Weil dem Landesbetrieb für Bau und Immobilien ein grotesker Fehler unterlaufen ist, bekommen die Bäume in einem denkmalgeschützten Darmstädter Park über den Sommer viel zu wenig Wasser. Freiwillige versuchen zu retten, was womöglich schon verloren ist.
Der Akaziengarten im Darmstädter Westen war einst ein Ort der Solidarität. Im Jahr 1817, dem Hungerjahr nach den Napoleonischen Kriegen, ließ Großherzog Ludwig I. als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme diesen Garten errichten. Sogar die wohlhabenden Bürger der Residenzstadt beteiligten sich an den Arbeiten und überließen ihren Lohn den Bedürftigen, so erzählt man sich.
Mehr als 200 Jahre später ist der historische Garten zum Zankapfel zwischen Obrigkeit und dem gemeinen Volk geworden, seit Jahren wird um die Pflege und den Erhalt der Parkanlage gestritten. Im neuesten Kapitel gibt die zuständige Behörde ein denkbar unglückliches Bild ab. Oder wie die Anwohnerin Mascha Wembacher sagt: „Das passiert, wenn man keine Ahnung hat.
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00:44 Min.|Julian Moering
Ein Drittel des Baumbestands ging ein
Doch der Reihe nach: Vielen Bäumen im Akaziengarten geht es schlecht, noch schlechter als Bäumen in anderen Darmstädter Parks. Rund ein Drittel des Baumbestands ging in den vergangenen 15 Jahren verloren. Die Leute vom Verein Pro Akaziengarten, die sich für den Erhalt des Parks einsetzen, gehen davon aus, dass es am sehr sandigen Boden liegt, wo das Wasser schneller versickert als anderswo.
Lange lagen der 2005 gegründete Verein und der für den Garten zuständige Landesbetrieb für Bau und Immobilien Hessen (LBIH) deswegen im Clinch. Nach zähem Ringen haben beide Seiten aber vor einigen Jahren vereinbart, dass die Bäume in den trockenen Sommermonaten extra bewässert werden.
Das lief auch recht gut – bis zu diesem Sommer. „Die Dienstleistung für die Bewässerung des Akaziengartens musste dieses Jahr neu ausgeschrieben werden“, schreibt der LBIH auf hessenschau-Anfrage. Und damit begann der Irrsinn.
Eine halbe Gießkanne pro Baum
Bislang wurden Jungbäume pro Bewässerungsvorgang mit 150 Litern versorgt, Altbäume bekamen jeweils 300 Liter Wasser, so hatten es Verein und Landesbetrieb vereinbart. „Das ist schon an der unteren Grenze“, sagt die gelernte Gartenbauingenieurin Wembacher, die dem Verein Pro Akaziengarten vorsteht.
Diese Zahlen standen auch in der neuen Ausschreibung – allerdings nicht mehr pro Baum, sondern pro gesamtem Bewässerungsvorgang. Das heißt, seit diesem Sommer bekommen alle Jungbäume zusammen 150 Liter, die Altbäume entsprechend insgesamt 300 Liter. Jeder der 51 Jungbäume erhält somit gerade einmal drei Liter Wasser, die 73 Altbäume bekommen jeweils exakt 4,1 Liter Wasser, wie der LBIH Anfang September in einer schriftlichen Antwort an Pro Akaziengarten vorrechnet. Besonders bedürftige Bäume bekämen 15 Liter.
„Ich habe das gelesen und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte“, erzählt Wembacher. Denn sie weiß: Das ist viel zu wenig. „Sie müssen sich vorstellen, Sie stehen vor einem 15 Meter hohen Baum und schütten da gerade mal eine halbe Gießkanne hin. Das reicht höchstens für eine Zimmerpflanze.“ Bei den Bäumen komme das bisschen Wasser nicht einmal bei den Wurzeln an. „Was der LBIH macht, ist komplett sinnlos.“
Behörden-Fehler? Nicht doch!
Nun könnte man denken: Fehler erkannt, Fehler gebannt. Aber falsch gedacht. Als erste Reaktion auf den Hinweis durch den Verein kehrte der LBIH nicht etwa zum Vorgängermodell zurück, sondern verkürzte zwischenzeitlich einfach das Intervall der Bewässerungsvorgänge.
Laut Pro Akaziengarten bestand die Anpassung darin, dass zweimal statt einmal pro Woche bewässert wurde. Der LBIH hatte demnach entschieden: Die komplett sinnlose Bewässerung machen wir einfach doppelt so oft. „Die können da jeden Tag drei Liter draufschütten, das bringt dann jeden Tag nichts“, erklärt Wembacher.
Von Selbstkritik oder gar einer Entschuldigung fehlt in den Schreiben des LBIH an den Verein, die hessenschau vorliegen, jede Spur. An keiner Stelle spricht der Landesbetrieb von eigenen Fehlern oder Missverständnissen. Es wird auch nicht klar, ob die handelnden Personen das Problem überhaupt durchdrungen haben.
Tatsächlich ist der Landesbetrieb für die Bereiche Bau und Immobilien zuständig, die Gestaltung und der Erhalt von Grünanlagen gehört nicht zu seinen Kompetenzen. Er ist hier aber zuständig, weil der Park zu einem Ensemble denkmalgeschützter Gebäude gehört. „Wenn man ein bisschen nachdenkt, sollte eigentlich klar sein, dass da was nicht stimmen kann“, sagt Wembacher.
Bäume zeigen Schäden
Gerade bei einer Hitze wie in diesem Sommer hätten die Bäume eine angemessene Menge Wasser dringend nötig gehabt. „Durch die Hitze und die lange Trockenheit zeigen viele Bäume schon große Schäden“, klagt Wembacher. Sie befürchtet, dass mehrere der Akazien und Maulbeerbäume noch in diesem oder im kommenden Jahr absterben.

Viele Bäume im Darmstädter Akaziengarten weisen bereits große Schäden durch Trockenheit auf.
Bild © Julian Moering (hr)
Um zu retten, was noch zu retten ist, hat der Verein Pro Akaziengarten kurzerhand die Jugendabteilung des Technischen Hilfswerks gebeten, die Bewässerung zu übernehmen. Das THW rückte vergangenen Freitag mit rund 30 Jugendlichen und großen Schläuchen an. Groß genug für hunderte Liter Wasser – pro Baum.
Späte Einsicht
Die Botschaft ist beim LBIH offenbar angekommen, denn am Montag schrieb der Landesbetrieb auf hessenschau-Anfrage: Man wolle kurzfristig die Bewässerungsfrequenz und die Wassermenge wieder auf das „Niveau der Vorjahre“ anheben. Dem Verein „Pro Akaziengarten“ teilte der LBIH nach Vereinsangaben mit, dass damit bereits am Donnerstag begonnen werden soll.
Dazu wolle man die Bewässerung im kommenden Jahr erneut ausschreiben und bereits im April mit dem Bewässern beginnen. In diesem Jahr fand der erste Durchgang erst Ende Juni statt. Damals war es bereits sehr heiß und trocken. Bewahrheiten sich Wembachers Befürchtungen, dürfte das für viele Bäume zu spät kommen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/darmstadt-akaziengarten-sitzt-nach-behoerden-panne-auf-dem-trockenen-v1,akaziengarten-darmstadt-102.html


