Kultur

Schriftstellerin Ivna Žic über Long Covid: „Nicht dasselbe Leben wie vorher“

Schriftstellerin Ivna Žic über Long Covid: „Nicht dasselbe Leben wie vorher“

Wie geht die Gesellschaft mit Long Covid um, mit Menschen, die nicht mehr funktionieren? Darüber schreibt Autorin Ivna Žic in einem preisgekrönten Essay. Im Interview spricht sie über die Krankheit und ihre neue „Normalität“.

Für die meisten Menschen ist die Corona-Pandemie Geschichte. Nicht aber für Menschen mit Long oder Post Covid. Für rund 1,5 Millionen Betroffene allein in Deutschland ist nichts wie es vorher war.

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00:42 Min.
|Sonja Fouraté

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Die Schriftstellerin und Theaterregisseurin Ivna Žic ist selbst betroffen und setzt sich in ihrem Essay „Die Unversehrten“ literarisch mit der Erkrankung auseinander. Sie verknüpft diese geschickt mit Themen wie Kapitalismus und neoliberaler Gesundheitspolitik. Dafür wird sie am Freitag in Frankfurt mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis 2026 ausgezeichnet. Er ist mit 35.000 Euro dotiert.

Im Interview spricht sie über Long Covid, prägende Reisen in die USA und Begegnungen mit Trump-Wählern sowie ihre neue „Normalität“ nach der Corona-Infektion.

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Die Fragen stellten Alf Haubitz und Sonja Fouraté.

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hessenschau.de: Frau Žic, wer oder was ist in Ihrem Text „unversehrt“?

Ivna Žic: Der Text behandelt die Frage nach der Versehrtheit in unserer Gesellschaft und nach der Verletzlichkeit von Körpern, von Menschen. Es geht um das, was uns allen tagtäglich passieren kann und darum, wie eine Gesellschaft damit umgeht. Diese verlangt von uns allen dauernd Unversehrtheit, Kraft und Leistung, die vielleicht nicht alle immer geben können.

hessenschau.de: Der Text ist sehr intensiv und spielt auf drei Zeitebenen. Die Ich-Person erzählt zunächst von sich, dass sie beim Liegen im Bett Schmerzen hat, dass sie das Ausräumen der Spülmaschine als Kraftakt empfindet, dass sie eigentlich gar nicht mehr rausgehen will. Es geht um eine Krankheit, von der die wenigsten wissen. Was schildern Sie da?

Žic: Die Person schildert eine Long- oder Post-Covid-Erkrankung, eine postvirale Erkrankung. Die Zahl der Betroffenen hat sich durch die Corona-Pandemie sehr stark erhöht. Die Krankheit ist im Prinzip aber nicht neu, muss man sagen, weil viele Viren langwierige Folgen haben können.

In einer sehr starken Form wird diese Krankheit ME/CFS genannt und schränkt den Alltag massiv ein. Grund ist eine extreme Belastungsintoleranz, die einem zwar ein paar Stunden Kraft pro Tag schenkt, aber es ist, als wenn der Handyakku ständig auf 20 Prozent wäre und immer, wenn man ihn auflädt, fällt er schnell wieder runter auf 20 Prozent. Das ist in etwa das Gefühl, das ich zu beschreiben versuche.

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09:19 Min.
||Ivna Žic, Schriftstellerin, Theaterautorin und Preisträgerin der „Wortmeldungen“, im Gespräch mit Alf Haubitz im Aktuellen Kulturgespräch

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hessenschau.de: Die Person ist dabei nicht wehleidig, sie schildert ihren Zustand einfach nur. Dann erinnert sie sich an die Zeit vor drei Jahren – das ist in dem Fall 2019. Und dann reist sie gedanklich noch einmal 17 Jahre zurück. Damals war die Person als Schülerin ein oder ein halbes Jahr in den USA.

Žic: Der Text ist der Versuch, eine innere Bewegung herzustellen, da eine äußere Reise durch die Krankheit nicht mehr möglich ist. Diese innere Bewegung ist ein Gegenpol zu dem extrem eingeschränkten Alltag, in dem die Person ans Bett und ans Haus gebunden ist.

Die innere Bewegung sind die großen Reisen in die USA, die sich verbinden mit dem großen Thema der Verletzlichkeit und der Fragilität. Es gibt Begegnungen mit Menschen vor Ort, die ein Land zeigen, die noch härter im Umgang mit Versehrtheit und mit dem einzelnen Körper ist als die kapitalistischen Systeme in Europa und der Schweiz.

hessenschau.de: Ist es eine Enge in den Köpfen von vielen US-Bürgern, die Sie mit der körperlichen Eingeschränktheit der Ich-Erzählerin vergleichen?

Žic: Es geht um Begegnungen in kleinen Orten, wir reden nicht von New York, wir reden nicht von Chicago, wir reden von ganz kleinen Orten im sogenannten Midwest der USA. Dort bin ich Menschen begegnet, die sehr selbstverständlich den aktuellen Präsidenten gewählt und wieder gewählt haben – wahrscheinlich. Mir ist dort ein Gefühl begegnet, dass man zu einer großen Bewegung dazugehört.

Es wird nicht in Betracht gezogen, dass diese große Bewegung den einzelnen Körper nicht mitdenkt. Das war mir unheimlich, aber es ist mir im Alltag begegnet, im Gespräch, in einem Restaurant, in einem Diner, in dem Airbnb, in dem ich war. Das hat mich sehr beschäftigt und es hat sich sieben Jahre später, nach der Pandemie, mit dem wiedergewählten Präsidenten, noch einmal härter widergespiegelt.

hessenschau.de: Sie schildern etwa, dass Millionen US-Amerikaner nicht krankenversichert sind, weil sie keine volle Stelle haben und sich keine Versicherung leisten können. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie nicht operiert werden können. Gleichzeitig schildern Sie Gespräche, in denen gesagt wird, Krankenversicherung sei Sozialismus. Sie schildern das sehr lapidar, Sie verurteilen es nicht, und dadurch wirkt es intensiver. 

Žic: Meine Literatur ist definitiv nicht dafür da, um zu verurteilen. Dafür sehe ich mich weder als Mensch noch als Schriftstellerin in der Position. Aber ich beobachte natürlich über längere Zeitepochen und ich wusste, dass ich irgendwann darüber schreiben werde. Die Zeit hat eine Pandemie gebracht, hat mir Long Covid in mein Leben gebracht und mir aufgezeigt, dass unser Gesundheitssystem hier in Europa sehr viele Lücken hat.

Mir wurden Lücken aufgezeigt, die ich nicht mit den USA vergleichen möchte, die ich nicht verurteilen möchte, aber die mich an jemanden in einem System erinnert haben, der eine Operation bekommen konnte, danach aber sehr hohe Schulden hatte.

hessenschau.de: Wie leben Sie selbst aktuell mit Ihrer Erkrankung? Wie weit fällt man als Schriftstellerin und Regisseurin aus dem System?

Žic: Danke für die Nachfrage. Mir geht es mittlerweile besser als der Figur im Text, auch wenn „besser“ immer relativ bleibt. Ich führe nicht dasselbe Leben wie vor der Erkrankung, und doch gibt es in diesem neuen Leben auch eine neue „Normalität“, die ich sehr schätze. Das verdanke ich auch stark meinem Umfeld und dem Schreiben, das mich immer begleitet, und so auch als Arbeit nie ganz verloren gegangen ist.

Das Theater ist etwas weiter in die Ferne gerückt, da vor allem Regiearbeit ein Leistungsakt ist, der einem Marathon gleicht und nicht gut in kleinere Portionen geteilt werden kann. Aber ich schreibe fürs Theater und besuche es auch wieder öfter.

hessenschau.de: Was dürfen wir also als nächstes erwarten, arbeiten Sie an einem zweiten großen Roman?

Žic: Ich hatte das Privileg, dass ich gerade von einer fünfwöchigen Residenz in New York zurückkomme, von einer Schreibresidenz, die natürlich auch geprägt war von den aktuellen Weltumständen, die aber auch sehr schön war. Dort habe ich an einem Roman geschrieben, der hoffentlich in absehbarer Zeit kommen wird und der definitiv auch an die Themen des Essays „Die Unversehrten“ anschließen wird.

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Biografisches

Ivna Žic, geboren 1986 in Zagreb, lebt nach Angaben der Crespo Foundation als freie Schriftstellerin und Theaterregisseurin in Wien und Zürich. Sie schreibt Prosa, Essays, Texte für das Theater und übersetzt aus dem Englischen und Kroatischen. Ihr Debütroman „Die Nachkommende“ (Matthes & Seitz Berlin, 2019) war für den Schweizer und den Österreichischen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Anna-Seghers-Preis 2020 und dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 2022 ausgezeichnet. Der Essayband „Wahrscheinliche Herkünfte“ (Matthes & Seitz Berlin, 2023) wurde 2024 mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Ihre Theaterarbeiten sind im gesamten deutschsprachigen Raum zu sehen.

Der Wortmeldungen-Literaturpreis wird seit 2018 jährlich von der Crespo Foundation verliehen an „herausragende kurze literarische Texte (…), die sich mit gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit auseinandersetzen“. Der Text von Ivna Žic sei, so die Jury, „nüchtern und musikalisch“ zugleich.

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Das Gespräch lief am 29.04.2026 im Aktuellen Kulturgespräch von hr2-kultur und wurde für eine bessere Lesbarkeit bearbeitet und ergänzt.

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Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/schriftstellerin-ivna-ic-ueber-long-covid-nicht-dasselbe-leben-wie-vorher-v1,interview-wortmeldungen-100.html

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