnten helfen, etwas gegen den demografischen Wandel und Fachkräftemangel zu unternehmen. „Telemedizin kann ein hoch angespanntes Gesundheitssystem spürbar entlasten.“

Kritik vom Hausärzteverband

Christian Sommerbrodt sieht das Modell kritisch. Er ist Landesvorsitzender in Hessen und Bundesschatzmeister im Hausärztinnen- und Hausärzteverband. „Eine Videosprechstunde allein verbessert die Versorgung nicht automatisch. Sie verlagert einen Arztkontakt, schafft aber keine zusätzliche Kapazität.“

Christian Sommerbrodt


„Wir unterschätzen Hitze an allen Ecken und Enden“ sagt Christian Sommerbrodt.
Bild © haev-hessen


Sommerbrodt findet: „Entscheidend ist, ob sie in ein lokales Versorgungskonzept eingebunden ist oder als isolierter Zugangsweg danebensteht.“ Fraglich sei zudem: „Wer übernimmt den Anschlusstermin, wenn Untersuchung, Labor oder Facharzt nötig werden? Ohne Anbindung an die Hausarztpraxis bricht die Versorgungskette nach dem Videokontakt ab.“

Gegen den Hausärzte-Mangel helfe das Modell wohl kaum, sagte Sommerbrodt. „Wir haben nichts gegen Telemedizin und ausdrücklich nichts gegen Zusammenarbeit mit unseren Apotheken.“ Neue, unkoordinierte Parallelstrukturen seien aber nicht hilfreich.

Patienten auf dem Silbertablett

Göbel kann die Kritik nicht nachvollziehen und ist überzeugt, dass sich Telemedizin-Kabinen langfristig durchsetzen werden. Die Ärzteschaft sollte solche Modelle als Chance begreifen.

„Apotheken liefern damit Patienten auf dem Silbertablett. Sie sorgen auch dafür, dass der Ansturm auf Praxen geringer ausfällt. Die Ärzte müssten sich bei der Videosprechstunde nur noch dazuschalten.“

Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/telemedizin-kabine-in-heringen-neues-patienten-angebot-in-apotheke-v1,telemedizin-kabine-114.html

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