Bio, Auslauf oder doch nur Stallhaltung: Künftig sollen Restaurant-Gäste schon vor der Bestellung erfahren, unter welchen Bedingungen das servierte Schwein gelebt hat. Die geplante Kennzeichnung soll mehr Transparenz schaffen, stößt aber auf Kritik.
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03:18 Min.||Gaby Beck
Wie gut ging es dem gerade im Restaurant servierten Schnitzel, als es sich noch um ein quicklebendiges Schwein handelte? Durfte Letzteres sich draußen fidel im Schlamm suhlen – oder verbrachte es seine Lebenszeit möglicherweise auf engstem Raum in einer Massentierhaltung?
Das sollen Restaurant- und Kantinenbesucher künftig auf einen Blick schon vor der Bestellung erfahren können, so die Idee des Bundesagrarministeriums. Das mit dem sperrigen Namen versehene „Tierhaltungskennzeichnungsgesetz“ soll in diesem Jahr entsprechend geändert werden, falls die EU bis dahin zustimmt. Letztere kritisiert jedoch, dass das geplante Gesetz den freien Warenverkehr in der EU einschränke.
Am Donnerstag hat die EU-Kommission ihre Bedenken in einer ausführlichen Stellungnahme konkretisiert. Darin sieht sie nach Angaben von Branchenverbänden Teile des Gesetzentwurfs als nicht mit EU-Recht vereinbar an. Darin heißt es auch: Deutschland dürfe den Gesetzentwurf vor Ablauf einer Stillhaltefrist am 12. November nicht verabschieden.
Beste Note „Bio“, schlechteste Kategorie „Stall“
Laut Entwurf soll ab 2027 die Haltungsform aller Schweine, deren Fleisch in den Gerichten verwendet wurde, beispielsweise in Speisekarten oder durch einen Aushang gekennzeichnet sein.
Fünf Stufen wird es demnach geben: Von „Bio“ über „Auslauf/Weide“, „Frischluftstall“ sowie „Stall+Platz“ bis hin zum „Stall“ mit den gesetzlichen Mindestanforderungen. Auch in Hessen finden das nicht alle gut.
Schweine in einem Mastbetrieb.
Bild © picture alliance/dpa | Lars Penning
Gastronomen: „Zu viel Bürokratie“
„Nicht begeistert von der Idee“ zeigt sich zum Beispiel der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Eine verpflichtende staatliche Tierhaltungskennzeichnung für die Gastronomie „steht dem Wunsch entgegen, Bürokratie und Dokumentation zu senken“, sagte ein Sprecher der hessischen Dehoga der hessenschau.
Laut Entwurf müssten theoretisch auch die Speckwürfel im Salat gekennzeichnet werden. „Das wäre ein unfassbar hoher Aufwand.“
Nachteil für regionale Anbieter?
Im schlechtesten Fall schaffe die geplante Regelung sogar einen falschen Anreiz, so die Dehoga Hessen: Der Einkauf über einen großen Lieferanten mit standardisierten, dauerhaft verfügbaren Waren werde administrativ einfacher als der Einkauf bei mehreren kleinen, regionalen Erzeugern. „Das kann politisch nicht gewollt sein.“
Die Dehoga setzt stattdessen auf Freiwilligkeit. Restaurants würden oft von selbst auf die Karte schreiben, wenn sie das Schnitzel regional bei einem Biobauernhof erstanden hätten. „Das ist ja auch ein Verkaufsargument.“
Bauernverband: „Nicht nur auf Haltungsform schauen“
Der Hessische Bauernverband begrüßt grundsätzlich mehr Transparenz für Verbraucher, auch in Restaurants, Kantinen und Mensen, wie die Vereinigung der hessenschau auf Anfrage mitteilte. „Wer Fleisch außer Haus isst, sollte genauso nachvollziehen können, wie die Tiere gehalten wurden, genauso wie beim Einkauf im Supermarkt.“
Wichtig sei dem Verband jedoch, dass die Kennzeichnung einfach, praktikabel und ohne übermäßigen bürokratischen Aufwand umgesetzt werde. Dabei dürfe nicht nur die Haltungsform betrachtet werden.
„Könnte neue Chancen eröffnen“
Auch die Herkunft der Produkte solle erkennbar sein, damit Verbraucher bewusst regionale und heimische Erzeugung unterstützen können. Gleichzeitig müssten die Leistungen der Tierhalter angemessen honoriert werden.
Dann könne eine Tierhaltungskennzeichnung in der Gastronomie für landwirtschaftliche Betriebe sogar neue Chancen eröffnen: „Wenn Gäste erkennen können, aus welcher Haltungsform das Fleisch stammt und wo es erzeugt wurde, können sich regionale und deutsche Produkte besser von Importware abheben.“
Aus Sicht der Verbraucherzentrale Hessen ist die staatliche Tierhaltungskennzeichnung ein „guter Ansatz für mehr Transparenz, aber nur ein erster Schritt“, sagte ein Sprecher der hessenschau.
Für 86 Prozent der Verbraucher seien Standards der Tierhaltung beim Restaurantbesuch oder in der Kantine wichtige Kriterien, wie eine repräsentative Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands im Jahr 2023 ergeben habe.
Weshalb nur Logo für Schweine?
Damit Verbraucher eine bewusste Wahl treffen könnten, brauche es jedoch gleichzeitig ein ausreichendes Angebot an Produkten aus allen Haltungsformen.
Außerdem müsse die Ausweitung der Tierhaltungskennzeichnung für weitere Tierarten zeitnah eingeführt werden, so die Verbraucherzentrale.
Tierschutzverband: „Keinem Tier geht es dadurch besser“
Dem Landestierschutzverband Hessen geht das geplante Tierhaltungslogo nicht weit genug. Die staatlich geplante Kennzeichnung stoße keine Verbesserungen hin zu mehr Tierschutz an, sondern bilde lediglich den Status quo der Tierhaltung ab. „Keinem Tier geht es dadurch besser“, sagte ein Sprecher der hessenschau.
Es würden in dem Kennzeichen stallbezogene, nicht aber tierbezogene Indikatoren berücksichtigt, „wie zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten, Verletzungsrate oder Medikamenteneinsatz“, kritisiert der Verband. Auch das Schwänzekupieren bei Schweinen bleibe völlig unberücksichtigt. Dasselbe gelte für Zucht, Transport und Schlachtung der Tiere.
Appell an Verbraucher
Wirkliche Aussagekraft habe das Kennzeichen nach Ansicht der Tierschützer nur, wenn der gesamte Lebenszyklus eines Tieres berücksichtigt würde.
Es bleibe zu hoffen, dass der Gast „trotz der derzeit nur sehr geringen Kennzeichnungspflicht“ etwas sensibilisiert werde, was auf seinem Teller landet. Die Tierschützer appellieren an die Verbraucher: „Wir haben in der Hand, welche Haltung wir unterstützen möchten.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/neues-tierhaltungslogo-fuer-gaststaetten-geplant—kritik-aus-hessen-v1,tierlogo-gastronomie-100.html


