Dietzenbach galt einst als Kriminalitätsschwerpunkt. Heute werden deutlich weniger Straftaten registriert. Trotzdem fühlen sich viele Menschen unsicher. Warum klaffen Wahrnehmung und Statistik auseinander – und wie versuchen Polizei und Jugendhilfe, Vertrauen zu schaffen?

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Wenn die Polizei vor der Tür steht, ist das selten Anlass zur Freude. Doch in der Kindertagesstätte Bremer Stadtmusikanten in Dietzenbach ist das anders. Mit großen Augen und erwartungsvoller Unruhe wird Schutzmann Shkelqim Maloku von den Vorschulkindern in Empfang genommen. „Ich bin Polizeikommissar Maloku von der Polizeistation Dietzenbach“, stellt er sich vor, „aber das ist viel zu lang und viel zu schwierig, deswegen könnt ihr Jim zu mir sagen.“

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In der nächsten Stunde geht es um allerlei Fragen. Woran erkennt man einen Polizisten? Welche Fahrzeuge hat die Polizei? Was machen Polizeihunde? Wann ruft man die Polizei? Besuche wie dieser gehören zu den angenehmeren in Malokus Berufsalltag. Ziel sei es, „schon im Kindesalter die Hemmung der Kinder vor der Polizei zu nehmen. Vertrauen zu schaffen.“
Dass die Vorschulkinder großes Vertrauen in die Polizei haben, steht außer Frage. Die Kleinsten fühlen sich offenkundig sicher. Bei den Erwachsenen in Dietzenbach scheint das nicht immer der Fall zu sein. „Ich könnte jetzt nicht sagen, dass die Kriminalität in den letzten Jahren hier sprunghaft hochgegangen wäre“, sagt eine Mutter, „allerdings haben Eltern schon sehr, sehr viel mehr Angst um ihre Kinder, als das noch vor ein paar Jahren gewesen ist.“

Besuch von der Polizei: POK Shkelqim Maloku und Thomas Leipold vom Polizeipräsidiums Südosthessen in der Kita Bremer Stadtmusikanten in Dietzenbach.
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Ruf als „hartes Pflaster“
Sicherheit und Kriminalität sind Dauerbrennerthemen in Dietzenbach. Nicht erst seit Mitte September ein 60-Jähriger auf offener Straße vor einem Supermarkt erschossen wurde. Vier Tatverdächtige sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. „Wir als Polizei haben hier schnell gehandelt, wir haben umfassend und akribisch ermittelt von der ersten Minute an“, betont Thomas Leipold, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen.
Dennoch treibt die Sicherheitslage viele Bürger um. Das zeigte sich zuletzt auch bei zahlreichen Gesprächen in der Pop-Up-Redaktion des hr im Rathaus-Center. Ein Grund mag in der Vergangenheit liegen. Die jüngste Gewalttat weckt ungute Erinnerungen an die 1980er- und 1990er-Jahre.
Seinerzeit erwarb sich Dietzenbach einen Ruf als „hartes Pflaster“. Insbesondere der Starkenburgring, das heutige Spessartviertel, galt bis ins neue Jahrtausend hinein als Kriminalitätsschwerpunkt. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung im Jahr 1997 wurden in Dietzenbach mehr als 3.500 Straftaten registriert.
Fallzahlen seit 1997 halbiert
Fast 30 Jahre später allerdings hat sich diese Zahl mehr als halbiert. 1.759 Straftaten wurden 2025 in Dietzenbach registriert. Auch im Zehnjahresvergleich zeigt sich: Die Kriminalität in Dietzenbach ist – trotz Schwankungen – tendenziell rückläufig.
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Auch im landesweiten Vergleich schneidet Dietzenbach relativ gut ab. Hochgerechnet auf 100.000 Einwohner käme Dietzenbach auf rund 5.000 Straftaten. Der Landesschnitt liegt bei 6.000 Straftaten auf 100.000 Einwohner.
Allerdings zeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik bei genauerem Hinsehen ein differenzierteres Bild. So verzeichnet sie im Jahr 2025 merkliche Rückgänge bei Diebstählen, Straßenraub und Drogendelikten. Dem stehen Anstiege bei sogenannten Rohheitsdelikten wie Körperverletzung sowie bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gegenüber.
Verein hilft straffäligen Jugendlichen
Der allgemeine Rückgang der Kriminalität lässt sich wohl auf eine ganze Reihe von Maßnahmen zurückführen. Immer wieder fallen Stichworte wie „Polizeipräsenz“, „behördenübergreifende Zusammenarbeit“ und „Prävention“. Und nicht zuletzt: Jugendarbeit.
Jugendliche, die bereits straffällig geworden sind, landen nicht selten bei Christopher Hahn und seinen Mitarbeitern von der Aktionsgemeinschaft Soziale Arbeit. Der Verein arbeitet schwerpunktmäßig in der Kriminalprävention mit straffälligen Jugendlichen und bietet unter anderem soziale Trainingskurse an.
Die Hauptzielgruppe: Jungen und junge Männer im Alter von 14 bis 21 Jahren aus dem Kreis Offenbach. Die Straftaten reichen dabei von Schwarzfahren über Diebstahl bis zu Körperverletzung.

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Intensive Beziehungsarbeit
„Wir probieren anzusetzen an den Lebenswelten von den Jugendlichen, versuchen zu erörtern, wo kommen die her, mit was für Päckchen sind die vielleicht irgendwie ins Leben gestartet, was hat sie letztendlich dazu geführt, straffällig zu werden“, sagt Hahn. Schlüssel sei eine „intensive Beziehungsarbeit“. „Wir versuchen, dass sie das hier nicht nur als Strafe betrachten“, so Hahn.
Die „kriminalitätstreibenden Faktoren“ seien dabei in Dietzenbach und Umgebung dieselben wie überall anders auch: Gewalterfahrungen, mangelnde Bildung, fehlende Perspektiven. Bis zu 300 Jugendliche begleitet der Verein pro Jahr.
Eine hohe Zahl, doch Hahn sieht keinen Grund zum Pessimismus: „Wir sehen ja im Landkreis Offenbach, dass die Jugendkriminalität leicht rückläufig war in den letzten Jahren.“ Ein Teil der Entwicklung sei allerdings auf die Teillegalisierung von Cannabis zurückzuführen. „Und es ist nicht gesagt, dass es permanent in diese Richtung geht.“
Aufklären statt verurteilen
Als eine Form von Präventionsarbeit versteht die örtliche Polizei auch die Präsenz und Ansprechbarkeit ihrer Beamten. Polizeikommissar Shkelqim Maloku etwa besucht nicht nur Kindergärten, er sucht auch immer wieder das Gespräch mit Jugendlichen auf der Straße.
„Ich versuche immer auf Augenhöhe mit denen zu sprechen, nicht von oben herab und nicht direkt zu verurteilen, wenn mal ein Fehler gemacht wurde oder dergleichen. Aufklärung ist hier viel wichtiger“, sagt Maloku. Seine eigene Biografie komme ihm dabei zugute. „Meine Familie ist hierher geflüchtet. Ich habe hier auch in einer Geflüchtetenunterkunft angefangen. Ich kann viele Dinge sehr gut nachvollziehen.“
Mit seiner Arbeit will Maloku vor allem eines schaffen: Vertrauen. Ob damit auch das Sicherheitsgefühl der Menschen wächst, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/weniger-straftaten-in-dietzenbach–doch-das-unsicherheitsgefuehl-bleibt-v1,dietzenbach-kriminalitaet-sinkt-unsichertheit-waechst-100.html



