Politik

Aktionsbündnis fordert deutliche Verbesserungen in Kinder- und Jugendhilfe

Aktionsbündnis fordert deutliche Verbesserungen in Kinder- und Jugendhilfe

Überforderte Ämter, gestresste Betreuer, Ungleichbehandlung je nach Wohnort: Ein Bündnis aus Organisationen von der Diakonie bis zum Kinderdorf schlägt Alarm. Es beklagt schwere Mängel bei den Hilfen für eine steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen.

Aktionsbündnis fordert deutliche Verbesserungen in Kinder- und Jugendhilfe

Bild © picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte


Die Liste reicht vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf über das Deutsche Rote Kreuz in Frankfurt und die Diakonie Hessen bis zur Schottener Soziale Dienste GmbH: 22 Vereine, Stiftungen und Unternehmen aus ganz Hessen haben sich zum Aktionsbündnis Kindeswohl zusammengeschlossen.

Ihr Ziel ist es, auf die ihrer Meinung nach zunehmend prekäre Lage vieler der 95.000 Kinder und Jugendlichen hinzuweisen, die Unterstützung erhalten – ob sie in der Familie leben, bei Pflegeeltern oder in betreuten Wohngruppen. Einen Katalog mit mehreren Forderungen präsentierte das Bündnis am Mittwoch in Wiesbaden.

Videobeitrag


Video

02:40 Min.
||hr


Aktionsbündnis Kindeswohl

Eine Diskussion des Aktionsbündnis Kinderwohl

Bild © hr


Ende des Videobeitrags

Das Bündnis spricht von einem „Notstand in der Kinder- und Jugendhilfe“. Es kritisiert unter anderem fehlende Standards bei Qualität und Finanzierung sowie eine gravierende Ungleichbehandlung von Betroffenen je nach Kommune.

Verbesserungen seien auch deshalb dringend, weil mehr junge Menschen und ihre Eltern Unterstützung bräuchten, argumentiert das Aktionsbündnis. Jugendämter hätten enorme Schwierigkeiten, Plätze zur Inobhutnahme von Kindern zu finden.

„Arbeit an offenen Lebensläufen“

Die Problemlagen in den Familien seien auch komplexer geworden, was individuellere Hilfe nach sich ziehen müsse, sagte Bündnis-Sprecher Felix Blaser vom Vorstand der Evangelischen Stiftung Arnsburg und unterstrich damit die Forderung nach mehr Anstrengungen. Außerdem reiche die bewilligte personelle Ausstattung etwa in Wohngruppen bei weitem nicht aus. Auch deshalb fehle es an Fachkräften.

Audiobeitrag


Audio
||Tobias Häuser

Bild © hessenschau.de|
zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

„Es geht um Arbeit an offenen Lebensläufen“, sagte Blaser. Die jungen Menschen, um die sich die Gesellschaft kümmern müsse, hätten aber keine spürbare Lobby. Die Zahl der Kinder, bei denen eine Gefährdung ihres Wohls festgestellt werde, steige auf immer neue Höchststände.

Dem Bündnis ist nach eigenen Angaben bewusst, dass die öffentlichen Mittel in den kommenden Jahren nicht üppig sein werden. „Uns geht es darum, das System grundsätzlich neu zu denken“, sagte Klaus Friedrich, Geschäftsführer der evangelischen Sozialunternehmens Evim gGmbH.

Fünf Kernforderungen

Was nach Meinung des Bündnisses Kindeswohl in Hessen passieren muss:

  • Problem ernster nehmen: Die Kinder- und Jugendhilfe zu gewährleisten, ist Sache der Kommunen und ihrer jeweiligen Jugendämter. Die Zusammenarbeit mit freien Trägern, die wie Mitglieder des Bündnisses Kindeswohl stationäre Einrichtungen oder ambulante Dienste betreiben, sei vielerorts ausbaubedürftig. Es fehle hier an einem „Dialog auf Augenhöhe“. In den kommunalen Gremien werde das Thema zudem anders als Fragen von Kitas und Schulen oft vernachlässigt.
  • Mehr Personal finanzieren: Wenn in ganz Hessen rund 19.000 Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe fehlten, liege das vor allem an fehlender Attraktivität wegen der hohen und weiter steigenden Belastung der Beschäftigten. In Wohngruppen müsse es die Regel werden, dass in der Kernzeit mindestens zwei pädagogische Fachkräfte für Betreuung und Aufsicht anwesend seien. Es gehe auch nicht an, dass bei der Bemessung des Personalbedarfs Ausfälle durch Krankheit oder Urlaub nicht berücksichtigt würden.
  • „Drehtüreffekt“ vorbeugen: Viele Kinder und Jugendliche durchliefen mehrere, aufs Neue scheiternde Maßnahmen, schildert das Aktionsbündnis. Hole das Jugendamt sie aus Familien, dauere die Inobhutnahme oft zu lange, während gleichzeitig die Plätze dafür fehlten. Das Bündnis setzt sich für passgenauere Hilfen ein. So fehle es an präventiven Maßnahmen in den Familien – und an Mitsprache der Betroffenen bei der Wahl geeigneter Angebote.
  • Standards festlegen: „Sie sind manchmal jenseits guter Qualität“, sagte Felix Blaser dazu, wie ambulante Hilfen zur Erziehung geregelt seien. Deshalb müssten hier verbindliche Standards geschaffen werden. Das gelte für die Qualität des Angebots, die Qualifizierung der Fachkräfte, aber auch für Umfang und Bezahlung der Leistungen. Für Streitigkeiten zwischen Ämtern und freien Trägern brauche man eine Schiedsstelle.
  • Ungleichbehandlung abschaffen: Das Bündnis spricht von einem „Roulette des Lebens“, weil junge Menschen je nach zuständiger Kommune unterschiedlich gefördert würden. Je nach finanzieller Lage und politischer Ausrichtung zahle ein Landkreis die Erstausstattung für den Schulstart oder Geld für eine Auslandsreise – und ein anderer nicht. Es müsse ein überall verbindlicher Leistungskatalog her. Vor allem die festgeschriebenen Summen für sogenannte Nebenleistungen entsprächen längst nicht mehr den aktuellen Kosten.

Quelle: https://www.hessenschau.de/politik/aktionsbuendnis-fordert-deutliche-verbesserungen-in-kinder–und-jugendhilfe-v1,kinder-jugendhilfe-100.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert