Endlose Bildschirmzeit für Jugendliche ist schädlich – das wissen viele von ihnen selbst. Würde ein Verbot helfen? Bei einem Präventionstag in Offenbach gehen die Meinungen darüber weit auseinander.
„Neiiin! Kein Social-Media-Verbot! Bitte nicht!“ Die aufgedrehte Mädchenclique ist sich einig. Was die Erwachsenenwelt da diskutiert, würde komplett an ihren Interessen vorbeigehen. „Das ist gefühlt unser zweites Leben“, sagt eine von ihnen.
Die Achtklässlerinnen befassen sich an diesem Tag ausführlich mit den schlechten Seiten von übermäßigem Smartphone-Konsum und Social Media. Zusammen mit ihrer Lehrerin und dem Rest ihrer Klasse sind sie auf dem Offenbacher Präventionstag im Ringcenter unterwegs. In den vergangenen Jahren drehte dieser sich oft um Alkohol, Drogen oder Risiken im Straßenverkehr.
„Dopamin durch Clicks“
Dieses Jahr stehen digitale Gefahren und Suchtmittel im Zentrum. Motto: „Dopamin durch Clicks“. Zwischen Bäckereien und Kleidergeschäften sind an diesem Tag im Ringcenter Dutzende Stände aufgebaut: von Suchtberatungsstellen und der Polizei, von Pro Familia und dem Offenbacher Jugendamt. Es gibt Workshops zu Fake News, Desinformation oder extremistischen Rattenfängern im Netz. Ungefähr ein Dutzend Schulklassen kommen an dem Tag in das Einkaufszentrum, wo sie ermuntert werden, über ihren Social-Media-Konsum nachzudenken.
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Eine Podiumsdiskussion dreht sich um ein Social-Media-Verbot für Minderjährige oder Jugendliche unter 14 Jahren. Schon lange läuft die Diskussion darüber. Nach dem erneuten Pisa-Schock, wonach deutsche Schüler beim Leistungsvergleich der OECD so schlecht abschnitten wie noch nie, fordert Bundesbildungsministerin Karin Prien ausdrücklich ein solches Verbot. Hessens Kultusminister Armin Schwarz (beide CDU) tut dies auch.
Smartphone steht für Austausch mit Freunden
Aber: „Social Media ist nicht nur schlecht“, finden die eingangs schon erwähnten Offenbacher Schülerinnen. Freundinnen und Freunden zu schreiben, sich gegenseitig Videos zu schicken, zu schauen, was die anderen machen und wie sie aussehen – all das ist ihnen wichtig, gehört völlig selbstverständlich zu ihrem Alltag. „Man kann das eigene Profil ja auf privat stellen“, sagt eine von ihnen.
Empfinden sie keinen Druck angesichts der vielen geschönten Bilder von perfekten Körpern und makellosen Gesichtern zum Beispiel? Nein, beteuern die 13- und 14-Jährigen. Sie interessieren sich für Beauty und Styling, verwenden viel Zeit auf Haare, Make-up, Fingernägel. Sie finden aber: „Jeder hat seine eigene Schönheit.“ Darüber müsse man sich keinen Stress machen.

Schulkinder beim Präventionstag zu Social-Media-Sucht im Ringcenter in Offenbach.
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Keine Hausaufgaben ohne TikTok
Nachdenklich werden sie allerdings, als es bei der Diskussion um das Thema Aufmerksamkeitsspanne geht. „Wenn ich Hausaufgaben mache, bin ich immer nebenbei auf TikTok. Ohne geht es bei mir nicht“, sagt eine der Freundinnen. „Ich brauche das, dass da immer jemand im Hintergrund redet. Sonst kann ich mich irgendwie gar nicht konzentrieren.“ Die anderen nicken heftig.
Auch ihr Mitschüler Halil ist zwischen den Informationsständen im Offenbacher Ringcenter unterwegs. Ein gewitzter 14-Jähriger, der beim Workshop zu Fake News quasi konstant seine Hand in der Luft hatte. Auf seinem T-Shirt prangt ein „Omas gegen Rechts“-Button, den er sich an einem der Stände mitgenommen hat, aus Spaß.
Über sechs Stunden Screen Time sind noch keine Sucht
Auch für ihn ist das Smartphone ein zentraler Teil seines Alltags. Das hat ihm gerade noch mal der Screen-Time-Check vor Augen geführt, den das Offenbacher Jugendamt beim Präventionstag anbietet. Die Mitarbeiterinnen zeigen den Jugendlichen, wo sie in den Einstellungen ihrer Handys ihre tägliche Bildschirmzeit nachschauen können.

Da kommt einiges zusammen: Jugendliche notierten in Offenbach ihre Smartphone-Nutzungszeit an einem Tag.
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Bei Halil waren es zuletzt mehr als sechs Stunden. Schon mehr, als er gedacht hätte, gibt der 14-Jährige zu. „Aber da ist ja auch so was wie Google Maps dabei.“ Seine wichtigsten Apps? TikTok, Instagram, Snapchat.
Sechs Stunden Bildschirmzeit täglich, keine Hausaufgaben ohne TikTok. Sind das schon Anzeichen für eine Sucht? Nicht unbedingt, sagt Kim Schön vom Offenbacher Suchthilfezentrum Wildhof, das beim Präventionstag dabei ist. Entscheidend sei nicht die Zeit, sondern der Kontrollverlust, sagt die Suchtberaterin.
Zum sozialen Leben gehört das Smartphones dazu
„Wenn ich aufhören will und es nicht kann, ist das ein Warnsignal“, erläutert Schön: „Oder wenn ich es morgens regelmäßig nicht schaffe, aufzustehen und zur Schule zu gehen, weil ich die halbe Nacht am Handy war.“ Sehr problematisch auch: wenn Jugendliche kaum mehr ihr Zimmer verließen und soziale Kontakte vernachlässigten.
Dass Jugend nicht mehr vor die Tür gehen, ist ein Klischee, das die Offenbacher Schülerinnen und Schüler weit von sich weisen. Mit Freunden unterwegs sein, Sport, Übernachtungspartys, Ausflüge – all das ist für die meisten hier offenbar weiterhin Alltag.

Jugendliche sagten beim Präventionstag in Offenbach, dass sie ausreichend Zeit draußen verbrächten.
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Aber auch dafür brauchen sie – wie die meisten Erwachsenen – das Smartphone: um Treffen zu vereinbaren, sich gegenseitig Standorte zu schicken oder Fotos und Videos von gemeinsamen Aktivitäten auszutauschen.
Wunsch nach Kontrolle durch Eltern
„Jedes Kind will doch dazugehören“, sagt Halil. Genau deswegen würde er seinem eigenen Kind, wenn er eines hätte, schon mit neun oder zehn Jahren ein Smartphone erlauben. „Und dann würde ich zwar schon ein bisschen gucken, was es da macht, aber mehr auch nicht. Das ist ja seine eigene Privatsphäre.“
Der 13-jährige Adnan sieht das anders. Er findet, dass Eltern mehr Kontrolle darüber haben sollten, was ihre Kinder mit dem Smartphone machen. Er selbst hat zwar eines, seit er elf ist. Aber wenn er beispielsweise etwas herunterladen will, dann bekommen seine Eltern diese Datei vorher angezeigt – und müssen dann zustimmen oder ablehnen. Adnan findet das gut. Auch, weil er in der fünften Klasse eine schockierende Erfahrung gemacht hat.
Kinderpornos im WhatsApp-Klassenchat
Im WhatsApp-Klassenchat sei damals ein kinderpornografisches Bild aufgetaucht, erzählt der 13-Jährige. Eine Schülerin hatte es gepostet. Sogar die Polizei sei damals eingeschaltet worden. „Die Polizisten waren in der Klasse und haben uns erklärt, welche Konsequenzen es da geben kann.“ Das Mädchen flog von der Schule.
Seitdem wissen Adnan und der Rest der Klasse, dass so etwas illegal ist. Er ist vorsichtig geworden. „Hey, lösch das mal, Bro“, ruft er, als ein Kumpel ihn aus Spaß beim Interview filmt.
Adnan findet, dass sich etwas ändern sollte. Zwei Dinge findet er statt eines kompletten Social-Media-Verbots sinnvoll: Eltern sollten die Zeit beschränken, die ihre Kinder am Tag auf einer bestimmten App verbringen können. Und: Minderjährige sollten nur spezielle „sichere“ Versionen von den bekannten Apps wie TikTok und Co. nutzen können. „Ich glaube, das wäre für die Jugendlichen am Ende besser.“
Suchtberaterin: Lieber Regulierung als Verbot
Auch die Suchtberaterin Kim Schön ist keine Freundin eines pauschalen Social-Media-Verbots für Jugendliche. Sie setzt darauf, dass Tech-Unternehmen künftig stärker reguliert werden, damit sie Jugendliche nicht mehr gezielt süchtigmachenden Algorithmen und manipulativen Inhalten aussetzen.
Ein bisschen Verbot fordert sie dann aber doch, in Bereichen wie Pornografie etwa. „Es ist Wahnsinn, dass Zehnjährige nur einmal auf ‚Ich bin 18‘ klicken müssen und sich dann völlig unkontrolliert und unbegrenzt die härteste Pornografie reinziehen können“, findet Schön. Ein Teil dieser Kinder werde zu pornosüchtigen Erwachsenen, die dann bei ihr in der Beratung aufschlagen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/social-media-verbot-fuer-jugendliche-so-denken-sie-selbst-darueber-v1,social-media-jugendliche-100.html



