Unzählige Samen, Körner und viel Feinarbeit: In Osthessen entstehen aus Naturmaterialien wahre Meisterwerke. In diesem Jahr ist es Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“. Das Werk lockt Zehntausende Besucher an. Ein Blick hinter die Kulissen einer außergewöhnlichen Tradition.
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00:40 Min.||Michael Pörtner
Von der Empore der alten Kirche kann man das Kunstwerk besonders gut betrachten. Über 4,5 mal 6 Meter erstreckt sich „Das letzte Abendmahl“ auf dem Fußboden. Das weltbekannte Motiv des Malers und Universal-Gelehrten Leonardo da Vinci (1452-1519) ist eines der bedeutendsten Werke der Renaissance.
Aktuell schmückt eine besondere Version des Bildes die Alte Kirche in Hünfeld-Sargenzell (Fulda). Mehr als 50.000 Menschen werden bis Anfang November erfahrungsgemäß dorthin kommen, um es zu sehen, wie der Förderverein der Alten Kirche erklärt. „Ganze Bus-Ladungen werden wieder erwartet“, sagt die künstlerische Leiterin des Projekts, Heike Richter.
„Das letzte Abendmahl“ – das Meisterwerk von Leonardo da Vinci ist aktuell als Früchteteppich in der Alten Kirche in Hünfeld-Sargenzell zu sehen.
Bild © Jörn Perske (hr)
Samen, Körner und Blüten bilden den Früchteteppich
Die große Begeisterung für das Kunstwerk in dem kleinen Ort hat eine Erklärung: „Das letzte Abendmahl“ in der Alten Kirche ist kein gemaltes Bild, sondern ein Früchteteppich. Er besteht aus unzähligen Samen- und Getreidekörnern, Gewürzen, Früchten und gemahlenen Blütenblättern.
Diese ganz besondere Darstellung von christlichen Motiven hat in Sargenzell Tradition. Es kommen sogar Menschen aus dem Ausland, um die jährlich wechselnden Kunstwerke rund um Erntedank in der Kirche zu sehen. Im Vorjahr wurde der 1,5-Millionste Besucher gezählt.
Mit Ausdauer und ruhiger Hand
Die vielen Millionen Bestandteile wurden über zehn Wochen von einem zehnköpfigen Team in mühevollster Kleinarbeit zu einem großen Bild arrangiert. Rund 1.000 Arbeitsstunden hätten sie zusammen verbracht, sagt Richter. Das Projekt in der Gemeinschaft zu stemmen, mache Spaß und sei ein Ansporn. „Aber es war auch wieder einmal sehr anstrengend. Wir sitzen und liegen beim Legen der Teile stundenlang auf dem Boden.“
„Die eine polstert sich mit einem Kissen, die andere legt sich Schaumstoff-Matten unter die Knie“, berichtet Richter. Es ist aber nicht nur eine Herausforderung für Körper und Konzentration, sondern auch zeitlich. „Wir haben uns seit Mitte Juni von montags bis donnerstags von 18 bis 20 Uhr getroffen. Da braucht man keine anderen Hobbys“, sagt Richter.
Um die Samenkörner zum Bild zu arrangieren, braucht es Geschick und ruhige Hände. Gelegt wird mit den Fingern, mit Löffeln oder Pinzetten. Sie liegen dann lose auf Spanplatten, die als Untergrund dienen. Geklebt sind sie nicht.

Mit einer Pinzette bestückt Heike Richter Teile des Früchteteppichs.
Bild © Jörn Perske (hr)
Deswegen mahnen auch rote Warnschilder: „Bitte nicht berühren“. Missgeschicke passieren natürlich trotzdem jedes Jahr. Wenn Besucher fotografieren, landen Handys und Brillen im Früchteteppich. Der muss dann ausgebessert werden.
Mit Handwerkszeug Marke Eigenbau
Wenn nur mal punktuell etwas am Kunstwerk korrigiert werden muss, behilft sich Richter mit einer Apparatur Marke Eigenbau. An einem Schrubber-Stiel hat sie einen Holzstab und einen Teelöffel befestigt. An der Spitze ist doppelseitiges Klebeband befestigt. „Damit kann ich auch mal eine tote Fliege aus einiger Entfernung aus dem Bild entfernen.“

Wie kann man aus der Mitte des Bildes zum Beispiel eine tote Fliege entfernen? Heike Richter zeigt, wie es mit einem Stab, einem Löffel und Klebeband funktioniert.
Bild © Jörn Perske (hr)
Das Team des Früchteppichs geht mit großer Genauigkeit und Akribie vor. Um etwa die verschiedenen Farbtöne im Bild darstellen zu können, bedient man sich aus einer riesigen Palette aus unterschiedlichen Materialien.
Brigitte Linder kennt sich aus. Sie macht von Beginn an mit, als 1988 der erste Früchteppich gelegt wurde. Das „Letzte Abendmahl“ ist das 38. Werk für sie.

Auf der Empore der Alten Kirche in Hünfeld-Sargenzell sind Bilder der früheren Früchteteppiche abgebildet. Brigitte Richter hat bisher an allen 38. Exemplaren mitgewirkt.
Bild © Jörn Perske (hr)
In all den Jahren hat Lindner Expertise gesammelt, welche Naturprodukte man für welche Farben und Anwendungen nutzt. „Wir haben rund 120 unterschiedliche Materialien, von denen aktuell mehr als 70 ins Bild eingearbeitet wurden“, sagt sie.
Um Besuchern diese Vielfalt zu verdeutlichen, steht neben dem Früchteteppich in einer Vitrine aufgereiht eine kleine Auswahl beschrifteter Gläser, etwa mit Tellerlinsen, Kleesamen und Apfelkernen.

Brigitte Lindner und Heike Richter (v.l.) vom Früchtettepich-Team zeigen, mit welchen Naturprodukten das Kunstwerk entsteht.
Bild © Jörn Perske (hr)
Neu für sich entdeckt hat das Team Annatto-Samen, leuchtend rot und langlebiger als Rosenblätter, die nach gewisser Zeit braun werden. Um das Rot als Gesichtsfarbe herzustellen, wird gern Karotte oder Rote Beete verwendet. Fein gemahlen werden sie anschließend mit Milchreis vermischt, um unterschiedliche Farbnuancen zu erzeugen.
Auf Recycling am Ende des Früchteteppichs werde auch geachtet, betont das Künstler-Team. Die Einzelteile werden wieder sortiert, gepflegt und einsortiert. Die Materialschränke sind daher immer gut gefüllt.
Aus Quer- wird Hochformat
Doch das Legen des Früchteteppichs ist nicht die einzige Herausforderung. In diesem Jahr war es auch eine Format-Frage. Denn „Das letzte Abendmahl“ ist ursprünglich ein Querformat, was sich für einen Früchteteppich im Kirchenraum nur bedingt eignet.
Deswegen hat die künstlerische Leiterin Heike Richter ein Hochformat entworfen. Erst als kleines Bild auf 60 mal 80 Zentimeter vorgemalt, dann als Vorlage für den Früchteteppich verwendet.
Entstanden als Spendenaktion
Richter ist freischaffende Künstlerin, gibt Malkurse und ist nun für den achten Teppich unter ihrer Leitung verantwortlich. Die Geschichte des Früchteteppichs geht aber viel weiter zurück.
Die alte katholische Kirche sollte in den 1980er Jahren abgerissen werden, weil sie baufällig, ohnehin zu klein und nach einem Neubau überflüssig war. Doch einige Bürger aus Sargenzell wollten die Kirche erhalten.

Die Alte Kirche in Hünfeld-Sargenzell wurde durch die Spenden-Einnahmen zum Früchteteppich vor dem Abriss gerettet. Mittlerweile ist das ehemalige katholische Gotteshaus entweiht.
Bild © Jörn Perske (hr)
Sie gründeten einen Förderverein und versuchten Spenden zu sammeln. Um Einnahmen zu bekommen, entstand die Idee mit dem Früchteteppich. Die Idee brachten Vereinsmitglieder von einer Urlaubsreise am Bodensee mit.
25.000 Euro an gemeinnützige Projekte
Besucher beim Früchteteppich sind alljährlich gebeten, etwas zu spenden. Ein Eintritt wird nicht verlangt. Doch mit diesem Modell kommt der Förderverein gut zurecht. Mit den Spenden konnte die Kirche nicht nur erhalten werden, sondern auch in einen „Top-Zustand“ versetzt worden, wie der Vorsitzende des Fördervereins, Manuel Mohr, sagt.
Was an Geld übrig bleibe und für den Verein entbehrlich sei, spende er am Jahresende an verschiedene gemeinnützige Projekte. Im Vorjahr seien an 13 Institutionen insgesamt 25.000 Euro ausgeschüttet worden, erklärt Mohr.

Der Vorsitzende des Fördervereins, Manuel Mohr, berichtet: Einnahmen, die nicht zum Erhalt der Alten Kirche gebraucht werden, werden als Spende weitergegeben.
Bild © Jörn Perske (hr)
Um zu hören, wie die Menschen das aktuelle Werk finden, setzt sich Heike Richter auch mal „inkognito“ in die Kirche, wie sie sagt. Das Feedback sei wertvoll. Manche Anregung habe bereits Einfluss auf die Motivsuche fürs nächste Jahr gehabt. Viel verraten möchte Richter zwar noch nicht. Einen kleinen Hinweis gibt sie aber schon: „Der nächste Teppich wird weiblicher.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/fruechteteppich-in-huenfeld-wie-aus-kleinen-teilen-ein-grosses-meisterwerk-entsteht-v1,fruechteteppich-104.html


