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„Brüchige Sicherheit“: Wie der 7. Oktober jüdisches Leben in Hessen verändert hat

„Brüchige Sicherheit“: Wie der 7. Oktober jüdisches Leben in Hessen verändert hat

Mehr Anfeindungen, mehr Wachsamkeit, mehr Angst: Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff auf Israel berichten Jüdinnen und Juden in Hessen von einem veränderten Lebensgefühl. Die Zahl antisemitischer Vorfälle steigt weiter.

„Der Schmerz steckt noch sehr stark in unseren Köpfen, in unseren Herzen.“ Für Alon Mayer, Präsident von Makkabi Frankfurt und des Dachverbands Makkabi Deutschland, ist der 7. Oktober 2023 bis heute eine offene Wunde.

Viele Jüdinnen und Juden seien gebrochen, sagt Mayer. Man habe sich nicht vorstellen können, dass so etwas Unmenschliches heute noch passieren könne. Der Terrorangriff der Hamas auf Israel habe auch das Sicherheitsgefühl verändert: „Mehr Achtsamkeit auf jeden Fall, wenn man heute auf die Straße geht.“

Mayer berichtet von Freunden und Bekannten, die inzwischen sogar darüber nachdächten, Deutschland zu verlassen. Seit dem 7. Oktober habe sich die Situation für Jüdinnen und Juden dramatisch verschlechtert.

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|Andreas Heygen

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Mehr antisemitische Vorfälle

Das lässt sich auch an den Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen, kurz RIAS Hessen, ablesen. „Wir hatten alleine zwischen dem 7.10. und 31.12.2023 338 Vorfälle – von insgesamt 529 des Jahres“, berichtet Susanne Urban, Leiterin von RIAS. Seitdem habe die Meldestelle einen stetigen Anstieg beobachtet.

Für 2024 dokumentierte sie insgesamt 926 antisemitische Vorfälle. 377 davon hatten einen Bezug zum 7. Oktober. Im Jahr 2025 gab es demnach insgesamt 1.099 antisemitische Fälle. Das entspreche durchschnittlich drei Vorfällen pro Tag. „Es scheint, als ob Intervention, Prävention oft zu kurz greifen und als ob sich wirklich das Ganze sehr breit Bahn gebrochen hat“, so Urban.

Auch die Jüdische Gemeinde Frankfurt berichtet von Anfeindungen gegen ihre Institutionen und Mitglieder. Daniel Korn aus dem Gemeindevorstand schildert unter anderem Beschimpfungen aus vorbeifahrenden Autos: „Leute fahren vorbei und brüllen irgendwas. Zum Beispiel Israel-Kindermörder oder Ähnliches.“ Es habe aber auch konkrete tätliche Anfeindungen gegen Gemeindemitglieder gegeben.

Wer den Krieg für seine Propaganda nutzt

Auch der hessische Verfassungsschutz sieht die Bedrohung für jüdisches Leben seit dem 7. Oktober deutlich verschärft. Eine im April vorgestellte Analyse kommt zu dem Schluss, dass Islamisten und Linksextremisten den Nahost-Konflikt gezielt für ihre Propaganda nutzten. Antisemitische Narrative hätten sich seit dem Hamas-Angriff als zentrales Mobilisierungsthema etabliert. Zugleich betont die Behörde, dass Antisemitismus auch in der gesellschaftlichen Mitte Anklang finde und dort etwa als vermeintlich legitime Israelkritik auftrete.

Der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, begrüßte die Untersuchung. Die Ergebnisse zeigten, dass die Gefahr für jüdisches Leben nicht allein vom Rechtsextremismus ausgehe. Der Verfassungsschutz hatte bei der Untersuchung allerdings auch darauf hingewiesen, dass Rechtsextremismus weiterhin eine Gefahr darstelle, weil antisemitische Vorurteile und Verschwörungsmythen auch dort verbreitet würden.

„Wie lange noch?“

Mayer versucht mit Makkabi Frankfurt gegenzusteuern. Der jüdische Sportverein nutzt den Sport für Präventions- und Bildungsarbeit und will Kindern und Jugendlichen demokratische Werte vermitteln.

Das funktioniere sehr gut, sagt Mayer. Die Anfeindungen seien in Frankfurt im Vergleich zu anderen Städten Deutschlands noch relativ gering. „Wir können uns noch glücklich schätzen hier in Frankfurt zu sein und nicht in anderen Städten Deutschlands“, so Mayer. Gleichzeitig stelle sich die Frage: „Wie lange noch?“.

Schulen sollen früher eingreifen

Hessens Bildungsminister Armin Schwarz (CDU) sieht die Schulen in der Pflicht. Antisemitismus sei kein Randphänomen, erklärte er zum dritten Jahrestag des Hamas-Angriffs. „Der grausame Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat uns in der Folge auf schmerzhafte Weise gezeigt, wie brüchig die Sicherheit jüdischen Lebens auch bei uns geworden ist“, so Schwarz. Antisemitismus begegne uns in der Gesellschaft, auf der Straße und auch in unseren Schulen.

Lehrkräfte müssten hinschauen und konsequent eingreifen. Schülerinnen und Schüler müssten lernen, Hass und Hetze entgegenzutreten. „Unsere Schulen sind Orte, an denen Respekt, Toleranz und demokratische Werte täglich gelebt werden müssen“, sagte Schwarz.

Hessen will gegen Israel-Hass vorgehen

Auch politisch beschäftigt sich Hessen mit den Folgen des 7. Oktober. Die Landesregierung wirbt weiter dafür, die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe zu stellen. Der Bundesrat hatte im Juli für eine entsprechende hessische Gesetzesinitiative gestimmt. „Wer Israel das Existenzrecht abspricht, gefährdet jüdisches Leben“, erklärte Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) am Montag.

Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren soll demnach bestraft werden, wer „öffentlich oder in einer Versammlung das Existenzrecht des Staates Israel leugnet oder zur Beseitigung des Staates Israel aufruft“. Bundesregierung und Bundestag müssen nun darüber befinden, ob sie die Initiative aufgreifen und den Volksverhetzungsparagrafen im Strafgesetzbuch entsprechend erweitern wollen.

Der Vorstoß ist umstritten. Die Bundesregierung hat verfassungsrechtliche Bedenken. Auch der Zentralrat der Juden sieht Handlungsbedarf, äußert aber Zweifel an der konkreten rechtlichen Ausgestaltung.

Gedenken in mehreren Städten

Am dritten Jahrestag wird in Hessen bei verschiedenen Aktionen an den Hamas-Angriff erinnert. In Frankfurt etwa ruft das „Bündnis gegen Antisemitismus“ zu einem Schweigemarsch auf. Die Teilnehmer treffen sich um 17 Uhr an der Alten Oper und laufen zur Westend-Synagoge. Sie wollen an die Menschen erinnern, die beim Angriff getötet wurden, und ein Zeichen für Solidarität mit Israel und jüdischem Leben setzen.

Gleichzeitig ist eine pro-palästinensische Demonstration angekündigt. Sie beginnt an der Hauptwache und führt durch das Bahnhofsviertel. Dort soll an die Folgen des Gaza-Kriegs und die zehntausenden Toten erinnert werden.

Auf dem Kasseler Friedrichsplatz fordert ein Bündnis Solidarität mit Israel. Eine Gedenkveranstaltung gibt es etwa auch auf dem Friedensplatz in Darmstadt. Auf dem Universitätsplatz in Fulda gibt es eine Demo für ein freies Palästina.

Mendel: Opfer auf beiden Seiten sehen

Bei den Massakern wurden auf israelischer Seite mehr als 1.220 Menschen getötet und mehr als 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.

Israel reagierte mit massiven Angriffen im Gazastreifen, bei dem nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums mehr als 74.200 Menschen getötet wurden. Die israelischen Angriffe halten bis heute an – und werden weltweit heftig kritisiert. Nach Auffassung des UN-Menschenrechtsrats begeht Israel im Gazastreifen einen Genozid.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, wirbt für einen Umgang mit dem Jahrestag, bei dem die unschuldigen Opfer auf beiden Seiten gesehen werden. „Es wäre schön, wenn der 7. Oktober als Tag begriffen werde, an dem alle unschuldigen Opfer dieses Konflikts bedacht würden.“

Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/bruechige-sicherheit-wie-der-7-oktober-juedisches-leben-in-hessen-veraendert-hat-v1,hamas-israel-krieg-100.html

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