Die Klimakrise sorgte für Massendemos, aktuell ist sie zur Randnotiz geschrumpft. Die Aktivistin Jana Trommer aus Marburg will das nicht hinnehmen. Jeden Freitag bremst sie für eine Viertelstunde den Verkehr aus – Motto: Kunst statt Klebstoff.
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00:39 Min.||Anna Spieß
Freitag zwischen 16:30 Uhr 16:45 Uhr: Jana Trommer blockiert mal wieder eine Kreuzung in der Marburger Innenstadt. Gemeinsam mit drei Mitstreiterinnen und Mitstreitern sitzt sie auf der Kreuzung Biegenstraße, Ecke Wolffstraße.
Ganz ohne Kleber, dafür mit weiß angemalten Händen oder weißen Handschuhen, die sie in die Höhe hält. Manchmal haben sie auch Trommeln und sie singen, etwa einen Song der Punk-Band „Die Ärzte“. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär‘ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“
Fahne für den Klimaschutz hochhalten
„Mit dieser Protestform fühle ich mich wieder selbstwirksamer. Und ich mache das ja nicht aus Selbstzweck, sondern weil ich der Meinung bin, dass der gewaltfreie Protest wichtig ist“, sagt Trommer.
Die Klimaaktivistin will die „Fahne hochhalten für den Klimaschutz“, in Zeiten, in denen dieser immer weniger Menschen zu interessieren scheint. „Die großen Demonstrationen haben offenbar keine Wirkung mehr gezeigt. Aber die Klimakrise ist permanent. Und so muss auch der Protest permanent sein.“
Zwei Generationen für den Protest
Jana Trommer ist 55 Jahre alt und lebt seit mehr als 25 Jahren mit ihrer Familie in Marburg. In ihrer Freizeit versucht die Diplompsychologin, das Klima zu retten. Ausschlaggebend dafür waren ihre eigenen Kinder.
Tochter Irma Trommer lebt als Klimaaktivistin in Berlin und war dort bei den Protesten der Klimagruppe Letzte Generation aktiv. Zuletzt legte sie Verfassungsbeschwerde gegen ein Urteil gegen ihren Protest ein. Als Irma und ihre Schwester Clara anfingen, sich für die Letzte Generation auf die Straße zu kleben, entschied die 55-jährige Mutter, selbst aktiv zu werden.
Letzte Generation löst Fridays for Future ab
Trommer hat die Freitage also noch nicht aufgegeben – die Tage, an denen noch vor wenigen Jahren tausende Menschen auf die Straße gingen. Gerade 2019, kurz vor der Corona-Pandemie, hatte die Fridays for Future-Bewegung ihre Hochphase. Zuletzt war es dann um sie immer stiller geworden.
2021 keimte eine neue Klimagruppe auf, die sogenannte Letzte Generation. Sie sorgte vor allem mit Sitzblockaden auf Straßen, teilweise mit festgeklebten Händen, für Aufmerksamkeit. Dort sei sie dann aktiv geworden, sagt Jana Trommer, nachdem sie „als Mutter“ den dringenden Wunsch verspürt habe, ihre Töchter zu unterstützen.
Trommers Protest landet mehrfach vor Gericht
Wegen ihres Engagements stand sie auch schon mehrfach vor Gericht. “Es gibt einige Verfahren, die gegen hohe Geldauflage eingestellt worden sind. Das war aber die Ausnahme. In anderen Verfahren bin ich zu Geldstrafen verurteilt worden.“ Aktuell laufe noch ein Berufungsverfahren in Stuttgart. „Da wurde ich zu 30 Tagessätzen à 50 Euro verurteilt.“
Protest von der Kunstfreiheit gedeckt
Nachdem es um Fridays for Future ziemlich still geworden ist, sich die Letzte Generation aufgelöst und Trommer auch vor Gericht einige Niederlagen kassiert hat, stellte sich bei der 55-Jährigen nach eigenen Angaben ein Gefühl der Ohnmacht ein. Aufgeben wolle sich aber nicht. Deshalb habe sie sich überlegt, welche Protestform für sie gut vertretbar und juristisch nicht anfechtbar ist.
Nun nennt sie ihre Einsätze „Kunstaktion“ und kündigt sie immer im Vorfeld in der Presse und in den sozialen Netzwerken an. Eine Versammlung meldet sie nach eigenen Angaben nicht an und begründet ihre Aktionen gegenüber der Stadt Marburg mit der Kunstfreiheit.
Entsprechend behandelt die Stadt sie auch, bestätigt die zuständige Pressestelle. Bislang sei niemand geräumt oder aufgegriffen worden, das sei aufgrund der relativ geringen Beeinträchtigung im Straßenverkehr „nicht verhältnismäßig“.
Weiße Hände als Symbol für Hilflosigkeit
Trommers Protest läuft immer gleich ab: Die Fußgängerampel an der entsprechenden Kreuzung springt auf grün, Trommer und ihre Mitstreitenden gehen ein Stück auf die Straße, bleiben dann stehen, malen ihre Hände weiß und halten sie über den Kopf. „Ich symbolisiere damit meine Hilflosigkeit gegenüber ausbleibendem Klimaschutz und meine Trauer über alle Verluste von Leben und Vielfalt durch die Klimakrise.“
Kurz darauf beginnen die Aktivistinnen und Aktivisten zu singen, setzen sich dann nebeneinander auf den Fußgängerüberweg und bleiben dort für 15 Minuten singend, manchmal trommelnd, sitzen. Bislang sei sie nie alleine gewesen, sagt Trommer. Jedes Mal säßen bis zu fünf Menschen mit ihr zusammen auf der Kreuzung.
Flyer mit Infos für die Autofahrer
Zwei weitere Personen begleiten den Protest von außen, sie tragen Schilder mit der Aufschrift “Stau Info“ und verteilen Flyer an Passanten und die Autos, die umgeleitet werden und von der Aktion betroffen sind.
Dort finden sich Informationen zu dem Protest, Hintergrundinfos zum Klimawandel und die Bitte, sich zu beteiligen. „Schreiben Sie Ihrem örtlichen Bundestagsabgeordneten oder unserem Bundeskanzler Friedrich Merz und bitten Sie sie, Klimaschutz wieder ernst zu nehmen“, heißt es dort.
Für ihre Aktionen bekommt die Aktivistin nach eigenen Angaben zahlreiche Reaktionen – sei es von den betroffenen Autofahrern und anderen Verkehrsteilnehmenden, aber auch in den sozialen Medien. Dabei seien die überwiegenden Reaktionen seit Beginn ihrer Straßenstör-Aktion Ende September letzten Jahres positiv.
Klimaschützerin: Jeder kann mitmachen
Es gebe außerdem Situationen, in denen mit Fußgängern vor Ort ein Gespräch entsteht. „Da drücken Menschen einfach ihre Hilflosigkeit zu dem Thema aus und sagen auch, dass sie froh sind, dass wir diesen Protest machen.“ In solchen Momenten entstehe „ein Moment der Verbundenheit zwischen Menschen zu diesem Thema, der einfach sehr wichtig ist, um etwas zu bewegen“, so die Klimachützerin.
Das seien die Momente, die sie motivieren, sich jeden Freitag aufs Neue auf die Straße zu setzen, um sichtbar zu machen: „Wir sind noch da und wir kämpfen weiter für eine klimagerechte Zukunft.“ Ihr Wunsch ist, dass es wieder mehr Menschen werden und dazu lädt sie auch ein. „Das ist ein Aktionsangebot, bei dem jeder und jede mitmachen kann.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/marburgeraktivistin-protestiert-jeden-freitag-fuers-klima-v1,klimaprotest-marburg-100.html


