Ein Friedhof ist ein Ort der Erinnerung und der Trauer. Und er ist Lebensraum: Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof will ein inklusiver Naturerlebnispfad Wissen zur Artenvielfalt vermitteln – ein vermutlich deutschlandweit einzigartiges Angebot.

Was krabbelt da im Unterholz? Auf dem Naturerlebnispfad lassen sich auch versteckte Tierarten entdecken.
Bild © KfW Stiftung / Inga Beckmann
Noch sitzt das olivgrüne Band nicht ganz so, wie es soll. „Lockerer lassen“, ruft Silke Frank, während Iris Rosebrock mit dem Tacker nachhilft. Wenig später wird das Einweihungsband feierlich durchschnitten – und damit ist der Naturerlebnispfad eröffnet, rechtzeitig zum Tag des Friedhofs in Frankfurt am 20. September.
Fünf interaktive Stationen haben die beiden Gründerinnen des Vereins Wildnisbotin konzipiert. In Etappen informieren sie über Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Wildwiesen und das Leben im Totholz. An der Vogelstation können Besucher verschiedene Arten und ihre Stimmen kennen lernen und anschließend ihr Wissen in einem Quiz testen: Wer die Klappe mit dem richtigen Vogel öffnet, bekommt eine akustische Rückmeldung.
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02:10 Min.|Stephan Hübner
Pfad soll auch mit Rollstuhl nutzbar sein
Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof sind durch immer weniger Erdbestattungen neue Freiräume entstanden. Und damit mehr Platz für Pflanzen und Tiere. Angelegt wurde bereits ein Bienengarten – und nun ein Naturerlebnispfad. Das Besondere: Der neue Pfad ist barrierearm. Die Stationen sind mit dem Rollstuhl erreichbar, die Tafeln unterfahrbar. Namen und Informationen gibt es auch in Brailleschrift. Tastbare, bewusst vereinfachte Reliefs ermöglichen es blinden und sehbehinderten Menschen, Tiere und andere Naturmotive buchstäblich zu begreifen.
Beraten wurden die Initiatorinnen von der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Reha-Fachkräfte achteten unter anderem darauf, dass Brailleschrift und Reliefs gut ertastbar sind. Auf ein vollständiges Blindenleitsystem wurde allerdings verzichtet. Es gilt daher als barrierearm, nicht als barrierefrei.
Auch ältere Menschen oder Besucher mit Rollator sollen den Pfad nutzen können. Der städtische Behindertenbeauftragte Sören Schmidt sieht darin einen besonderen Vorteil des Standorts: Auf dem Friedhof seien ohnehin viele Menschen unterwegs, die nicht mehr so gut sehen oder gehen könnten. Für sie sei das Gelände ein ruhiger und vergleichsweise sicherer Aufenthaltsort. Der Naturerlebnispfad schaffe dort zusätzlich eine kleine Oase, in der sie abschalten und zugleich etwas erleben könnten.

An dieser Station kann man Vogelstimmen erraten.
Bild © KfW Stiftung / Inga Beckmann
Idee entstand bei Biodiversitätsprojekt
Die Initiatorinnen Iris Rosebrock und Silke Frank entwickelten die Idee ursprünglich für den Ideenwettbewerb Biodiversität Frankfurt 2022. Ihr Konzept schaffte es ins Finale, gehörte am Ende aber nicht zu den drei ausgezeichneten Projekten. Die damalige Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) ermutigte die beiden weiterzumachen.
Vier Jahre arbeiteten Rosebrock und Frank an der Umsetzung. Nachdem das Friedhofsamt den Standort genehmigt hatte, übernahm die KfW Stiftung die Förderung. Für deren Vorstand Michael Helbig verbindet der Pfad mehrere Aspekte: Er vermittelt Naturschutz vor Ort, lädt zum Mitmachen ein und schließt Menschen mit Beeinträchtigungen ein.

Die Initiatorinnen des inklusiven Erlebnispfads, Iris Rosebrock und Silke Frank.
Bild © KfW Stiftung / Inga Beckmann
Friedhof soll auch Ort für Artenschutz und Bildung sein
Frankfurts Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez (Grüne) sieht darin eine Chance. Der Friedhof bleibe ein Ort des Gedenkens, des Abschieds und der Trauer. Zugleich könne er dem Arten- und Biotopschutz, der Erholung und der Bildung dienen. In einer repräsentativen städtischen Umfrage zum Wert des Grüns hätten sich 40 Prozent der Befragten offen dafür gezeigt, Friedhöfe künftig auch anders zu nutzen.
Nach Angaben der Initiatorinnen handelt es sich um den wohl ersten interaktiven, inklusiven Naturerlebnispfad auf einem Friedhof in Deutschland. Er soll nicht nur Einzelbesucher ansprechen, sondern auch Schulklassen, Kindergärten und Gruppen.
Dass das Konzept funktioniert, zeigt sich für Rosebrock und Frank schon bei der Eröffnung. Eine Besucherin lobt besonders die ertastbaren Tiermodelle. Die beiden Initiatorinnen selbst sind nach dem Festakt „befreit und glücklich“, wie sie sagen. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt allerdings nicht. Auf die Frage, was sie nun als nächstes tun würden, antworten sie lachend: „Wir gehen mal durch – putzen.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/hauptfriedhof-frankfurt-inklusiver-naturerlebnispfad-vermittelt-artenvielfalt-v1,hauptfriedhof-naturlehrpfad-100.html

