Wirtschaft

Hitze sorgt für frühe Weinlese im Rheingau: Winzer stehen vor Herausforderungen

Hitze sorgt für frühe Weinlese im Rheingau: Winzer stehen vor Herausforderungen

Der heiße Sommer treibt die Winzerinnen und Winzer viel früher als sonst auf die Weinberge – und ihnen zudem die Sorgenfalten auf die Stirn. Aufgrund der Terminhatz fehlt es an Helfern, die Nachwehen des Wiesbadener Weinfests machen es nicht besser.


Im Rheingau hat die Weinlese begonnen.
Bild © IMAGO / Rene Schulz


Videobeitrag


Video

06:27 Min.
||hr


Frühe Weinlese in Hochheim

Ein Arbeiter bei der Weinlese

Bild © hr


Ende des Videobeitrags

Im Schatten der Wiesbadener Marktkirche ist wieder Ruhe eingekehrt. Nach insgesamt zehn Tagen, an denen an über 100 Weinständen viel Prickelndes und Perlendes getrunken wurde, ist die 49. Rheingauer Weinwoche am Sonntag zu Ende gegangen. Die im durstigen Volksmund schlicht „Weinfest“ genannte Veranstaltung sei in diesem Jahr ein voller Erfolg gewesen, teilte die Landeshauptstadt wenig überraschend mit.

Hunderttausende Besucherinnen und Besucher hätten sich fröhlich und friedlich dem Genuss der über 1.000 Rheingauer Wein- und Sektsorten hingegeben. Hier ein Riesling, dort eine Schorle, dann ein leichter Schwips. Hessisches Vino-Herz, was willst du mehr?

Ein paar freie Tage wären schön, könnten jetzt die Rheingauer Winzerinnen und Winzer einwenden. Denn während die Gäste des Weinfests nun in Ruhe ein wenig runterschalten und an der Sauvignon-Blanc-Life-Balance arbeiten können, gerät die Work-Life-Balance der Weinbauer weiterhin zunehmend in Schieflage. Nach dem Ausschenken war früher mal vor dem Ausruhen, doch diese Zeiten sind vorbei.

Austrinken, wir müssen zur Ernte

Grund dafür: Durch den langen, heißen und sehr sonnigen Sommer hat sich der Zeitpunkt der Weinernte deutlich nach vorne geschoben. „In diesem Jahr stellt die Rheingauer Weinwoche für einige Winzer eine besondere Herausforderung dar“, fasste auch Dominik Russler, der Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbands, zusammen. Was früher oft der September war, ist jetzt der August. Heißt: Sobald in Wiesbaden alles ausgetrunken ist, geht es im Rheingau auf die Weinberge. „Ich habe heute schon zwei Vollernter gesehen“, berichtete Russler zu Wochenbeginn im Gespräch mit hessenschau.de.

Da die Trunkenheit von gestern bekanntlich nicht den Durst von morgen vertreibt, mussten wenige Stunden nach dem letzten Schluck auf dem Weinfest schon wieder die Trauben für den aktuellen Jahrgang geerntet werden. Kater-Ernte am Tag danach. „Wir haben hier im Rheingau 95 Winzer, die am Sonntag abbauen mussten“, so Russler. Für einen Großteil ging es wenige Stunden nach dem großen Fest direkt weiter. Die Trauben für Sekt-Grundweine sind zuerst dran, aber auch die Riesling-Lese steht kurz bevor. „Wir sind schon rund zwei Wochen früher als im vergangenen Jahr.“

Hitze sorgt für frühe Weinlese

Warum das so ist, liegt auf der Hand. Die langen Hitze- und Dürreperioden beschleunigen die Reifung der Trauben, die Ernte rückt dementsprechend im Kalender immer weiter nach vorne. „Als ich 2010 mit meiner Ausbildung angefangen habe, war die Ernte immer Ende oder Mitte September, jetzt ist sie Mitte August“, berichtet Simon Schreiber vom gleichnamigen Weingut in Hochheim (Main-Taunus). „Das hat sich innerhalb von 15 Jahren also ein gutes Stück nach vorne geschoben.“

Eine Entwicklung, die es so natürlich nicht nur im Rheingau zu beobachten gibt. Die Weinlese in der Champagne begann in diesem Jahr so wie früh wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnung im frühen 20. Jahrhundert, in französischen Weinbaugebieten haben sich die Erntetermine in den vergangenen 50 Jahren durchschnittlich um 21 Tage nach vorne verschoben. Aber auch diesseits der Grenze wird in anderen Weinbaugebieten schon fleißig gepflückt. Der Klimawandel macht eben auch vor stimmungssteigerndem Obst keinen Halt.

Es fehlt an helfenden Händen

Doch die kalendarische Verschiebung bringt nicht nur die terminliche Kollision mit dem Weinfest mit sich, der frühere Beginn ist für alle Winzerinnen und Winzer vor allem logistisch eine Herausforderung. Da die Erntehelferinnen und -helfer schon weit im Voraus gebucht werden, dabei aber mit den herkömmlichen Terminen gerechnet wird, stehen viele aktuell ohne weitere helfende Hände da und damit ein wenig wie der Ochs vorm Weinberg. Was also tun?

„Viele hier im Rheingau finden gerade kreative Lösungen, da müssen dann eben alle Angestellten des Weinguts mit anfassen“, so Russler. Bedeutet: Egal, ob Küchenchef, Aushilfe, oder Marketing-Profi. In den kommenden Tagen kann es durchaus passieren, dass Topf, Putzlappen oder Smartphone kurzerhand gegen Schere und Eimer getauscht werden und es vom Herd, dem Gästezimmer oder dem Büro auf den Weinberg geht. Viele Hände, schnelles Ende. So der Plan.

Geschmack geht auch mit Hitze

Womit nur noch eine und die wohl wichtigste Frage offen wäre: Beeinflusst die Hitze auch den Geschmack des Weins? „Das lässt sich aktuell nur orakeln“, so Russler, der insgesamt aber optimistisch ist. Da die Trauben etwas kleiner sind als gewöhnlich, dürfte der Ertrag pro Kilogramm etwas geringer ausfallen. Die Konzentration von Zucker, Aromen und Inhaltsstoffen pro Traube ist zudem höher. Auch die Alkoholmenge steigt. „Das ist aber alles nicht dramatisch, das wird man am Ende nicht merken.“

Die gute Nachricht also: Die Weinberge und die Reben mussten in diesem Jahr viel Trockenheit aushalten, den hessischen Kehlen droht dieses Schicksal wohl nicht. Und auch für das Wiesbadener Weinfest 2027 dürften die Rheingauer Winzerinnen und Winzer wieder genügend Prickelnden und Perlendes produzieren.

Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/hitze-sorgt-fuer-fruehe-weinlese-im-rheingau-winzer-stehen-vor-herausforderungen-v1,hitze-sorgt-fuer-fruehe-weinernte-100.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert