Tausende psychisch kranke und behinderte Menschen wurden während der NS-Zeit in der Landesheilanstalt Weilmünster entrechtet und ermordet. Lange wurde darüber kaum gesprochen. Ein neuer Lern- und Erinnerungsort soll nun an ihre Schicksale erinnern. Er richtet sich besonders an junge Menschen.

Mehr als 3.000 Menschen wurden in Weilmünster ermordet.
Bild © Jannis Gerhard (hr)
Es war lange ein verdrängtes, besonders dunkles Kapitel regionaler Geschichte: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden in der damaligen Landesheilanstalt Weilmünster (Limburg-Weilburg) tausende Patientinnen und Patienten Opfer der sogenannten Krankenmorde im Rahmen der „Aktion T4“.
An einem Ort, an dem psychisch kranke und behinderte Menschen eigentlich behandelt und gepflegt werden sollten, wurden sie stattdessen entrechtet, misshandelt und ermordet. Mehr als 3.000 Menschen wurden auf dem Klinikgelände getötet. Andere deportierten die Nationalsozialisten in grauen Bussen in die Tötungsanstalt Hadamar, wo sie in der Gaskammer ermordet wurden.
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03:30 Min.|Jannis Gerhard
Obwohl die Verbrechen direkt vor der Haustür stattfanden, war über sie in Weilmünster lange Zeit wenig bekannt. Ein neuer Lern- und Erinnerungsort in der alten Kapelle auf dem Klinikgelände soll nun die Schicksale der Opfer dokumentieren, Bildungsarbeit ermöglichen und ein Zeichen gegen das Vergessen setzen.
Dauerausstellung in der ehemaligen Kapelle
Runde Holztafeln hängen jetzt von der Decke der historischen Klinikkapelle. Auf Plakaten sind Fotos, Namen und Geschichten zu sehen. Bildschirme, zeitgeschichtliche Dokumente und Fotos machen die Geschichte der Klinik wieder sichtbar.
Träger des Projekts ist der Verein „Weilburg erinnert e. V.“, der gemeinsam mit der Vitos Weil-Lahn gGmbH und der Gedenkstätte Hadamar den Lern- und Erinnerungsort aufgebaut hat.

Als Standort für den Lern- und Erinnerungsort dient die historische Klinikkapelle auf dem Gelände der ehemaligen Anstalt.
Bild © Jannis Gerhard (hr)
Vitos stellte dafür die historische Klinikkapelle auf dem Gelände der ehemaligen Anstalt zur Verfügung. Dort wurde eine Dauerausstellung eingerichtet. Zudem gibt es Workshops und weitere Bildungsangebote.
An acht thematischen Stationen zeigt die Ausstellung zentrale Aspekte der NS-„Euthanasie“ und ihre Folgen. Dabei geht es unter anderem um Eugenik und Zwangssterilisationen, um die Aufarbeitung der Verbrechen, den späteren Wandel im Psychiatriewesen sowie um heutige Debatten über die Optimierung des Menschen.
Geschichten der Ermordeten
Vorgestellt wird etwa die Geschichte der 34 Jahre alten Frieda Rothe. Sie wurde zunächst wegen Epilepsie eingewiesen, später zwangssterilisiert und schließlich ermordet.
Die Ausstellung zeigt, wie Menschen wie sie zunächst aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden – und wie aus dieser Ausgrenzung schließlich tödliche Gewalt wurde.
Ausstellungsführerin Iris Rübeck-Klesen sagt: „Es ist vielen Leuten heute überhaupt nicht bewusst, wegen welcher Kleinigkeiten damals die Menschen hier hoch gebracht worden sind.“ Damals hätten viele Menschen nicht wahrhaben wollen, was in der Anstalt geschah – oder es schlicht ignoriert.
Erinnerungsort richtet sich besonders an junge Menschen
Nach Angaben des Vereinsvorsitzenden Markus Huth richtet sich das Angebot besonders an junge Menschen und pädagogische Fachkräfte. Ziel sei es zu zeigen, wohin Ausgrenzung, Diskriminierung und die Entwertung menschlichen Lebens führen können. „Menschen mit Behinderungen haben auch heute nicht immer eine Lobby – früher hatten sie gar keine Lobby.“
Die Verbrechen auf dem Klinikgelände seien nach dem Ende der NS-Zeit lange nicht aufgearbeitet worden, berichtet Huth. Erst ein Bericht des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 2000 habe die öffentliche Diskussion über die NS-Verbrechen in Weilmünster angestoßen und damit den Weg für das heutige Erinnerungsprojekt mitbereitet.
Bislang größtes Projekt des Vereins
Die Ausstellung wurde vom österreichischen Büro Kropshofer-Lohninger gestaltet, das zuletzt einen Gedenkort in der ehemaligen österreichischen NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim konzipiert hat.
Mit einem Investitionsvolumen von rund 250.000 Euro, ergänzt durch weitere 50.000 Euro der Vitos Weil-Lahn gGmbH, handelt es sich nach Angaben der Initiatoren um das bislang größte Projekt in der Geschichte des Vereins.
Gefördert wird der Lern- und Erinnerungsort unter anderem von der Deutschen Postcode Lotterie, der Stiftung EVZ, der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen.
Bereits im September 2024 wurde auf dem Klinikgelände eine Streetart-Kunstinstallation zur Erinnerung an die Opfer der NS-Krankenmorde präsentiert. Beteiligt waren daran unter anderem der Künstler Guido Zimmermann und Schülerinnen und Schüler der Weiltalschule Weilmünster.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/ueber-3000-ns-opfer-in-weilmuenster-neuer-ort-erinnert-an-ihre-schicksale-v1,erinnerungsort-weilmuenster-100.html

