An der Frankfurter Goethe-Universität entsteht eine Datenbank für Forschungsdaten zur Entwicklung von Medikamenten. Sie sollen so vor Verlust und Einflussnahme von außen geschützt werden. Entwicklungen in den USA zeigen, warum Forschende das für nötig halten.
„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“ – so steht es in Artikel 5 Absatz drei des deutschen Grundgesetzes. Der Staat darf demnach weder vorschreiben, welche Ergebnisse richtig sind, noch Forschungsmethoden bestimmen oder Themen verbieten.
Aber Forschung macht nicht an deutschen Grenzen halt. Wissenschaftler sind international vernetzt und teilen Erkenntnisse und mit fortschreitender Digitalisierung auch Unmengen wissenschaftlicher Daten.
Um eben diese Daten vor Einflussnahme von außen zu schützen, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Förderprogramm für die Sicherung gefährdeter Datenbestände ins Leben gerufen. Ein entsprechendes Projekt zur sogenannten „Datenresilienz“ wird aktuell an der Frankfurter Goethe-Universität umgesetzt.
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01:03 Min.|Julian Moering
„Wir bauen hier eine eigene Datenbank für Daten aus der Bio-Forschung auf“, erklärt Projektleiter Harald Schwalbe, Professor am Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie. Dort sollen künftig Daten aus der NMR-Forschung gespeichert werden. Sie geben Auskunft über die räumliche Struktur komplizierter Moleküle wie Proteine, Peptide, RNA und DNA.
Dabei geht es darum, möglichst genau zu bestimmen, wie die einzelnen Bestandteile eines Moleküls räumlich angeordnet sind. „Man muss sich das vorstellen wie eine Baumkrone, bei der man wissen will, wo jedes einzelne Blatt hängt“, erklärt Schwalbe. Dieses Wissen sei auch für die Entwicklung von Medikamenten wichtig: „Es gibt kein Medikament, für das man das nicht braucht.“

Ein Protein ist ähnlich komplex aufgebaut wie eine Baumkrone.
Bild © picture alliance / Zoonar | Christoph Burgstedt
Schutz gegen Einflussnahme von außen
Die Frankfurter Datenbank trägt den Namen „Biological Magnetic Resonance Data Bank Europe“, kurz BMRBe, und soll die bereits seit 1995 bestehende Datenbank BMRB in den USA spiegeln.
Aber warum benötigt Europa überhaupt eine eigene Datenbank? „Wir wollen gegen jegliche Einflussnahme von außen gewappnet sein“, erklärt Schwalbe. Das könnten technische Probleme sein, aber auch politische Einflussnahme auf Forschung und Wissenschaft. „Es gibt manchmal auch politische Situationen, wo Daten sogar gelöscht werden.“
Gegen eine solche Einflussnahme gewappnet zu sein, wird als „Datenresilienz“ bezeichnet – gemeint ist die Widerstandsfähigkeit von Datenbeständen. Die Sorge vor Einflussnahme ist nicht unbegründet. Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump hat bereits Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft gefahren.
Unter anderem wurden Daten und Informationen zu Umwelt- und Klimathemen von Regierungswebseiten entfernt, Fördermittel für Forschungsprojekte etwa zu Gender- und Trans-Themen gestrichen oder gekürzt und Beschäftigte in Wissenschaftsbehörden entlassen.
Freier Zugang als höchstes Ziel
Die Notwendigkeit von Datenresilienz rückt angesichts solcher Vorgänge immer stärker in den Fokus, schreibt die Deutsche Forschungsgemeinschaft in einer Mitteilung: „Ein freier Zugang zu verlässlichen Forschungsdaten ist zentrale Voraussetzung für eine freie Wissenschaft.“

Harald Schwalbe
Bild © privat
Auch Professor Schwalbe betont: „Forschende sollen weltweit frei arbeiten und frei auf die Daten zugreifen können.“ Bislang sei das zumindest in seinem Bereich auch der Fall: „Wir arbeiten sehr gut mit den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen zusammen.“
Aber die Rahmenbedingungen könnten sich jederzeit ändern, und darauf müsse man vorbereitet sein, sagt Schwalbe. Zum Beispiel durch Projekte wie BMRBe. Grundsätzlich sollen die europäische und die US-amerikanische Datenbank künftig exakt dieselben Daten speichern, ebenso die japanische Variante BMRBj. Fällt eine der Datenbanken – aus welchen Gründen auch immer – aus, könnten Forschende weltweit weiterhin frei auf die Daten zugreifen.
Darüber hinaus gehe es auch um Einfluss und Mitspracherecht. „Nur wenn man selbst Geld in die Hand nimmt, sitzt man bei Entscheidungen auch mit am Tisch und kann Forderungen stellen“, erklärt Schwalbe. Bislang sei man bei den Daten in der NMR-Forschung von den internationalen Partnern abhängig gewesen.
Standort noch unklar
Ende 2027 soll die BMRBe in Betrieb gehen. Aktuell sucht die Goethe-Universität noch einen endgültigen Standort in oder um Frankfurt. Geplant werden die Infrastruktur und der Aufbau der Datenbank vom europäischen Netzwerk für strukturbiologische Forschungsinfrastruktur (Instruct-ERIC), dem Schwalbe als Direktor vorsteht. „Das ist ein Netzwerk von rund 500 Forschungsgruppen in Europa“, erklärt Schwalbe.
Insgesamt ist die Datenbank ein verhältnismäßig kleines Projekt. Für Aufbau und Inbetriebnahme fließen rund 530.000 Euro Fördergelder von der DFG. „In unserem Forschungsbereich fallen keine riesengroßen Datenmengen an, das ist alles überschaubar“, sagt Schwalbe. Der zugehörige Computer sei „ein Zwei-Mal-Fünf-Meter-Ding in einem Abstellraum“.
Vorbild für andere Disziplinen?
Der Frankfurter Wissenschaftler sieht in den überschaubaren Dimensionen durchaus Vorteile: „Das hat den Charakter eines Schnellboots anstatt eines Mittelmeerkreuzers.“ Will heißen: Kleinere Projekte lassen sich schneller und günstiger umsetzen und besser betreuen als ambitionierte Großprojekte, die möglichst viele Forschungsdisziplinen unter einem Dach vereinen sollen.
Er hofft, dass sein Projekt auch Vorbild für andere Forschungsbereiche sein kann. „Eine Diversifizierung der Resilienzmechanismen wäre aus meiner Sicht sinnvoll.“
Bibliotheken der digitalen Zeit
Für Schwalbe sind Datenbanken die Bibliotheken der digitalen Zeit: „In den klassischen Bibliotheken werden Bücher gesammelt und für die Nachwelt aufbewahrt, damit sie und das Wissen, das darin steckt, nicht verloren gehen.“ Nichts anderes geschehe auch in Datenbanken.
Wie bei Bibliotheken müsse auch bei Datenbanken dafür gesorgt werden, dass die Bestände nachhaltig erhalten bleiben. „Unsere Aufgabe und auch die Aufgabe der Politik ist es, in Zukunft dafür zu sorgen, dass die Technik funktioniert, dass die Datenbanken immer mit Strom versorgt und vor Angriffen geschützt werden.“
Genau das will BMRBe leisten. „Wir haben uns sozusagen eine erlesene kleine Bibliothek geschaffen.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/aus-sorge-vor-trump-und-co-frankfurter-uni-sichert-forschungsdaten-v1,datenresilienz-projekt-frankfurt-100.html

