Einerseits fehlen in Hessen tausende Betreuungsplätze für Kinder. Aber an manchen Orten werden manche Kita-Gruppen geschlossen, weil es dort an Kindern fehlt. Was bedeutet das für den Erzieherinnenmangel, und wie gehen die Kommunen mit der Entwicklung um?
Was haben die Frechdachse aus Witzenhausen, die Waldkita in Allendorf (Lumda) und die Krippengruppe Löwenzahn in Gladenbach gemeinsam? Sie wurden bereits oder werden demnächst geschlossen, weil die Zahl der Kinder in diesen Orten sinkt und Betreuungsplätze frei bleiben.
Diese Beispiele folgen einer Entwicklung, die inzwischen viele hessische Kommunen spüren. Im März 2026 wurden in Hessen fast 4.900 Kinder weniger in Kitas betreut als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Landesamt mitteilt. Besonders deutlich fällt der Rückgang bei den unter Dreijährigen aus. Inzwischen sinkt aber auch die Zahl der Kindergartenkinder.

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Beispiele Allendorf (Lumda) und Gladenbach
In Allendorf/Lumda (Kreis Gießen) kommen zu diesem Trend noch massive Finanzprobleme hinzu. Die Stadt hat rund 30 Kitaplätze mehr als Kinder in dem betreffenden Alter. Zugleich muss sie etwa 800.000 Euro einsparen. Deshalb sollen die Kinder der Waldkita im Stadtteil Nordeck künftig in anderen Einrichtungen betreut werden.
Auch in Gladenbach (Kreis Marburg-Biedenkopf) ist die Nachfrage nach Betreuungsplätzen deutlich gesunken. Im Vergleich zu den Corona-Jahren 2020 und 2021 werden dort inzwischen mehr als 30 Prozent weniger Kinder geboren. In der Krippe für U3-Kinder wird deshalb die Gruppe Löwenzahn geschlossen.
Bürgermeister Peter Kremer (parteilos) rechnet damit, dass der Rückgang bald auch die Kindergartengruppen erreichen wird. Mittelfristig müsse die Stadt prüfen, ob alle Einrichtungen weiterhin benötigt werden, sagt er.
Landesweite Entwicklung bei den Geburtenzahlen
Die Entwicklung ist inzwischen landesweit messbar. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Landesamts. Demnach kamen 2025 in Hessen rund 51.740 Kinder zur Welt. Das waren 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr und so wenige wie seit 2012 nicht mehr.
Eine Schließungswelle bei Kitas ist bislang zwar nicht erkennbar. Die Zahl der Kindertagesstätten im Land ist mit 4.508 weitgehend unverändert. Bei einem anhaltenden Geburtenrückgang wächst jedoch der Anpassungsdruck auf Kommunen und Kitas.
Das hessische Sozialministerium bestätigt auf Anfrage, dass Träger und Jugendämter in manchen Regionen von einer sinkenden Nachfrage berichten. Insgesamt fehlten zwar etwa 28.000 Kita-Plätze in ganz Hessen, in Einzelfällen – auf dem Land – führe die demografische Entwicklung aber zu Schließungen, vor allem bei Krippen.
Städte- und Gemeindebund: Voraussagen sind schwierig
Als Gründe nennt das Ministerium neben dem Geburtenrückgang die geringere Zuwanderung durch Geflüchtete. Die genauen Auswirkungen vermag das Land allerdings nicht zu beziffern. So werde in der Kita-Statistik nicht erfasst, welche Kinder als Flüchtlinge nach Hessen kämen.

In manchen Kita-Gruppenräumen wird es wegen des demografischen Wandels leerer.
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Auch der Hessische Städte- und Gemeindebund (HSGB) verfügt über keine regional aufgeschlüsselte Prognose zur Zahl der künftig benötigten Plätze und Einrichtungen. Allgemeine Vorausberechnungen der Bevölkerungszahlen seien nur bedingt belastbar, sagt HSGB-Geschäftsführer David Rauber auf hessenschau-Anfrage.
Demnach nutzen zwischen 30 und 40 Prozent eines Jahrgangs die Krippenangebote. Schon kleine Veränderungen beim Anmeldeverhalten könnten die Nachfrage deutlich verschieben, betont Rauber.
Ob eine Einrichtung geschlossen wird, hängt seiner Einschätzung nach nicht allein von den Kinderzahlen ab. Weitere Faktoren seien der Sanierungsbedarf, Angebote anderer Träger, Neubaugebiete und die finanzielle Lage der Kommune.
Sozialministerium: Fachkräfte werden weiterhin gebraucht
Laut Landesregierung lösen sinkende Kinderzahlen den Mangel an Erzieherinnen nicht automatisch. „Nach Einschätzung des Landes bleibt der Bedarf an pädagogischen Fachkräften weiterhin hoch“, teilt das Sozialministerium mit.
Viele Fachkräfte stünden kurz vor dem Ruhestand, und in vielen Einrichtungen sei der Betrieb nach wie vor oft instabil, auch aufgrund hoher Krankenstände. Eine höhere Zahl an Erzieherinnen würde die Belastung in einer Einrichtung reduzieren und „zu einer Stabilisierung des Betriebs beitragen“, glaubt das Ministerium.
Weniger zu betreuende Kinder könnten den Trägern künftig ermöglichen, Personal gezielter auszuwählen. Die Kommunen müssten „auch nicht mehr mehr oder weniger alle Bewerberinnen und Bewerber nehmen„, sagt HSGB-Chef Rauber. Er verbindet das mit der Perspektive einer besseren Zusammenarbeit in den Teams vor Ort.
Naturgruppe mit Bauwagen in Ober-Ramstadt
Ober-Ramstadt bei Darmstadt hat bereits in den Jahren mit hohen Kinderzahlen versucht, flexiblere Strukturen zu schaffen. Anstatt nur feste Gebäude zu errichten, richtete die Stadt Naturgruppen mit Bauwagen ein.
Am Standort Kuhfalltor beliefen sich die Kosten für das Aufstellen eines Bauwagens und einer Toilettenanlage sowie die Herrichtung des Geländes auf rund 200.000 Euro, wie Bürgermeister Tobias Silbereis (parteilos) berichtet. Das entspreche etwa einem Fünftel der Kosten für konventionell gebaute Räume für eine Kindergartengruppe.
Vorhandene Gebäude würden zudem mehrfach genutzt. Das Mittagessen für die Kinder vom Kuhfalltor werde in der Grillhütte nebenan eingenommen, die von der Stadt außerdem an Bürger für private Feiern vermietet werde, sagt der Bürgermeister. Sinkt die Nachfrage, lassen sich Naturgruppen laut Silbereis leichter anpassen als massive Kita-Gebäude.
Physiotherapiepraxis statt Krippe in Alsbach-Hähnlein
Auch Alsbach-Hähnlein (Kreis Darmstadt-Dieburg) hat auf die veränderten Zahlen bei den Kindern im Ort reagiert. Die Gemeinde kaufte vor wenigen Jahren ein Haus, um dort mehrere Krippengruppen einzurichten.
Diesen Plan hat Bürgermeister Sebastian Bubenzer (CDU) aufgrund sinkender Kinderzahlen inzwischen angepasst. Anstelle einer Krippe wurde im Erdgeschoss des Hauses eine Praxis für Physiotherapie eröffnet. Darüber hinaus wurde Wohnraum für Pflegekräfte einer nahegelegenen Klinik geschaffen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/ruecklaeufige-geburtenrate-kita-gruppen-schliessen-im-laendlichen-hessen-v1,kitas-geburtenrueckgang-100.html



