Viele Eltern zahlen für zusätzliche Fußballcamps und Förderprogramme. Die Anbieter werben mit besserem Training und der Aussicht auf einen Platz im Nachwuchsleistungszentrum. Experten sehen allerdings wenig Sinn darin, schon Kinder wie kleine Profis zu behandeln.
Auf dem Vereinsgelände des FC Königstein im Taunus wärmen sich fast 90 Kinder und Jugendliche konzentriert auf, die jüngsten sind zehn Jahre alt. Drei Tage lang trainieren sie hier beim Elite-Camp der Skillers Academy. Auf dem Programm stehen Passübungen, Dribbling-Parcours und Athletiktraining.
Angebote wie dieses Trainingslager haben Hochkonjunktur. Allein im Rhein-Main-Gebiet gibt es rund 15 kommerzielle Fußballschulen wie die Skillers Academy. Sie machen Eltern und Kindern ein Versprechen: Wir bieten besseres Training als im Verein.
Zumindest die Trainerdichte ist schon mal höher: Auf zehn Kinder kommt im Skillers-Camp in Königstein ein Coach. Im Verein muss ein Trainer oft doppelt so viele kleine Kicker im Griff haben.
Fußballtraining in der Skillers Academy in Königstein.
Bild © hessenschau.de
Der zehnjährige Hüseyin hat die Camp-Teilnahme zum Geburtstag geschenkt bekommen. 280 Euro haben seine Eltern für das dreitägige Angebot gezahlt, ein in diesem Segment recht durchschnittlicher Preis. Hüseyin hat die Skillers Academy auf Youtube entdeckt. „Mein Traum ist es, erst mal in ein Nachwuchsleistungszentrum zu kommen und dann Profi zu werden“, sagt er.
Damit ist er hier in Königstein nicht allein: Viele der Kinder und Jugendliche beim Elite-Camp schielen auf einen Platz in einem Nachwuchsleistungszentrum eines Erst-, Zweit- oder Drittligisten wie Eintracht Frankfurt, Darmstadt 98 oder FSV Mainz.
Academy-Gründer: „Wir wollen Profis ausbilden“
Ambitionierte Jungs wie Hüseyin sieht Skillers-Mitgründer Gregor von Westphalen im Camp gerne. Er selbst hat mal in der Jugend von Eintracht Frankfurt gespielt. Den Sinn seiner Academy fasst er kurz zusammen: „Wer Blümchen pflücken und ein bisschen rumeiern will, ist hier falsch. Wir wollen Profis ausbilden.“
Wie viele der Kinder aus den Camps tatsächlich den Sprung in ein Nachwuchsleistungszentrum schaffen, kann von Westphalen nicht genau beziffern. Er spricht von 50 bis 60 Talenten, die dank der Skillers Academy „den nächsten Schritt gemacht haben“. Ein Versprechen auf die Profikarriere gäben er und sein Team nicht ab.
Aus gutem Grund: Allgemein gehen Experten davon aus, dass nur jeder tausendste Nachwuchsspieler aus einem Fußballverein einmal Profi wird. Selbst wer es in ein Nachwuchsleistungszentrum schafft, hat wegen der riesigen, auch internationalen, Konkurrenz kaum Chancen auf einen Platz in einem Profikader.

Gregor von Westphalen ist in der Nähe von Bad Homburg aufgewachsen und hat die „Skillers Academy“ mitgegründet.
Bild © hessenschau.de
Bis zu 1.000 Euro im Monat für Fußball
Trotzdem: Der Traum von der Profikarriere schwebt auch über dem Kunstrasenplatz in Königstein. Die Eltern investieren viel Geld. „Mit Schuhen, Fahrten zu Spielen und Trainings kostet es uns im Monat manchmal 1.000 Euro“, sagt Filoreta Kurroshi, die auf einem Campingstuhl sitzt und ihrem Sohn Rafael zuschaut.

Ende des Videobeitrags
Michael Lüke zahlt nach eigenen Angaben 3.000 bis 4.000 Euro im Jahr für das Training seines Kindes und für Übernachtungen im Hotel bei weiten Fahrten zu Testspielen oder Turnieren. Manche der Kinder hier spielen von Montag bis Sonntag jeden Tag Fußball – viel Zeit und Geld, die in den Sport fließen.
Die Eltern hier sagen, das sei es ihnen wert. Ihre Kinder wollten nun mal so viel Fußball spielen wie möglich und dazulernen.
Experten raten von derartiger Spezialisierung ab
Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln gehört zu den führenden Experten in Deutschland beim Thema Sportspielforschung, auch im Kinder- und Jugendbereich. Er hält die frühe Spezialisierung auf den Fußball für kontraproduktiv, wie er sagt. Aktuelle und belastbare Studien zeigten, wer nur auf „Drill-Fußball“ setze, komme „in der Regel nicht oben an“.
„Ich sage nichts gegen Fußballschulen. Ich sage nur, man kann es auch einfacher und auch kostengünstiger haben und tut seinem Kind damit einen größeren Gefallen.“
Zitat von
Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln
Zitat Ende
Wichtiger als ein zusätzliches Fußballangebot sei im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, aber auch darüber hinaus, eine Zweitsportart, sagt Memmert. Dies gewichte er viel höher als zusätzliche reine Fußball-Einheiten, wie sie in den meisten kommerziellen Fußballschulen angeboten würden.

Daniel Memmert leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln das Institut Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik.
Bild © imago
Dafür gebe es mehrere Gründe, erläutert der Sportwissenschaftler. Wenn ein Kind andere Sportarten neben dem Fußball ausübe, schule das Kreativität und Spielverständnis. Eine Zweitsportart mache das Kind so tatsächlich auch zu einem besseren Fußballer oder einer besseren Fußballerin – und eher als zusätzliches Fußballtraining.
Zum anderen zeigten Studien, so Memmert, dass es bei einer zu frühen Spezialisierung vermehrt zum sogenannten Dropout-Effekt kommen kann: „Das heißt, die Kinder droppen aus dem System heraus und haben mit 14 oder 15 überhaupt keine Lust mehr, Fußball zu spielen.“
Ex-Eintracht-Profi als Trainer
Ex-Eintracht-Profi Patrick Ochs betreibt in Frankfurt eine private Fußballschule, in der er montags bis freitags Extra-Training für ambitionierte Kinder anbietet. Er stimmt Memmert zu: Kinder sollten „polysportiv“ ausgebildet werden und sich früh in verschiedenen Sportarten ausprobieren dürfen.
Wer sich auf Fußball fokussiere, brauche aber hochqualitatives Training, findet Ochs. Genau daran mangelt es seiner Erfahrung nach in den Vereinen oft: an Know-how und der Erfahrung eines Profis.

Fußballtraining in der Skillers Academy in Königstein.
Bild © hessenschau.de
Ochs war jahrelang Kapitän von Eintracht Frankfurt. Seit einem Jahr betreibt er seine Akademie. In seinem Talente-Team, wie er es nennt, sind die Kinder acht bis elf Jahre alt.
„Wir coachen hier viel im Detail. Dadurch werden die Kinder langfristig besser“, ist der 42-Jährige überzeugt. Dabei solle aber auch der Spaß im Vordergrund stehen, betont Ochs. Ein Training wie dieses, bei dem ein Trainer sich um eine kleine Gruppe kümmert, kostet meistens pro Einheit zwischen 30 und 40 Euro.
Hessischer Fußballverband findet Fußballschulen gut
Der Hessische Fußballverband (HFV) als Vertreter der Vereine in Hessen sieht in privaten Fußballschulen eine sinnvolle Ergänzung in der fußballerischen Ausbildung.
Auf hessenschau-Anfrage schreibt der Verband, eine Konkurrenz zu den Vereinen seien die kommerziellen Angebote nicht. Die steigende Zahl an Fußballschulen zeige die Bereitschaft der Eltern, für zusätzliche Trainingseinheiten mehr Geld auszugeben. Der HFV warnt allerdings vor Betreibern, „für die offenbar der finanzielle Aspekt im Vordergrund steht“.
„Wir wollen die Straßenkicker zurück“
Zurück zur Skillers Academy in Königstein. Hier gibt es nach der Trainingseinheit im Elite-Camp noch eine besondere Aktion. Das Kind, das eine Reihe von Challenges gewinnt, geht mit 1.000 Euro vom Platz. Festgehalten wird das sogenannte Survival Game für ein Video auf Youtube.
Der Youtube-Kanal der Skillers Academy hat über 130.000 Abonnenten. Am besten laufen dort Videos, die eine Art Fußball-Castingshow zeigen. Als Preis winkt ein Probetraining bei einem Profi-Club oder ein Platz in einem Nachwuchsleistungszentrum.

Gregor von Westphalen baut sein Equipment für den YouTube-Dreh auf.
Bild © hessenschau.de
Es gebe viele junge Talente, die ohne Social Media nicht gesehen würden, sagt Gregor von Westphalen: „Unsere Mission ist, dass keine Talente mehr übersehen werden. Wir wollen die Straßenkicker zurück, die Zocker, die Kreativen.“
Daniel Memmert ist der Meinung, für den Weg zum Profi seien Fußballschulen nicht zwingend notwendig. Er verweist auf Brasilien: Dort sei die Kreativität der Kinder und Jugendlichen mit zahlreichen neuen Fußballschulen zurückgegangen, weil weniger frei auf der Straße gekickt werde. „Wir tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir Kinder zu frühzeitig spezialisieren“, warnt der Sportwissenschaftler.
Quelle: https://www.hessenschau.de/sport/fussball/machen-teure-fussballschulen-kinder-tatsaechlich-zu-besseren-kickern-v1,fussballschulen-100.html

