Um unabhängiger von Strompreisen zu werden, baut der Reifenhersteller Continental für sein Werk in Korbach einen eigenen Windpark. Zwei Drittel des Strombedarfs sollen künftig selbst mit erneuerbaren Energien erzeugt werden. Ein Modell auch für andere Unternehmen?
Noch ist hier nur eine Baufläche zu sehen, umgeben von Bäumen und ein paar Windrädern am Horizont. Ende nächsten Jahres sollen sich südlich von Twiste (Waldeck-Frankenberg) drei weitere große Windkraftanlagen drehen, jede insgesamt rund 267 Meter hoch und mit einer Leistung von 6,8 Megawatt. Am Mittwoch war der offizielle Spatenstich für den Windpark Twistenberg.
Doch das Besondere an dem Windpark sind nicht die Windräder, sondern der Weg, den der Strom von hier aus nimmt. Er fließt nämlich nicht ins allgemeine Netz, sondern wird direkt in das Werksnetz von Continental im knapp zehn Kilometer entfernten Korbach eingespeist. Das Unternehmen spricht von einem „wichtigen Meilenstein für die langfristige Energieversorgung“.
Audio
02:50 Min.|Silvia Ritter
„Der Windpark wird dazu beitragen, einen großen Teil unseres Strombedarfs mit selbst erzeugter erneuerbarer Energie zu decken“, sagt Werksleiter Klaus Ohlwein. Man habe so mehr Planungssicherheit bei den Energiekosten und sei unabhängiger vom Auf und Ab auf dem Strommarkt.
Conti investiert zweistelligen Millionenbetrag
Zusammen mit den bereits vorhandenen Solaranlagen im Werk könne man dann rund zwei Drittel des Strombedarfs selbst erzeugen. „Das führt dazu, dass wir hier am Standort einfach resilienter werden“, sagt Ohlwein. In den neuen Windpark investiert Conti laut eigenen Angaben eine Summe im zweistelligen Millionenbereich.
Der erzeugte Strom soll direkt in der Reifenproduktion verwendet werden. Und die benötige für das Mischen der Kautschukrohstoffe und das Formen der Bauteile viel Energie.

Die Krise in der Autoindustrie ist auch bei Continental nicht ohne Folgen geblieben. In Hessen sind zuletzt hunderte Stellen gestrichen worden. Der Standort in Korbach ist bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Gespart werden muss trotzdem. Und die teure Energie ist ein Hebel. Ein Windpark als Lösung – auch für andere Betriebe in Hessen?
„Energiekosten sind wirtschaftlicher Risikofaktor geworden“
„Der Bau eines eigenen Windparks zeigt, welche strategische Bedeutung eine sichere, planbare und möglichst wettbewerbsfähige Energieversorgung heute für Unternehmen hat“, sagt Julia König vom Hessischen Industrie- und Handelskammertag auf Anfrage der hessenschau. „Energiekosten sind für viele Unternehmen zu einem relevanten wirtschaftlichen Risikofaktor geworden.“
Man beobachte daher seit Jahren ein wachsendes Interesse bei Unternehmen an eigener Energieerzeugung – dabei spiele aber meist Photovoltaik auf Betriebsgebäuden die Hauptrolle.
Viele Firmen setzen schon auf Direktverträge mit Windparks
Die Energiepreise seien neben der Bürokratie das Top-Thema bei den Unternehmen, sagt auch Marius Schäfer. Er ist Referent für Energie- und Klimapolitik bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). „Die Strompreise sind ein massiver Wettbewerbsnachteil auf dem Weltmarkt“ Ein eigener Windpark sei aber angesichts der Investitionssumme nur für wenige Betriebe eine Option.
Aber auch ohne eigenen Park: Viele Unternehmen würden mittlerweile auf Direktabnahmeverträge mit einzelnen Windparks setzen, so genannten Power Purchase Agreements (PPA). Ähnlich wie ein Landwirt mit eigenem Hofladen verkaufen hier die Windparkbetreiber den Strom selbst direkt an die Betriebe.
Vorbereitungen für weitere firmeneigene Windparks laufen
Firmen machen sich so unabhängiger von schwankenden Preisen auf dem Strommarkt, sagt Schäfer. Genaue Zahlen zur Nutzung solcher Direktverträge hat er aber nicht.
Ein vergleichbares realisiertes Windpark-Projekt in der Größenordnung von Conti sei ihm in Hessen bislang nicht bekannt, sagt Energie-Experte Schäfer. Doch das dürfte sich bald ändern.

Am Mittwoch war Spatenstich für den firmeneigenen Windpark für das Conti-Werk in Korbach.
Bild © Silvia Ritter (hr)
Laut Regierungspräsidium Gießen laufen derzeit Genehmigungsverfahren für zwei Windparks zur firmeneigenen Versorgung in Mittelhessen. Der Windpark Görzhäuser Hof in Marburg soll mit sechs Windenergieanlagen den Pharmastandort der Innexis Marburg GmbH versorgen. Und der Windpark Josbach in Rauschenberg (Marburg-Biedenkopf) soll – ebenfalls mit sechs Anlagen – zur Versorgung der Fritz Winter Eisengießerei in Stadtallendorf beitragen.
Im Bereich des Regierungspräsidiums Darmstadt gibt es hingegen keine vergleichbaren Pläne. Auch das Regierungspräsidium Kassel hat keine Kenntnis von weiteren firmeneigenen Windparks mit mehreren Anlagen.
In Driedorf dreht sich schon lange ein Firmen-Windrad
Doch es muss auch nicht gleich ein ganzer Windpark sein. Bei Unternehmer Raimund Würz im mittelhessischen Driedorf (Lahn-Dill) dreht sich schon seit den 1980er Jahren ein Windrad vor der Fabrik. „Ohne Windenergie würde die Unternehmensbilanz über 100.000 Euro im Jahr schlechter aussehen“, sagt Würz der hessenschau. „Das ist eine segensreiche Sache für mich.“
Rund 130 Menschen arbeiten in seinem Unternehmen, sie fertigen Präzisionsteile für Lkw-Achsen, Motoren oder Maschinen. Die Fabrik braucht viel Energie: 2,2 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Mit Windrad und Solaranlagen erzeugt das Unternehmen mehr als doppelt so viel Strom, wie es selbst braucht.
Das ist eine segensreiche Sache für mich.
Zitat von
Unternehmer Raimund Würz über sein firmeneigenes Windrad
Zitat Ende
Die Entscheidung für ein eigenes Windrad hat der Unternehmer nie bereut. Er hat die Anlage immer wieder erneuert. „Die Bilanz war bei der erster Anlage eher knapp, bei den nächsten Anlagen ist das Verhältnis von Anschaffungskosten zur Leistung immer günstiger geworden.“
Für Firmen-Windpark werden kommunale Flächen genutzt
Unternehmen verabschieden sich teils aus dem allgemeinen Stromnetz und setzen auf Selbstversorgung. Sie machen also das im Großen, was viele Menschen zu Hause mit Balkonkraftwerken und Solaranlagen auf dem Dach machen. Und sie nutzen dafür Flächen der Allgemeinheit.

Schon jetzt wird beim Conti-Werk in Korbach Strom mit Solaranlagen produziert.
Bild © Continental
Denn das 27 Hektar große Windvorranggebiet „KB 81a“, auf dem der neue Windpark entsteht, ist eine kommunale Fläche. „Die wird exklusiv bereitgestellt für dieses Projekt“, sagt Landrat Jürgen van der Horst (parteilos). Der Gewinn für die Region sei groß. Geplant wird der Park von der kommunalen Verbands-Energie-Werk Gesellschaft.
Man sichere mit dem Projekt einen der größten Arbeitgeber in der Region, so van der Horst. Und man schaffe mehr Souveränität in Sachen Energie. „Wir transferieren nicht mehr die Petrodollars irgendwohin, sondern wir erzeugen das hier vor Ort.“
Experte: „Netzanschlüsse werden immer schwieriger“
Auch Norman Gerhardt vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik in Kassel sieht kein Problem in dem exklusiv genutzten Strom. Er beschäftigt sich mit der Nutzung von Erneuerbaren Energien für die Industrie. „Die Industrie ist gezwungen, nach eigenen Lösungen zu suchen“, sagt der Experte.
Denn die Nachfrage nach Strom und damit nach Netzanschlüssen wachse, wenn immer mehr große Betriebe von Energienträgern wie Gas auf Elektrizität umsteigen. Doch die Kapazitäten des allgemeinen Netzes seien begrenzt, der Ausbau komme nicht hinterher. „Wir sind gerade in einer Phase, wo wir merken, dass der Stromnetzanschluss immer schwieriger wird.“
Pilotprojekt in Korbach als Blaupause für andere Standorte
Für Unternehmen mit genügend Finanzkraft seien Windräder daher sinnvoll, zumal sie zuverlässiger Strom liefern würden als Photovoltaik. Das Beispiel Conti sei ein Zeichen für den Willen, eine wettbewerbsfähige Industrie zu erhalten, sagt Norman Gerhardt.
Für Conti ist der Windpark in Nordhessen ein Pilotprojekt. Und er könnte anderen Standorten des Konzerns als Blaupause dienen. „Langfristig gehen wir davon aus, dass auch andere Anlagen entstehen können“, sagt Werksleiter Klaus Ohlwein.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/conti-baut-eigenen-windpark-warum-firmen-auf-eigenen-strom-setzen-v1,windpark-conti-100.html



