Moritz Brandenstein fühlte sich als junger, schwuler Mann in Kassel oft allein. Daher zog es ihn nach Berlin und Köln. Heute ist er zurück in seiner Heimat und organisiert Tanzworkshops für queere Menschen. Dabei geht es um viel mehr als nur ums Tanzen.
Mit 13 Jahren outet sich Moritz Brandenstein als schwul. Wenn der heute 31-Jährige mit den langen dunklen Locken Fotos von damals betrachtet, wirkt er fast schon schwermütig. Die Bilder erinnern ihn an eine Zeit, die alles andere als einfach für ihn war.

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„Keiner war so wie ich“, erinnert er sich. Zwar hat Brandenstein viele Freunde, doch fühlte er sich oft einsam. Wirklich öffnen kann und will er sich kaum jemandem gegenüber. Was ihm damals fehlt, sind Angebote für queere Menschen. Und Möglichkeiten zum Austausch.
Mit 17 zieht Brandenstein zunächst nach Berlin und später nach Köln – der Ortswechsel ist für ihn ein Gamechanger. Denn anders als in Kassel wird er hier nicht angestarrt. In der Großstadt, so erzählt er es der hessenschau, muss er sich nicht verstecken, niemandem etwas erklären. „Berlin war Freiheit“, sagt Brandenstein.

Moritz Brandenstein: In Berlin frei gefühlt.
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Tanzen fürs Selbstbewusstsein
Im Jahr 2023 kommt der heute 31-Jährige zurück nach Kassel. Hier stellte er fest: Es gibt zwar Angebote für queere Menschen, aber es könnten mehr sein. Brandenstein will selbst einen Begegnungsort aufbauen, der anderen Kraft und Selbstbewusstsein gibt.
Seit einiger Zeit gibt er kostenlose Tanzworkshops für queere Menschen. Mit seinem Angebot will er etwas schaffen, was er selbst nicht hatte.
Einmal in der Woche treffen sich junge Männer zum „Voguing“, einem Tanzstil, der in den 1970er Jahren in der LSBTIQ*-Szene in New York entstand. Die Posen sind von Models auf dem Laufsteg inspiriert. Das Tanzen in der Gruppe hilft ihm gegen Momente, in denen er sich allein fühlt.

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Queere Menschen sind häufiger einsam
Denn mit seinem Einsamkeitsgefühl in den frühen 20ern ist Brandenstein nicht allein. Rund ein Viertel aller queeren Menschen in Deutschland fühlt sich einsam. Bei heterosexuellen Personen ist es nur rund jeder Zehnte.
Das geht aus dem Einsamkeitsbarometer des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BmBFSFJ) von 2025 hervor. Demnach stellen LSBTIQ*-Personen „eine Gruppe mit erhöhter Vulnerabilität für Einsamkeitsbelastungen“ dar.
Natürlich gibt es auch innerhalb der queeren Community Unterschiede. Einige Gruppen sind stärker betroffen, beispielsweise trans* Personen und Befragte, die sich keiner der Antwortmöglichkeiten auf die Frage nach dem Geschlecht zugehörig fühlen. Mehr als die Hälfte der befragten Personen ist dem Bericht zufolge „von einer erhöhten Einsamkeitsbelastung betroffen“.
Einsamkeit und Gesundheit bedingen einander
Das hat Auswirkungen auf die mentale Gesundheit. LSBTIQ*-Personen erkrankten der Studie zufolge häufiger (18,2 Prozent) an Depressionen als cisgeschlechtliche und zugleich heterosexuelle Personen (11,7 Prozent).
Gesundheit und Einsamkeit bedingen sich gegenseitig, wie es in der Veröffentlichung des Bundesministeriums heißt: „Eine erhöhte Einsamkeitsbelastung kann zu einer schlechteren Gesundheit führen, eine schlechte Gesundheit kann ebenso zu einer erhöhten Einsamkeitsbelastung führen.“
Einfach sein, ohne sich erklären zu müssen
Wer einsam ist, findet bestenfalls einen Ort, an dem er Menschen trifft. Für queere Personen ist das nach der Erfahrung von Brandenstein nicht so einfach. Lange gab es keine oder nur sehr wenige Anlaufstellen. Seit ein paar Jahren scheint sich das langsam zu ändern. Mehr als 40 feste Treffs, Vereine und Beratungsstellen gibt es heute in hessischen Städten.
Auf dem Land sind queere Angebote eher selten. Menschen fahren zum Teil mehrere Stunden, um zu Veranstaltungen zu kommen. In Kassel hat sich das Queere Zentrum gegründet. Bis zu zwölf Veranstaltungen gibt es hier pro Woche, darunter Spielabende und Workshops. Dabei sein ist kostenlos.
Fred Stecher ist für die Projektkoordination zuständig. Er sagt: Für queere Menschen sei das Zentrum ein Safespace, wo sie das bekommen, was nicht-queere Menschen im Alltag überall bekommen, nämlich „das Gefühl, anerkannt und normal zu sein“.
Finanziert wird das Zentrum unter anderem von der Stadt Kassel, der Aktion Mensch und von Spenden. Doch die Finanzierung kommt immer nur Jahr für Jahr. Der Verein hofft auf langfristige politische Lösungen.
Mehr Tanzstunden gegen die Einsamkeit
Damit queere Menschen mehr Chancen auf Verbindung haben und dadurch weniger einsam sind, will Brandenstein künftig mehr Zeit investieren und noch mehr Kurse geben. Deshalb hat er sich bei der Stadt Kassel um Fördergelder beworben.
So schaffe er einen Mehrwert für seine Stadt, sagt der 31-Jährige. Es sei eine Möglichkeit, Menschen genau das zu geben, was er selbst früher nicht hatte.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/moritz-brandenstein-schafft-ort-gegen-einsamkeit-keiner-war-so-wie-ich-v1,einsamkeit-queere-community-100.html



