Kultur

„Es war barbarisch“: Französin Gisèle Pelicot spricht auf Frankfurter Buchmesse über ihren Missbrauch

„Es war barbarisch“: Französin Gisèle Pelicot spricht auf Frankfurter Buchmesse über ihren Missbrauch

Der Missbrauchsprozess gegen ihren Ehemann hat weltweit Schlagzeilen gemacht, denn sie ließ ihn bewusst öffentlich führen: Am Mittwoch ist die Französin Gisèle Pelicot auf der Frankfurter Buchmesse aufgetreten. Ein erschütternder Auftritt – doch auch ein Plädoyer für die Liebe und das Leben.

Eine rothaarige ältere Frau vor einer grauen Wand


Gisèle Pelicot auf der Frankfurter Buchmesse.
Bild © Jeannie Lukaszewicz


Unter teilweise tosendem Applaus ist am Mittwoch die Französin Gisèle Pelicot auf der Frankfurter Buchmesse aufgetreten. Auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat stellte sie ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ vor und berichtete von dem Prozess gegen ihren Ex-Ehemann. Dieser hatte sie fast zehn Jahre lang betäubt, vergewaltigt und auch anderen Männern zur Vegewaltigung angeboten.

Sie sei „tief gefallen“, nachdem dies herauskam, berichtete Pelicot. Sie sei fast 50 Jahre lang mit dieser Person, den sie nur „den Herrn Pelicot“ nannte, verheiratet gewesen und habe bis dahin nie sein wahres Gesicht entdeckt. Zehn Jahre habe sie „wie in Vollnarkose“ gelebt, danach habe sie sich ihr Leben zurückerobern müssen.

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Mutter früh verloren – Kämpferin geworden

Dazu habe auch gehört, sich die guten Momente ihrer Ehe zu bewahren, erzählte sie. „Wir waren einmal sehr verliebt ineinander. Hätte ich diese schönen Erinnerungen nicht behalten, würde ich heute nicht mehr leben.“ Zu einer Kämpferin sei sie schon mit neun Jahren geworden, als ihre Mutter starb. „Ich war früh erwachsen, fühlte mich wie ein Boxer im Ring, der immer wieder aufsteht.“

Die vier Jahre zwischen der Aufdeckung der Taten ihres Mannes und dem Prozess gegen ihn im Jahr 2024 seien wie ein Tsunami für ihre Familie gewesen. Sie hätten sie zunächst auch von ihren drei Kindern entfremdet: „Sie hatten das Gefühl, ich hätte sie verlassen“, berichtete Pelicot. „Ich musste aber aufrecht bleiben, sonst wäre alles zusammengebrochen.“ Heute sei das Verhältnis aber wieder normal, auch weil sie eine Zeit allein gelebt habe, um sich selbst wiederzufinden.

„Sie kamen, um eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen“

Den Prozess gegen ihren Mann habe sie – anders als üblich – öffentlich machen lassen, weil sie ihre Vergewaltiger beschämen wollte: „Ich war entschlossen, mich meinen Peinigern zu stellen“, betonte sie. „Ich hatte sie bis dahin nie gesehen, weil ich immer bewusstlos war.“ Sie habe sich immer wieder gefragt, was das für Menschen seien: „Sie kamen, um eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen!“

Dass die Verteidiger sie beschämen und destabilisieren wollten, habe sie zwar Kraft gekostet, aber auch das habe sie durchgestanden – obwohl sie dafür Videos der Taten ansehen musste. „Das war barbarisch“, urteilte sie. Sich selbst habe sie nicht wiedererkannt. „Für mich war das eine Stoffpuppe auf einem Sofa.“

„Er wollte eine unbeugsame Frau unterwerfen“

Von ihrem Ex-Mann habe sie nur wenige Antworten zu dem Warum erhalten: „Er wollte wohl eine unbeugsame Frau unterwerfen.“ Er habe zwei Gesichter gehabt: hier der nette, sportliche Vater, der selbst die eigenen Kinder getäuscht habe. Da das Monster. „Er war in seiner Kindheit zwar selbst ein Opfer, aber er hatte selbst die Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen.“ Sie plane, irgendwann wieder mit ihm zu sprechen, um Antworten zu bekommen, das sei seit dem Prozess nicht geschehen.

Kraft habe ihr auch gegeben, dass sie anderen Frauen Leid ersparen wollte. „Chemische Unterwerfung ist ein großes Problem“, sagte sie. „Wir müssen darüber sprechen.“ Frauen dürften sich nicht von Angst lähmen lassen.

„Habe mir das Recht zu lieben verordnet“

Die Gesellschaft sei immer noch eine Macho-Gesellschaft, urteilte sie. Es gelte, Jungen besser zu erziehen: „Frauen sind keine Objekte!“ Das wolle sie an die junge Generation weitergeben.

Zum Ende berichtete Pelicot Positives: Sie sei frisch verliebt. „Ich habe mir selbst das Recht verordnet, lieben zu dürfen.“ Auch vertrauen könne sie wieder. „Aber es ist vor allem wichtig, sich selbst zu vertrauen, für sich selbst einzustehen.“

Die 73 Jahre alte Französin wurde im Jahr 2024 durch den Strafprozess gegen ihren geschiedenen Ehemann und 50 weitere Täter international bekannt. Die Männer hatten sie auf Einladung ihres Mannes systematisch schwer vergewaltigt. Zuvor hatte ihr Mann sie betäubt. Die Taten begannen 2011, erstreckten sich über fast zehn Jahre und führten bei Gisèle Pelicot zu schweren gesundheitlichen und psychischen Problemen.

Pelicot wollte aus der Opferrolle heraustreten und den Tätern die Scham für ihre Handlungen zuweisen, deswegen setzte sie bei Gericht in Avignon durch, dass der Prozess nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Es wurden auch die Videoaufnahmen der Taten im Beweisverfahren gezeigt.

Pelicot griff dabei einen Satz aus der #MeToo-Bewegung auf, der ursprünglich von der Rechtsanwältin Gisèle Halimi stammt: „Die Scham muss die Seiten wechseln“. Sie gilt seitdem als Ikone im Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Frauen. 2025 wurde sie mit dem Orden der Ehrenlegion geehrt, der höchsten französischen Auszeichnung.

Der Hauptangeklagte, Pelicots Ex-Ehemann Dominique, wurde vom Gericht zur Höchststrafe für dieses Vergehen verurteilt: 20 Jahre Haft. Alle 50 Mitangeklagten wurden ebenfalls schuldig gesprochen und zu Gefängnisstrafen zwischen drei und 15 Jahren verurteilt. Damit blieben die Richter hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft zurück.

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Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/buchmesse/es-war-barbarisch-franzoesin-gisele-pelicot-spricht-auf-frankfurter-buchmesse-ueber-ihren-missbrauch-v1,gisele-pelicot-buchmesse-frankfurt-100.html

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