Die Mathildenhöhe in Darmstadt feiert ihr 125-jähriges Bestehen. Die Ausstellung „A Step Ahead“ schlägt den Bogen vom Jugendstil zu Gegenwart und Zukunft. Sie zeigt, warum die Ideen von damals noch heute aktuell sind.
Wer die Ausstellung „A Step Ahead – 125 Jahre Mathildenhöhe Darmstadt“ betritt, fühlt sich zunächst mehr als hundert Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.
Im Zentrum des ersten von vier Räumen begrüßt ein Wohnraum mit Jugendstilmobiliar von Patriz Huber (1878-1902) als Blickfang die Gäste. Doch die Präsentation hat weit mehr zu bieten als museale Nostalgie.
1901 fing es an
Die Jubiläumsschau im Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe erinnert zwar daran, wie mit vier Bauausstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Künstlerkolonie der Grundstein für das spätere UNESCO-Weltkulturerbe gelegt wurde. Zugleich schlägt sie aber auch den Bogen zur Moderne. Am Samstag öffnet sie ihre Pforten.
Audio
03:37 Min.||Petra Demant
„A Step Ahead“, zu Deutsch „Einen Schritt voraus“, stellt nach Angaben der Macher die Frage, wie Design, Architektur und Kunst seit jeher mit unserem täglichen Leben verknüpft sind. Es geht um Nachhaltigkeit, Inklusion, aber auch um Künstliche Intelligenz.
Dialog zwischen einst und heute
„Wir werfen einen Blick zurück“, erläutert Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe, beim Presserundgang am vergangenen Dienstag. „Wir wollen aber auch die jetzige Zeit in den Fokus stellen und einen Dialog herstellen zwischen der Vergangenheit und dem Heute.“
Ende der Bildergalerie
Die historischen Ausstellungen von 1901, 1904, 1908 und 1914 sind in vier Hallen exemplarisch mit Exponaten unter anderem von Peter Behrens, Paul Haustein oder Friedrich Wilhelm Kleukens dargestellt. Sie teilen sich den Raum jeweils mit zeitgenössischen Werken zu einem verbindenden Thema.
Ein Plakat, das sich selbst bestückt
So findet man in der ersten Halle eine Wand mit einem Schwarzweiß-Foto. Darauf sind große Plakatständer zu erkennen, wie sie vor 125 Jahren auf der ersten Ausstellung gezeigt wurden.
Ein ebensolcher steht auch vor der Wand, doch dieser ist interaktiv und digital. Eine Kamera nimmt die Person davor auf und eine Künstliche Intelligenz kreiert aus dem, was erkannt wird, einen Plakattext. Dieser flimmert dann über den Bildschirm. Die Begriffe Frau, Jeans und Lederjacke erscheinen außerdem in dem Text.
Objekte für die breite Gesellschaft
Die Ausstellung von 1901 war finanziell kein Erfolg. Deshalb fiel die nächste – drei Jahre später – etwas kleiner aus, wie Gutbrod erzählt. Gezeigt werden daraus beispielhaft Geschirrtücher als Alltagsgegenstände mit Entwürfen von Joseph Maria Olbrich (1867-1908) für das Textilhaus Stade.
Die Küchenaccessoires sind in Vitrinen ausgebreitet. Neben gestickten gibt es auch gestempelte Muster, die damals erschwinglicher waren. „Das war immer ein Thema auf der Mathildenhöhe, dass die Objekte für eine große Gesellschaftsschicht bezahlbar sein sollten“, sagt Gutbrod.
An der Wand ist eine moderne, innovative Textilvariante zu sehen: Auf Kleiderbügeln stechen purpurfarbene Westen des Designstudios (un)woven studio ins Auge. Sie wurden aus recycelten Fasern und biologisch abbaubarem Bindemittel gefertigt: Nachhaltigkeit für eine ressourcenschonende Zukunft.
Inklusive Küche für alle
Dem Thema Küche widmet sich auch die inklusive „WeKitchen“ von Jonathan Radetz und Akpene Therése Gbogbo. Sie kann im Sitzen und im Stehen genutzt werden und ermöglicht gemeinsames Kochen und Essen für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen.
„Es geht nicht um eine barrierearme Küche für eine spezielle Gruppe, sondern für alle Menschen“, erklärt Radetz. Dazu tragen haptische Elemente und übersichtlicher Stauraum bei, wie Gbogbo hinzufügt. In der Ausstellung kann das auch ausprobiert werden.
Turmbau, Musik und lebendige Vergangenheit
Überhaupt spart die Schau nicht mit interaktiven Elementen. Ein Tisch in der dritten Halle erzeugt Musik, wenn man die bunten Leuchtkreise auf seiner Oberfläche berührt. Im Kontrast dazu ist ein vom Jugendstilkünstler Albin Müller (1871-1941) entworfenes Harmonium ausgestellt.
An einem digitalen Hochzeitsturm kann man sich gewissermaßen als Architekt ausprobieren. Mithilfe von Reglern auf einem Pult lassen sich Form und Farbe eines meterhohen digitalen Zwillings des 1908 fertiggestellten Darmstädter Wahrzeichens verändern. So wird aus dem berühmten Fünffingerturm schnell mal ein Zehnfingerturm in leuchtendem Orange.
Spannend sind die dreidimensionalen Farbanimationen der historischen Künstlerkolonie. Sie werden als Kamerafahrten auf großen Bildschirmen gezeigt und wurden aufwändig aus alten Fotografien rekonstruiert. Künstliche Intelligenz sei dabei nur in geringem Umfang zum Einsatz gekommen, betont Gutbrod.
Rhein-Main-Region ist World Design Capital 2026
„A Step Ahead“ findet im Rahmen der World Design Capital 2026 statt. Um den von der World Design Organization alle zwei Jahre vergebenen Titel hatte sich die Region Frankfurt RheinMain erfolgreich beworben.
„Wir wussten: Da wollen wir mitmachen“, sagt Gutbrod. Dass das WDC Frankfurt RheinMain 2026 mit dem 125-jährigen Jubiläum der Mathildenhöhe zusammenfällt, sei dabei eine schöne Fügung.
Welterbefest am Wochenende
Oberbürgermeister Hanno Benz (SPD) weist zudem auf das Welterbefest hin, das parallel zur Ausstellungseröffnung an diesem Wochenende stattfindet. Dazu wird die Mathildenhöhe stimmungsvoll beleuchtet. Die Künstlerhäuser sind geöffnet, am Sonntag gibt es auch Führungen und Angebote für Familien.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/a-step-ahead—mathildenhoehe-in-darmstadt-praesentiert-design-von-gestern-und-morgen-v1,a-step-ahead-114.html


