Karneval

Ist der Geburtenrückgang wirklich der Hauptgrund für die Insolvenz von AWO family?

Ist der Geburtenrückgang wirklich der Hauptgrund für die Insolvenz von AWO family?

Der Kita-Betreiber AWO family im Kreis Darmstadt-Dieburg hat Insolvenz angemeldet – elf Kitas sind davon betroffen. Als Grund für die wirtschaftlichen Probleme werden sinkende Kinderzahlen genannt. Bürgermeister mehrerer Kommunen bezweifeln diesen Zusammenhang.

Collage aus zwei Bildern: links ein Schild mit der Aufschrift "Pusteblume", rechts Eingangstür einer Kita mit zwei Frauen und zwei Kindern, die reingehen.


Elf Kitas – darunter die Kita Pusteblume – sind von der Insolvenz betroffen.
Bild © hr, Collage: hessenschau.de


Videobeitrag


Video

03:10 Min.
||hr


Kita-Träger aus Rhein-Main insolvent

Eine Frau vor einem Gebäude der AWO

Bild © hr


Ende des Videobeitrags

Die AWO family betreibt elf Kindertagesstätten in sieben Kommunen des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Rund 1.000 Kinder werden dort von etwa 275 Beschäftigten betreut. Dazu gehören neben pädagogischen Fachkräften auch Beschäftigte in Reinigung, Hauswirtschaft, Küche und Verwaltung. Die Gesellschaft ist eine Tochter des AWO-Kreisverbands Darmstadt-Dieburg.

Ende September hat die AWO family beim Amtsgericht Darmstadt ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Der Betrieb der Kitas läuft zunächst weiter.

„Signifikant rückläufige Kinderzahlen“

In ihrer ersten Stellungnahme zum Insolvenzantrag rückte die gemeinnützige AWO family die „plötzlich signifikant rückläufigen Kinderzahlen“ stark in den Vordergrund. Weniger Kinder führten zu einem geringeren Bedarf an Betreuungsplätzen und zu einer niedrigeren Auslastung einzelner Einrichtungen, so der Träger.

Doch mehrere Bürgermeister bezweifeln im Gespräch mit der hessenschau, dass freie Plätze zur finanziellen Schieflage bei der AWO family geführt haben. Ihre Kommunen übernehmen nach eigenen Angaben die vereinbarten Kosten der jeweiligen Einrichtungen auch bei geringerer Auslastung.

Kommunen gleichen die Betriebskosten aus

In Ober-Ramstadt betreibt die Gesellschaft die Kita „Pusteblume“. Bürgermeister Tobias Silbereis (parteilos) bestätigt, dass die Kinderzahlen in seiner Stadt innerhalb weniger Jahre um rund 20 Prozent gesunken sind. Wo früher Wartelisten bestanden, gibt es nun wieder freie Betreuungsplätze.

Warum daraus ungedeckte Kosten für die AWO entstehen sollten, erschließt sich ihm jedoch nicht. Denn die Stadt übernimmt die anfallenden Kosten der Einrichtung, unabhängig davon, wie viele Kinder tatsächlich angemeldet sind. Ein unmittelbares Auslastungsrisiko für den Betrieb der „Pusteblume“ sieht Silbereis deshalb nicht.

Ähnlich äußern sich die Bürgermeister von Bickenbach und Alsbach-Hähnlein. Bickenbach garantiere die beim Betrieb der Kita entstehenden Kosten, sagt Bürgermeister Markus Hennemann (SPD). Auch die Verträge in Alsbach-Hähnlein sähen einen Defizitausgleich vor, so Bürgermeister Sebastian Bubenzer (CDU).

Kosten in der Zentrale zu hoch?

Damit ist aus Sicht der Bürgermeister nicht nachvollziehbar, wie freie Plätze unmittelbar zu einer Schieflage der AWO family führen konnten. Aus ihrer Sicht muss daher geklärt werden, ob die finanziellen Probleme vor allem aus zentralen Kosten resultieren, die nicht von den Kommunen finanziert werden.

Auf konkrete Nachfragen bezeichnete AWO family die Kinderzahlen anschließend lediglich als „einen Faktor unter mehreren“. Die Belegung, die Verträge und die Finanzierung unterscheiden sich je nach Einrichtung und Kommune.

Dass die Kinderzahlen sinken, ist unstrittig. Besonders deutlich zeigt sich das bei den unter Dreijährigen. Im Landkreis Darmstadt-Dieburg ging ihre Zahl seit dem Kita-Jahr 2022/23 von 5.698 auf 5.028 zurück. Das sind 670 Kinder weniger, ein Minus von knapp zwölf Prozent.

Inzwischen erreicht der Rückgang auch das Kindergartenalter. Strittig ist deshalb nicht die demografische Entwicklung, sondern die Frage, warum sie bei AWO family trotz kommunaler Defizitausgleiche zu einer wirtschaftlichen Krise geführt haben soll.

Verlust der Pfungstädter Kitas belastet AWO

Eine weitere mögliche Ursache für die wirtschaftlichen Probleme liegt in Pfungstadt. Die Stadt kündigte 2025 vier Betreiberverträge mit AWO family und organisierte den Betrieb der Einrichtungen neu. Vorausgegangen war ein Streit über die Betriebskostenabrechnungen.

Ende 2025 berichtete der hr über fehlerhafte Abrechnungen der AWO family in Pfungstadt. Bei einer Prüfung hatte die Stadt unter anderem festgestellt, dass Zinsen für zwei Kita-Immobilien doppelt berechnet worden waren. Pfungstadt bezifferte die fehlerhaften Abrechnungen auf rund 200.000 Euro.

Auffällig waren zudem die unterschiedlichen Kosten je Betreuungsplatz. Nach Berechnungen der Stadt kostete ein Platz in einer kommunalen Kita im Jahr 2024 durchschnittlich rund 627 Euro pro Monat. In einer von AWO family betriebenen Einrichtung waren es demnach rund 1.144 Euro.

AWO family begründete den Unterschied seinerzeit unter anderem mit einem größeren Anteil der aufwendigeren U3-Betreuung.

Heute erklärt die Gesellschaft, der Verlust der vier größeren Einrichtungen habe erhebliche finanzielle Belastungen hinterlassen. Obwohl die Rechtsstreitigkeiten mit Pfungstadt gütlich beigelegt worden seien, seien Abwicklungskosten bei der gemeinnützigen Gesellschaft verblieben.

Pfungstadt von AWO family-Insolvenz nicht betroffen

Pfungstadts Erster Stadtrat Horst Knell von den Unabhängigen Bürgern Pfungstadt (UBP) widerspricht der Darstellung, der Geburtenrückgang habe die Insolvenz ausgelöst.

Überkapazitäten seien zwar ein allgemeines Problem vieler Kommunen. Die Verantwortung für die aktuelle Schieflage liege aus seiner Sicht jedoch bei AWO family.

Pfungstadt ist von dem Insolvenzverfahren nicht mehr unmittelbar betroffen. Die Stadt hat den Betrieb der vier ehemaligen AWO Kitas neu organisiert und arbeitet inzwischen an einem eigenen Konzept, um ihre Kita-Strukturen an die sinkenden Kinderzahlen anzupassen.

Dass die Kinderzahlen in der Region sinken, ist unbestritten. Ob dieser Rückgang die AWO family tatsächlich in die Insolvenz geführt hat, bleibt hingegen offen. Welche Rolle nicht angepasste interne Kosten des gemeinnützigen Trägers dabei gespielt haben, wird sich im Laufe des Insolvenzverfahrens zeigen.

Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/ist-der-geburtenrueckgang-wirklich-der-hauptgrund-fuer-die-insolvenz-von-awo-family-v1,awo-family-100.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert