Seit 14 Jahren ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gegen Banker, Broker und Anwälte: Das System „Cum-Ex“ war verbreitet. Die Strafverfolger brauchen einen langen Atem, um das komplizierte Geflecht aufzudecken. Wie ist der Stand?
Immer wieder Razzien am Finanzplatz Frankfurt, riesige Mengen Material wurden beschlagnahmt. Die Ermittler erhoben Anklage, Jahre später begannen Gerichtsprozesse. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt seit 2012 und immer noch ist Cum-Ex, der größte Steuerraub der deutschen Geschichte, nicht vollständig aufgearbeitet. Die Bilanz ist für viele enttäuschend: Von zwölf Großverfahren ist eins abgeschlossen.
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03:08 Min.|Andrea Bonhagen
Insgesamt gibt es in Frankfurt nach Behördenangaben 43 Cum-Ex-Beschuldigte, 20 von ihnen wurden angeklagt. Zwölf Männer wurden zu einer Haftstrafe verurteilt, zum Teil auf Bewährung, einige von ihnen sitzen im Gefängnis, wie der renommierte Anwalt Hanno Berger von der Kanzlei Berger, Steck & Kollegen aus dem Skyper Hochhaus. Auch Anwalt Ulf Johannemann von der Großkanzlei Freshfields muss in Haft. Bei etwa 17 Börsenmaklern und Bankern wurde das Verfahren gegen Zahlung eingestellt. Es flossen mehrere Millionen.
Viele Fälle nicht abgeschlossen
Berger wurde unter anderem in Wiesbaden verurteilt. Er gehört dort zum Großverfahren gegen die Hypovereinsbank. Dieses Großverfahren ist noch nicht abgeschlossen, weil der Börsenmakler Paul Mora dazu aus Neuseeland ausgeliefert werden müsste. Das Auslieferungsverfahren läuft seit Jahren. Für Oberstaatsanwalt Noah Krüger aus Frankfurt ist das kein Grund zu verzweifeln. Ein Staatsanwalt habe leidenschaftslos und nüchtern zu sein. „Wie in Deutschland mahlen auch in Neuseeland die Mühlen langsam. Aber sie mahlen.“ Man sei zuversichtlich, sagt Krüger.
Rückzahlung für nie gezahlte Steuern
Ein weiteres Großverfahren betrifft die Maple Bank in Frankfurt, die so viel Cum-Ex-Beute zurückzahlen musste, dass sie Pleite ging. Die Bank wurde von Anwalt Johannemann beraten. Bei einem dritten Komplex geht es um die niederländische Fortis-Bank, heute Abn Amro.
Alle Fälle bedeuten komplizierte Aktiendeals an der Börse. Die Käufe und Verkäufe waren zwar im Einzelnen legal, am Ende der Kette stand allerdings eine fingierte Steuerbescheinigung. Mit dieser Bescheinigung veranlassten die Betrüger die Finanzämter nicht legal, ihnen eine Rückzahlung zu überweisen – für Steuern, die sie nie gezahlt hatten. Die Zahlung kam aus dem Steuertopf. Das ging über viele Jahre gut.
Staatsanwalt: „Cracks an Bord“ schreiben Rechtsgeschichte
In Frankfurt sind acht Männer und Frauen im Team der Cum-Ex-Ermittler. Sie kümmern sich nebenbei auch um Automatensprenger und Schockanrufe. „Wir haben einige Cracks an Bord“, sagt Oberstaatsanwalt Noah Krüger. Einige Ermittler hätten sich akribisch, konzentriert und mit harter Arbeit über fünf und mehr Jahre einem einzelnen Fall gewidmet. Am Anfang, im Jahr 2012, sei es erst einmal darum gegangen, das Phänomen zu verstehen. Die Taten seien sehr komplex und die Täter hätten zudem versucht, sie zu verschleiern.
„Wir können da durchaus stolz sein“, meint Krüger. „Wir sehen sehr klar das Licht am Ende des Tunnels.“ Die erste bundesweite Cum-Ex-Anklage bundesweit stamme aus Frankfurt. Es sei ein toller Erfolg, dass man hier auch ein bisschen Rechtsgeschichte mitgeschrieben habe.
Schwerpunkt der Aufarbeitung in Köln
Der Schwerpunkt der strafrechtlichen Cum-Ex-Aufarbeitung liegt in Köln, weil das Bundeszentralamt für Steuern seinen Sitz in Nordrhein-Westfalen (NRW) hat. Dort sind es über 1.700 Beschuldigte. Sie werden von 39 Ermittlern der Staatsanwaltschaft verfolgt. Auch in Hessen wird von Köln aus ermittelt.
In NRW spricht der frühere Justizminister Peter Biesenbach (CDU) von den langwierigen Cum-Ex-Ermittlungen und -Verfahren von Staatsversagen. Investigativ-Journalist Massimo Bognanni vom WDR, von dem auch der Podcast „Inside Cum Ex“ kommt, sagt, man habe Anklagen am Fließband erwartet, aber „das Fließband stottert“.
Massimo Bognanni und die frühere Kölner Staatsanwältin und Vorständin des Vereins Finanzwende e.V. Anne Brorhilker wiesen unlängst auf einem hr-Info-Abend auch auf die große Macht der Finanzlobby hin. Brorhilker kritisierte das hessische „Finanzplatzkabinett“, für das sich Spitzen aus Politik und Finanzwirtschaft in Frankfurt treffen. Sie habe erwartet, dass Banken „zumindest ihre Steuerschulden zurückzahlen“, bevor sie wieder Politik mitgestalten können.
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Marieke Einbrodt, Spezialistin für Finanzkriminalität vom Finanzwende e.V., erzählt von beauftragten Razzien in Frankfurt bei der DekaBank, bei Merrill Lynch und bei der Deutschen Bank. „Wir warten auch auf die Anklage“, sagt sie auf die Frage nach der Deutschen Bank. Die Staatsanwaltschaft Köln betonte, dass die Ermittlungen gegen Beschuldigte noch laufen. „Ein konkreter Zeitpunkt für Anklageerhebungen kann noch nicht genannt werden.“ Die Deutsche Bank hat zuletzt wegen Cum-Ex 29 Millionen Euro an den Staat gezahlt.
Neben Cum-Ex gibt es auch Cum-Cum
Sieht man bei der Cum-Ex-Aufarbeitung in Frankfurt Licht am Ende des Tunnels – von Staatsversagen kann laut Oberstaatsanwalt Noah Krüger in Hessen keine Rede sein – steht die strafrechtliche Cum-Cum-Aufarbeitung noch ganz am Anfang.
Cum-Cum ist eine ähnliche Masche mit Aktiendeals, bei denen Geld aus dem Steuertopf geholt wird. Ob es aber auch strafrechtlich relevanter Betrug wie Cum-Ex ist, ist noch offen.
Unter anderem beschäftigt sich die Wiesbadener Staatsanwaltschaft mit Cum-Cum-Geschäften. Ihre erste Anklage ist vom September 2021. Sie wurde drei Jahre später vom Landgericht Wiesbaden abgelehnt und ist jetzt doch zugelassen. Es geht gegen die Deutsche Pfandbriefbank.
Wann der Prozess beginnt, ist unklar. Das Landgericht Wiesbaden schreibt, einen Termin werde es in absehbarer Zeit nicht geben. Zuerst wären dringende Fälle aus dem Drogenhandel dran. Dort habe die Kammer eine Sonderzuständigkeit. Auch die Deutsche Bank in Frankfurt soll nach Recherchen in großem Stil Cum-Cum-Geschäfte gemacht haben.
Die finanzielle Bilanz: viele Milliarden Euro
Bei Cum-Ex und Cum-Cum geht es um viele Milliarden Euro. Finanzwende e.V. schätzt den Schaden bei Cum-Ex bundesweit auf mindestens zehn Milliarden Euro. Etwa ein Drittel davon sei wieder da. Experten wie Anne Brorhilker und Marieke Einbrodt gehen von einem höheren Schaden aus.
Oberstaatsanwalt Krüger aus Frankfurt bleibt auch bei der finanziellen Bilanz positiv. „Ich sehe in vielen Punkten große Erfolge.“ Die großen Banken hätten, nicht freiwillig aber nach Entscheidungen von Finanzgerichten, in großem Umfang Geld an die Finanzämter zurückgezahlt. Dazu komme die Aufarbeitung im Strafrecht, bei der es um mögliche Haftstrafen und Rückgabe der Beute gehe.
Geld auch verprasst oder versteckt
Das Landgericht Wiesbaden fordert etwa von Hanno Berger und seinem Kanzleipartner Kai-Uwe Steck für die Taten bei der Hypovereinsbank je rund 1,1 Millionen Euro. Das Landgericht Bonn verlangt von Berger für die „Warburg-Fälle“ viel mehr: 13,7 Millionen Euro. Das sind zusammen fast 15 Millionen Euro, die er von seiner Beute zurückgeben soll. Dafür zuständig, das Geld einzutreiben, ist die Staatsanwaltschaft Bonn. Bei Berger ist es nach Recherchen des Journalisten Bognanni aber bisher nur gelungen, 13.200 Euro und zwei Goldmünzen zu bekommen.
Auch der Frankfurter Oberstaatsanwalt Krüger stellt fest: Ein Teil des Geldes ist ausgegeben. Täter hätten Ausgaben gehabt, um die Taten zu begehen. „Und ein Teil der Gelder ist natürlich auch verprasst worden, und ein Teil der Gelder ist im Ausland versteckt.“ Das Geld sei zum Teil auch an Familienangehörige übergeben worden. Massimo Bognanni verfolgt Spuren bis nach Dubai.
Geht der Betrug weiter?
Der Verein Finanzwende und der Journalist Bognanni sehen Anzeichen dafür, dass betrügerische Steuermodelle wie Cum-Ex und Cum-Cum weitergehen. Diese Art von Betrug sei attraktiv, da das geklaute Geld vom Staat eine sichere Einnahme sei.
Allerdings heißt es bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt dazu: Wenn Hinweise auf strafbare Handlungen vorliegen, würde man denen selbstverständlich nachgehen. „Aktuell ist das nicht der Fall.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/cum-ex-ermittlungen–nach-vielen-jahren-erfolgreich-v1,stand-cumex-ermittlungen-100.html


