In Darmstadt öffnet ein kostenloser Boxklub für Kinder und Jugendliche. Das Angebot richtet sich vor allem an Familien, die sich Sport finanziell nicht leisten können. Neben dem Boxen soll der Klub einen Raum bieten, in dem sich die Jugendlichen ihren Problemen stellen können.
Mit aller Kraft schlägt Skender immer wieder auf den Boxsack ein – rechts, links und die Beinarbeit nicht vergessen. „Das macht richtig Spaß“, sagt der Jugendliche, den vor ein paar Jahren die Leidenschaft fürs Boxen gepackt hat. „Ich will mich auf der Straße verteidigen können“, sagt er. Nach der Einheit am Boxsack ist er außer Atem, aber er wirkt glücklich.
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00:39 Min.|Julian Moering
Neben Skender trainieren noch viele andere Kinder und Jugendliche in der kleinen Halle des Sportklubs im Darmstädter Martinsviertel. Der Klub liegt mitten im Wohngebiet, etwas versteckt in einem Hinterhof. In der Halle riecht es etwas muffig, aber irgendwie passen Geruch und Hinterhofcharme zu dem Angebot, das hier ins Leben gerufen wurde.
Skender boxt bereits seit einigen Jahren.
Bild © Julian Moering (hr)
Hier hat sich jüngst der „Boxklub Martinsviertel“ gegründet, der ab sofort jeden Donnerstag kostenloses Boxtraining für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 21 Jahren anbietet.
Mit professionellen Trainern, Boxsäcken, Handschuhen, Springseilen und allem, was zu einem richtigen Boxtraining dazugehört. Skender gefällt das Training, wenn es seine Zeit zulässt, den weiten Weg vom Stadtteil Kranichstein ins Martinsviertel zurückzulegen, möchte er regelmäßig kommen.
Professionelles Trainerteam
Herzstück des Projekts ist Trainer Bryan Dawys Perea Rodriguez, der die Kinder zusammen mit seiner Kollegin Nicole Motschmann trainieren und betreuen wird.
Bei ihnen lernen die Kinder und Jugendlichen am Boxsack, wie man richtig schlägt, sie lernen auszuweichen und sich mit dem Springseil zu verausgaben. Aber vor allem – und das ist für Trainer Perea Rodriguez das Wichtigste beim Boxen – lernen sich die Minderjährigen selbst kennen. „Hier erfahren sie, was sie alles können und wozu sie fähig sind.“

Boxtrainer Bryan Dawys Perea Rodriguez arbeitet viel mit Jugendlichen.
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Kinder und Jugendliche in der Pubertät tragen oft Probleme mit sich herum, sagt Perea Rodriguez, der schon seit vielen Jahren Minderjährige trainiert. „Entweder sind sie oft sehr aufgedreht und haben starke Emotionen, die sie nicht regulieren können. Oder sie sind so schüchtern, dass sie auch im Alltag Schwierigkeiten haben.“
Wut regulieren, Selbstbewusstsein stärken
In beiden Fällen könne Boxen helfen, einerseits Emotionen und Wut zu regulieren und zu kanalisieren, andererseits Selbstvertrauen aufzubauen und das Ich zu stärken. Gleichzeitigt lernen sie, ihre Kraft zu dosieren, Regeln zu befolgen und das Gegenüber zu respektieren.
Das ist auch für Sebastian Krei ein zentraler Aspekt des Boxklub-Projekts. Krei ist Leiter des Sportklubs im Martinsviertel und arbeitet für Rope e.V., einem Darmstädter Netzwerk für Jugendarbeit, das das Projekt zusammen mit dem SV Darmstadt 98 ins Leben gerufen hat.
„Ich erlebe hier den ein oder anderen Jugendlichen, für den es nicht verkehrt wäre, sich mal richtig auszutoben und seine inneren Konflikte mit dem Boxsack und nicht mit anderen Menschen zu klären“, sagt Krei.
„Der Boxklub ist für alle da“
Gerade Kinder aus sozial oder finanziell schwierigeren Verhältnissen trügen oft Sorgen und Probleme aus der Familie oder der Schule mit sich herum, die mitunter auch Wut und Aggressionen auslösen. „Am Boxsack können sie sich auspowern und gut runterkommen.“

Mitmachen können alle Mädchen und Jungs zwischen 12 und 21 Jahren.
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Deswegen sei es auch so wichtig, dass das Angebot kostenlos ist, sagt Trainer Perea Rodriguez: „Der Boxklub ist für alle da, auch für die, die vielleicht nicht so viel Geld haben und sich keine Gebühr oder Ausrüstung leisten können.“
Boxerin Leonie Müller: „Traut euch, ihr Mädchen!“
Die mehrfache Deutsche Meisterin und Vize-Europameisterin Leonie Müller, die derzeit in Darmstadt trainiert und dem Boxklub zur Eröffnung Anfang September einen Besuch abgestattet hat, unterstützt das Projekt: „Ich finde es sehr gut, dass Kinder jetzt hier Selbstbewusstsein tanken und Disziplin lernen können“, sagt die 27-Jährige.

Leonie Müller will dem Boxklub öfter mal einen Besuch abstatten.
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Müller hofft, dass auch viele Mädchen den Weg ins Martinsviertel finden: „Kommt alle und traut euch!“ Sie selbst habe als Mädchen sehr vom Boxsport profitiert. „Boxen hat mir geholfen, selbstbewusst und stark zu werden und auch mich selbst und meinen Körper besser kennenzulernen. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht sieht, bin ich doch ein sehr schüchterner Mensch.“
Boxen könne in vielen Lebenslagen helfen, etwa bei Problemen zuhause oder in der Schule, bei Mobbing oder Leistungsdruck.
SV Darmstadt 98 finanziert Projekt
Wer im Martinsviertel trainieren möchte, muss nichts mitbringen. Boxhandschuhe, Springseile, Bandagen und Boxsäcke – Ausrüstung ist in ausreichender Zahl vorhanden. Finanziert wird das Projekt zum Großteil vom SV Darmstadt 98, der dafür zunächst eine nicht näher genannte fünfstellige Summe aufbringt. Die Idee dazu stammt von Roy Reinelt-Peter, der im Präsidium des Vereins sitzt und dort für Amateur- und Breitensport zuständig ist.
„Als größter Verein der Stadt haben wir auch eine soziale Verantwortung und wir möchten den Breitensport in Darmstadt stärken“, erklärt Reinelt-Peter. Dabei spiele die offene Jugendarbeit eine zentrale Rolle. „Wir wollen möglichst viele Kinder dafür begeistern, Sport zu treiben.“

Der Boxklub ist eine Kooperation des Jugend-Netzwerks Rope mit dem SV Darmstadt 98.
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Dass der Boxklub im Martinsviertel sein Zuhause gefunden hat, ist einem simplen Umstand zu verdanken: „Ich wohne hier direkt nebenan und schaue jeden Tag auf die Halle, das hat sich einfach angeboten“, sagt Reinelt-Peter.
Boxklub ist Teil eines städtischen Projekts
Der Boxklub ist eingebettet in das Projekt „Sport, Bewegung, Ernährung“, das das Netzwerk Rope im Auftrag der Stadt Darmstadt umsetzt. „Sport schafft Gemeinschaft, stärkt Selbstvertrauen und ermöglicht Teilhabe“, sagt Bürgermeisterin Barbarea Akdeniz (Grüne), die als Sozialdezernentin auch für Jugendarbeit zuständig ist.
„Besonders wichtig ist mir, dass dabei auch Kinder und Jugendliche angesprochen werden, die bisher keinen Zugang zum Vereinssport gefunden haben.“
Das Projekt ist zunächst auf ein Jahr angelegt, eine Fortführung aber durchaus denkbar. „Wir setzen uns dann zusammen und schauen, wie es gelaufen ist“, so Akdeniz. Auch Reinel-Peters von Darmstadt 98 steht einer Fortführung oder sogar einer Erweiterung des Angebots positiv gegenüber: „Wer weiß, vielleicht entsteht daraus mal eine richtige Boxabteilung im Verein.“
Wenn die Vision irgendwann zur Wirklichkeit werden würde, könnte sich auch Skender künftig im Ring und nicht auf der Straße mit seinen Gegnern messen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/innere-konflikte-mit-dem-boxsack-klaeren-kostenloser-boxklub-fuer-jugendliche-in-darmstadt-v1,darmstadt-kostenloser-boxklub-100.html


