Wirtschaft

Biontech schließt Werk in Marburg: 540 Stellen betroffen

Biontech schließt Werk in Marburg: 540 Stellen betroffen

Während der Corona-Pandemie baute Biontech in Marburg ein großes Produktionswerk auf. Jetzt schließt der Impfstoffhersteller mehrere Standorte – in Hessen fallen rund 540 Stellen weg.

Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech will mehrere Produktionsstandorte schließen, darunter auch sein Werk in Marburg. Insgesamt plant der Impfstoffhersteller, rund 1.860 Stellen abzubauen, etwa 540 davon in Hessen.

Am Dienstag teilte das Unternehmen mit, die Schließung der Standorte in Marburg sowie in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) und Tübingen (Baden-Württemberg) sei bis Ende 2027 vorgesehen. Betroffen ist außerdem ein Werk in Singapur.

Rückläufige Umsätze und gestiegene Kosten

Während der Pandemie schrieb das Mainzer Pharmaunternehmen Milliardengewinne – mittlerweile sind die Umsätze mit Corona‑Impfstoffen deutlich zurückgegangen. Inzwischen verzeichnet Biontech hohe Verluste.

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|hessenschau.de (Jan-Christoph Scholz)

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In einer Pressemitteilung teilte das Unternehmen mit, für das laufende Geschäftsjahr werde aufgrund von Rückgängen sowohl auf dem europäischen als auch auf dem US-amerikanischen Markt mit geringeren Umsätzen aus dem Geschäft mit COVID-19-Impfstoffen gerechnet.

Gleichzeitig verwies Biontech auf gestiegene Kosten für Forschung und Entwicklung sowie für Betrieb und Verwaltung.

Fokus auf Krebsforschung

Biontech nannte zudem strategische Gründe. Im Mittelpunkt stünden Forschung und Entwicklung sowie die angestrebte Marktreife von Krebstherapien.

Durch die Maßnahmen wolle das Unternehmen ab 2029 jedes Jahr eine halbe Milliarde Euro einsparen. Frei werdendes Kapital solle genutzt werden, um die „wachsende Onkologie-Pipeline weiter in Richtung Kommerzialisierung voranzutreiben“, heißt es.

Biontech investierte in Marburg

Biontech hatte das Werk während der Pandemie vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und umfassend modernisiert. Noch im Jahr 2023 investierte das Unternehmen rund 40 Millionen Euro in eine neue Anlage zur Herstellung von Plasmid-DNA.

Marburg gilt als eine der größten mRNA-Produktionsstätten Europas. Das Werk liegt auf dem Gelände der historischen Behringwerke im Norden der Stadt, wo weitere Pharmaunternehmen angesiedelt sind.

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Was ist mRNA?

mRNA steht für „messenger ribonucleic acid“, auf Deutsch Boten-RNA. Sie enthält die Bauanleitung für Proteine und wird in der Medizin genutzt, um Körperzellen gezielt dazu zu bringen, bestimmte – für sich genommen harmlose – Bestandteile eines Krankheitserregers selbst herzustellen. Das Immunsystem erkennt diese als fremd und bildet Antikörper.

Bekannt wurde das Unternehmen Biontech vor allem durch mRNA-basierte Corona-Impfstoffe. Tatsächlich forscht das Unternehmen jedoch seit Jahren schwerpunktmäßig an mRNA-basierten Krebstherapien. mRNA greift nicht in das menschliche Erbgut ein und wird im Körper rasch wieder abgebaut. Ihre Herstellung ist technologisch anspruchsvoll und erfordert spezialisierte Produktionsanlagen.

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2025 noch Bekenntnis zum Standort Marburg

Bereits im März 2025 hatte das Unternehmen angekündigt, weltweit Stellen abzubauen oder zum Stammsitz nach Mainz zu verlagern. Am Produktionsstandort Marburg sollten 315 von bis dahin 670 Vollzeitstellen abgebaut werden – also etwa die Hälfte der Arbeitsplätze.

Von einer Schließung des Werks war damals jedoch nicht die Rede. Vielmehr betonte das Unternehmen die Bedeutung des hessischen Standorts: Marburg bleibe ein wesentlicher Bestandteil des Netzwerks. Geplant war, den Standort zu einem sogenannten Exzellenzzentrum weiterzuentwickeln – insbesondere für die Herstellung größerer mRNA-Chargen für fortgeschrittene klinische Studien.

Biontech: Entscheidung „schweren Herzens“ getroffen

Auf Anfrage teilte Biontech nun mit, man habe die Entscheidungen zur Schließung der Standorte „schweren Herzens“ getroffen. „Sie sind rein strategischer Natur und spiegeln in keiner Weise die Leistung oder das Engagement der Teams wider. Im Gegenteil: Jede und jeder von ihnen hat Beiträge geleistet, die die Wissenschaft und Medizin nachhaltig prägen.“

Man habe mögliche Alternativen sorgfältig geprüft, jedoch habe sich keine davon als strategisch und finanziell tragfähig erwiesen. Die Umsetzung der Maßnahmen wolle man sozial verantwortungsvoll gestalten, möglichst ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Betriebsrat kündigt Widerstand an

Der Betriebsrat von Biontech in Marburg sprach von einem massiven Schlag für die Region mit gravierenden Auswirkungen auf die Beschäftigten. Gemeinsam mit den Betriebsräten an den anderen betroffenen Standorten wolle man „entschiedenen Widerstand“ gegen die Pläne des Unternehmens leisten.

Der Betriebsratsvorsitzende Mark Pfister kritisierte die Entscheidung in einer Pressemitteilung scharf: Der Standort habe in der Pandemie maßgeblich dazu beigetragen, die Welt mit dem Impfstoff gegen Corona zu versorgen. „Während Biontech mit dem Marburger Standort in der Pandemie Milliarden verdiente, wurde versäumt, den Standort Zukunftssicher aufzustellen.“

Vor wenigen Jahren sei der Standort noch vom Unternehmen als „Wunschkind“ gefeiert worden, zudem sei eine Zukunftsplanung auch für die Zeit nach der Pandemie versprochen worden. „Nun ist von diesen Plänen nichts mehr übrig“, so Pfister.

„Trotz der dringenden Empfehlungen der WHO, den Pandemiebereitschaftsplan fortzusetzen, gibt es keine neuen Verhandlungen oder Lösungen für die Mitarbeitenden.“ Die Beschäftigten hätten sich auch von der Politik Lösungen und Unterstützung erhofft. „Doch diese bleibt stumm und das ist mehr als enttäuschend.“

Gewerkschaft spricht von „Kahlschlag“

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) nannte die Entscheidung einen „Kahlschlag“ und warf BioNTech „gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit“ vor. Biontech habe in der Pandemie Milliarden verdient und hohe staatliche Zuschüsse bekommen. Der wichtige Produktionsstandort Marburg werde nun fallengelassen „wie eine heiße Kartoffel“. Dies treffe den gesamten Pharmastandort Marburg ins Herz.

Jahrelang sei Biontech ein Vorzeigeunternehmen gewesen, so die IGBCE. Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül schade man nun der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland. „Eine solche Selbstverzwergung dürfen Politik und Gesellschaft nicht einfach achselzuckend zur Kenntnis nehmen.“

Auch andere Pharmaunternehmen kürzen

Der Stellenabbau bei Biontech trifft den traditionsreichen Pharmastandort Marburg nicht isoliert. In den vergangenen Monaten haben auch andere Pharmaunternehmen dort Stellen abgebaut oder einen Rückbau von Forschung angekündigt.

So hatte unter anderem CSL Behring Sparmaßnahmen und einen Personalabbau im Konzern bekannt gemacht. Nach Schätzungen der Gewerkschaft IG BCE könnten insgesamt bis zu 1.500 Arbeitsplätze wegfallen. Bereits im März demonstrierten in Marburg 3.000 Menschen gegen diese Entwicklung.

Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/biontech-schliesst-werk-in-marburg-540-stellen-betroffen-v3,biontech-schliessung-marburg-100.html

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