Es soll mehr Strom verbrauchen als die gesamte Stadt: In Gießen wird ein großes Rechenzentrum entstehen, das hat das Stadtparlament entschieden. Die Stadt hofft auf Arbeitsplätze und Gewerbesteuern. Anwohner und ein Parteienbündnis warnen vor den Folgen.
Das Katzenfeld in der Gießener Weststadt: Auf 16,75 Hektar könnte hier ein Rechenzentrum entstehen
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00:40 Min.|Simun Sustic
Am nördlichen Rand der Gießener Weststadt, im sogenannten Katzenfeld, soll ein großes Rechenzentrum entstehen – das erste in Mittelhessen. Das hat das Stadtparlament am Donnerstagabend entschieden.
Für das Rechenzentrum stimmten am Abend 38 Abgeordnete, elf stimmten dagegen, acht enthielten sich. Dabei wurde ein Antrag auf Verschiebung der Abstimmung auf die nächste Sitzung abgelehnt, teilte das Büro der Stadtverordnetenversammlung der hessenschau mit.
Gewerbegebiet und Rechenzentrum
Das Rechenzentrum soll auf einer rund 16,75 Hektar großen Fläche entstehen, die bislang weitgehend unbebaut ist.
Auf dem gesamten Areal soll nach Plänen der Stadt neben dem Rechenzentrum auch ein Gewerbegebiet entstehen. Die Stadtverwaltung rechnet mit etwa 900 neuen Arbeitsplätzen, davon rund 200 durch den Betrieb des Rechenzentrums.
Ende des Jahres sollen die Aufschüttungsmaßnahmen und die Entwicklung der Fläche beginnen. Der Baubeginn ist allerdings noch nicht terminiert, da Investor und Betreiber bislang noch nicht gefunden sind.
Stromverbrauch höher als von ganz Gießen
Für das Rechenzentrum sind bis zu 65 Megawatt Anschlussleistung vorgesehen. Übers Jahr könnte es fast eineinhalbmal so viel Strom verbrauchen wie bisher die gesamte Stadt Gießen. Gleichzeitig soll Abwärme in das Fernwärmenetz eingespeist werden.
Gießens Planungsdezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) erklärt auf hessenschau-Anfrage: Neben den Arbeitsplätzen erhoffe sich die Stadt durch das Projekt eine „Initialzündung und Cluster-Bildung“. Ziel sei, dass sich weitere IT-affine Betriebe in Gießen ansiedeln.
Stadt hofft auf Gewerbesteuern
Holger Hölscher, Leiter des Planungsamtes, führt außerdem steigende Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt ins Feld. Zudem würde Mittelhessen Netz, eine Gesellschaft der Gießener Stadtwerke, Netzentgelte für die Durchleitung der Strommengen erhalten.
Hölscher zufolge werden Rechenzentren bislang meist im Umkreis von etwa 40 Kilometern um den Internetknoten in Frankfurt gebaut. Damit ein weiter entferntes Zentrum für einen Investor rentabel sei, müsse es eine gewisse Größe haben.
Der Standort biete dafür sehr gute Bedingungen, weil er direkt neben einem Umspannwerk liegt. „Dadurch haben wir hier enorme Strommengen zur Verfügung, insbesondere aus Windkraft aus dem Norden.“
Anwohner und Parteienbündnis üben Kritik
Gleichzeitig gibt es Kritik an dem Projekt. Rund 150 Menschen demonstrierten am Donnerstagabend gegen den Bau des Rechenzentrums.
Anwohnerinnen und Anwohner in der nördlichen Weststadt befürchten zudem Lärm und Abgase durch große Dieselaggregate für die Notstromversorgung in der Nähe einer Schule.
Ein Parteienbündnis aus Volt und „Gießen gemeinsam Gestalten“ kritisiert zudem mögliche Umweltbelastungen. Es bemängelt unter anderem, dass der Strombedarf nicht aus regionalen erneuerbaren Energien gedeckt werde.
Für das Rechenzentrum müssten zudem 20.000 Lkw-Ladungen Erde aufgeschüttet werden, um das Gelände hochwassersicher zu machen. Die vielen Fahrten seien schlecht fürs Klima, so das Bündnis. Es fordert außerdem eine „bioklimatische Analyse“, um die Folgen für die Anwohner zu untersuchen.
Experte hält Rechenzentrum für zu groß
Stefan Lechner, Professor für Energiewirtschaft und Energiesysteme an der Technischen Hochschule Mittelhessen, hält das geplante Rechenzentrum für vergleichsweise groß. Insgesamt gebe es derzeit einen Trend zu immer mehr und immer größeren Rechenzentren in Deutschland.
Er kritisiert, dass ihre Notwendigkeit und die Deckung ihres Energiebedarfs aus seiner Sicht zu wenig hinterfragt würden. Das Wachstum finde derzeit weitgehend unkontrolliert statt.
Energieversorgungsengpässe seien in Gießen wegen des benachbarten Umspannwerks zwar unwahrscheinlich, räumt Lechner ein. Beim Thema Energieeffizienz und Abwärme müsse man aber bedenken: In Gießen werde ein Großteil der Abwärme gar nicht genutzt werden können, weil die Stadt nicht so viel Bedarf habe.
Aus seiner Sicht wäre am Standort auch ein kleiner dimensioniertes Rechenzentrum wirtschaftlich. „Ich halte es für zu groß. Und man muss klar sagen: Es wird in dieser Größe gemacht, weil sich damit mehr Geld verdienen lässt.“
Auch andernorts Debatten über Rechenzentren
Der Bau von Rechenzentren war bisher vor allem im Rhein-Main-Gebiet ein Thema, mittlerweile aber auch in ländlicheren Regionen. In Birstein (Main-Kinzig) wird derzeit ein Zentrum mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt diskutiert. Für die Stromversorgung soll im benachbarten Schlüchtern (Main-Kinzig) zusätzlich ein neues Kraftwerk für rund 750 Millionen Euro entstehen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/entscheidung-gefallen-giessen-will-grosses-rechenzentrum-bauen-v3,rechenzentrum-giessen-100.html



