Millionen Bienen sind in Nordhessen plötzlich verendet. Die Imker vermuten ein verbotenes Pestizid. Doch die Untersuchungen liefern ein anderes Bild. Was hat das Massensterben ausgelöst? Noch gibt es darauf keine eindeutige Antwort.
Es ist ein Mittwoch, als Walter Freiburger plötzlich überall tote Bienen findet. Der Hobby-Imker aus Hofgeismar-Kelze (Kassel) macht am 8. Juli eine Routinekontrolle. „Ich habe schon vor dem Stock gesehen, dass hoher Totenfall war. Und dann habe ich den Stock aufgemacht und gesehen, das auf dem Boden viele, viele tote Bienen waren“, erzählt er im Gespräch mit der hessenschau.
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02:09 Min. |Jürgen Jenauer
„Dann habe ich alle anderen Völker auch aufgemacht und habe dasselbe entdeckt“, sagt Walter Freiburger. Dann ruft ihn sein Neffe an und erzählt, dass bei ihm dasselbe passiert ist. „Und so hat sich der Kreis dann geschlossen und wir sind drauf gekommen, dass irgendwo was im Busch ist.“
Millionenfaches Bienensterben
Es ist was im Busch. Wie groß das Ausmaß mittlerweile ist, teilt der Hessische Imkerverband Ende September mit. Demnach sind seit Anfang Juli rund 80 Bienenvölker verendet – schätzungsweise drei bis vier Millionen Bienen. Die Zahlen könnten noch steigen, da weitere Völker geschwächt seien.
17 Imker im Raum Hofgeismar, Kassel und im Warme-Diemeltal seien betroffen. Und sie alle fragen sich: Was ist passiert mit den Bienen? Sind sie einfach vom Himmel gefallen? Waren sie alle krank? Oder hat eine Vergiftung sie dahin gerafft?
Letzteres zumindest vermuten die Imker – und verweisen auf die Untersuchungsergebnise des Labors Friedle aus Tegernheim bei Regensburg, das laut eigenen Angaben auch als Prüflabor für das Bundesland Bayern tätig ist.

Imker Walter Freiburger aus Kelze hat mehrere Bienenvölker verloren.
Bild © Felix Heipke (hr)
Unkrautvernichtungsmittel im Verdacht
Laut Imkerverband sei in allen untersuchten Bienen-Proben das nicht mehr zugelassene Unkrautvernichtungsmittel Metribuzin nachgewiesen worden. Das Mittel darf seit November 2025 nicht mehr eingesetzt werden.
Was das Labor auf hr-Nachfrage aber nicht sagen kann: Woher kommen die Proben genau? Und: Sind die Bienen tatsächlich durch das Metribuzin zu Tode gekommen. Der Fall sei für den Imkerverband deshalb brisant, sagt dessen Vorsitzender Anton Wittersheim.
Institut für Bienenschutz: Nachgewiesenes Mittel nicht bienengefährlich
In dem Fall ist auch ein anderes Labor tätig geworden: das Institut für Bienenschutz in Braunschweig. Es gehört zum nationalen Julius Kühn-Institut (JKI). Und bei ihm liegt laut Pflanzenschutzgesetz der Untersuchungsauftrag.
Nach der Analyse mehrerer Bienenproben sieht das JKI keinen belastbaren Hinweis darauf, dass Metribuzin das beobachtete Bienensterben verursacht hat.
Zwar habe man in einer Probe Spuren von Metribuzin nachweisen können. Doch das Mittel war in Deutschland bei zugelassenen Pflanzenschutzmitteln als nicht bienengefährlich eingestuft. Zudem wurden in den Proben „keine bienentoxischen Wirkstoffe aus Pflanzenschutzmitteln oder Bioziden nachgewiesen“.
Zwei Labore, zwei Aussagen
Das JKI weist zudem darauf hin, dass das Labor in Bayern andere Proben untersucht habe. Man habe dem Imkerverband angeboten, die Probenreste für eine Untersuchung durch ein anderes Labor zu nutzen. „Dieses Angebot hat der Verband nicht in Anspruch genommen“, teilt eine Sprecherin mit.
Zwei Labore, zwei Aussagen und dazwischen die betroffenen Imker, die Antworten wollen. Einmal für ihre Versicherung. Denn ohne Nachweis einer Vergiftung gebe es auch kein Geld für die ausgefallenen Völker. Der Imkerverband spricht von rund 130 Euro pro Volk. Zudem sei noch fraglich, ob der von den Bienen produzierte Honig – insgesamt rund eine Tonne – überhaupt verkauft werden könne.
Gefahr für künftige Bienenvölker?
Und eine andere Fragestellung ist auch wichtig für die künftige Arbeit der Imker und die Umwelt insgesamt: „Wir wissen nicht, was das noch für Folgen haben kann“, sagt Walter Freiburger aus Kelze. Sind künftige Völker auch in Gefahr? Wie viele andere Insekten sind womöglich ebenfalls gestorben? Und wie kann eine Wiederholung verhindert werden? Kurzum: Was ist genau passiert? Auch deshalb soll der Fall weiter untersucht werden.
Und die gab es auch. Am 9. Juli – einen Tag, nachdem Imker Freiburger die vielen toten Bienen in seinen Stöcken gefunden hat – ist bei der Polizei Anzeige erstattet worden. Das sagt der Imkerverband. Der für Bienenvergiftungen zuständige Pflanzenschutzdienst des Regierungspräsidiums Gießen wird am 15. Juli eingeschaltet und nimmt am 16. und 17. Juli Proben, teilt die Behörde mit.
Warum die Spurensuche nicht an der Zeit scheitert
Für die Polizei ist das Bienensterben „kein typischer Fall“, teilte eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Nordhessen auf hessenschau-Anfrage mit. Eingegangen sei die Anzeige Mitte Juli, die Ermittlungen laufen. Auch sei man im engen Austausch mit den zuständigen Behörden – und mit dem Imkerverband. Dass noch kein Ergebnis vorliege, sei nicht ungewöhnlich, so die Sprecherin. „Wenn man etwas umfassend aufklären möchte, sollte man nicht vorschnell nach Lösungen suchen.“
Doch wird die Zeit vielleicht zum entscheidenden Faktor? Und könnten eventuelle Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nach einer Woche schwerer nachzuweisen sein? Nein, sagt das RP Gießen. Diese würden nicht von Regen weggewaschen und könnten „auch nach längerer Zeit durch die Nachweismethoden nachgewiesen werden“. Zudem habe es in der besagten Woche nicht geregnet.
Tote Bienen auf 290 Wirkstoffe getestet
Fakt ist: Die Proben von Mitte Juli gingen später an das JKI in Braunschweig. Dort wurden die toten Bienen analysiert – mit recht aufwändigen Methoden, berichtet Jens Pistorius, Leiter des Instituts für Bienenschutz am JKI. Ihm zufolge wurden die Proben zunächst biologisch untersucht. Könne dann eine Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel nicht ausgeschlossen werden, folge eine chemische, analytische Untersuchung.
Hier wird laut Pistorius nach etwa 290 Wirkstoffen – darunter zahlreichen bienentoxischen Wirkstoffen – gesucht. Gefunden wurden keine belastbaren Hinweise auf eine Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel oder Biozide.
Im Labor lagern noch sogenannte Rückstellproben für eventuelle weitere Untersuchungen. Das Problem: Für bestimmte Untersuchungen müssten die Proben beispielsweise direkt bei -80 Grad eingefroren werden. Das ist aber nicht erfolgt.

Rund um Hofgeismar sind im Sommer zahlreiche Bienen in den Stöcken verendet.
Bild © Patrick Patzschke
Imkerverband fordert Aufklärung
Das Regierungspräsidium Gießen teilt zudem mit: Bei Dokumentenkontrollen von landwirtschaftlichen Betrieben in Nordhessen konnte keine Anwendung von Metribuzin nach November 2025 festgestellt werden. Auch bei kürzlich erfolgten Nachkontrollen hätten sich keine Unregelmäßigkeiten ergeben.
Und trotzdem steht der Vorwurf einer möglichen illegalen Ausbringung im Raum. Der Nachweis von Metribuzin in einer Bienenprobe klärt allerdings nicht, wie der Stoff dorthin gelangt ist.
Der Imkerverband betont, dass man kein pauschales „Fingerpointing“ gegen die Landwirtschaft betreiben wolle, sondern eine lückenlose Aufklärung fordert, um solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern. Der Verdacht einer illegalen Anwendung ist damit allerdings nicht belegt.
Kreislandwirt kann verbotene Verwendung nicht ausschließen
Anruf bei Kreislandwirt Jörg Kramm. Der will sich nicht aus dem Fenster lehnen, sich zu dem Fall nicht äußern. Allerdings: Ausschließen will er nicht, dass ein Kollege das Mittel trotz fehlender Zulassung ausgebracht haben könnte.
Aber unabhängig davon hat das JKI keinen belastbaren Hinweis darauf gefunden, dass Metribuzin die Todesfälle verursacht hat. Der Fall bleibt also weiter rätselhaft.
Bienensterben für immer ein Geheimnis?
Ändern können die Imker jetzt nichts mehr, das weiß auch Wittersheim. Er setzt darauf, dass noch ein kausaler Zusammenhang zwischen den toten Bienen und dem nachgewiesenen nicht mehr zugelassenen Stoff gefunden wird.
JKI-Experte Pistorius sieht nach den bisherigen Untersuchungen keine belastbaren Hinweise auf eine Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel. Und so bleibt den Imkern nur die Hoffnung, dass nicht auch der Honig betroffen ist. Denn das würde den Schaden noch weiter in die Höhe treiben.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/warum-starben-millionen-bienen-in-nordhessen-imker-zweifeln-an-analyse-v1,bienensterben-hofgeismar-104.html


