Ein Nacktfoto von Kim Kardashian im Frankfurter Städel? Es ist Teil einer Ausstellung, die den Wandel des Bildes von Maria Magdalena über fast 1.000 Jahre verfolgt – und dabei viel über Frauenbilder erzählt.
Vor dem kosmischen Hintergrund wirkt Kim Kardashian wie eine Göttin: Der Blick ist in Richtung Himmel gerichtet und aus ihren Augen fließen Tränen wie silberne Fäden. Die Hände liegen auf ihren nackten Brüsten, ohne sie vollständig zu bedecken.
In dieser Fotografie inszeniert der amerikanische Künstler David LaChapelle den Internetstar Kim Kardashian als Maria Magdalena – eine Figur aus der Bibel.
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04:38 Min.|Tanja Küchle
Diese Maria Magdalena ist Sünderin, Heilige, Muse und feministische Identifikationsfigur zugleich. Die Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ im Städel Museum Frankfurt zeigt, wie sich ihr Bild über fast 1.000 Jahre Kunstgeschichte verändert hat und was ihre Darstellung über den Blick auf Frauen verrät.
Durch ihre zentrale Rolle in der Bibel wurde sie zu einem beliebten Motiv in der Kunst. Ihr Bild bleibt jedoch in der Kunst wie in der Theologie widersprüchlich.
Erotische Rezeption einer Jüngerin
Nachdem Papst Gregor der Große sie um 600 in einer Predigt mit der namenlosen Sünderin in der Bibel gleichsetzte, wird sie jahrhundertelang als Prostituierte und Sünderin dargestellt, häufig nackt und mit erotischem Unterton.
An diese Tradition schließt auch das Bild von Kim Kardashian an: Neben den langen Haaren, die häufig als Erkennungszeichen von Maria Magdalena gelten, zitiert LaChapelle in seine Fotografie explizit die erotische Rezeption der Jüngerin von Jesus.
Eine feministische Ikone
Besonders für moderne Künstlerinnen ist Maria Magdalena Anlass, um über Frauenbilder und die von Männern geprägte Kunstgeschichte nachzudenken. Die spanische Künstlerin Nieves González hat sich in ihrem Gemälde „Die Herausforderung“ ebenfalls mit der Heiligen auseinandergesetzt.
„Ihre Darstellung verdeutlicht, wie weibliche Figuren in der Kunstgeschichte systematisch verzerrt und zum Schweigen gebracht wurden. Frauen wurde jahrhundertelang ihre schöpferische Kraft und spirituelle Autorität abgesprochen“, sagt die 1996 geborene Künstlerin.
Eine moderne Interpretation der Maria Magdalena zeigt Nieves González‘ Bild La sfida (Die Herausforderung), 2025.
Bild © Städel Museum – Norbert Miguletz
Ihr Gemälde zeigt Maria Magdalena als moderne Frau in einer roten, hochgeschlossenen Daunenjacke. Die charakteristischen langen Haare bedecken ihren Oberkörper und mit ihren Händen umfasst sie einen Totenkopf als Symbol der Vergänglichkeit.
Sie mustert den Betrachter – direkt, selbstbewusst, vielleicht sogar ein bisschen herablassend.
„Indem ich mich der Figur durch die Malerei nähere, kann ich die westliche Bildtradition und die des klassischen Kanons aufgreifen und sie aus meiner Perspektive als moderne Frau einer bewussten Metamorphose unterziehen“, sagt González.
Eine Ausstellung für eine Heilige
Genau dieser Bildtradition rund um Maria Magdalena in der Kunstwelt widmet sich die Ausstellung im Städel. González‘ Gemälde und die Fotografie von Kim Kardashian sind die jüngsten der über 100 Ausstellungsstücke. Sie erzählen die Geschichte von Maria Magdalena – und damit fast einem Jahrtausend Kunstgeschichte – verteilt über zwei Etagen.
Maria Magdalena sei eine der ambivalentesten Figuren der Kunstgeschichte, finden die Ausstellungsmacher. An ihrer Darstellung könne man das jeweilige gesellschaftliche Frauenbild von der Antike bis ins 21. Jahrhundert ablesen, sagt Kurator Stefan Roller: „Es changiert zwischen Degradierung und Überhöhung, Sünderin und Heiliger, Sexualisierung und Selbstermächtigung.“
Der Blick auf Maria Magdalena
Das könne man beispielsweise an dem Gemälde „Die büßende Magdalena“ von Guido Cagnacci aus dem 17. Jahrhundert sehen. „Die intensive Belichtung richtet den Blick auf ihren nackten Oberkörper und sie hat den Kopf mit geschlossenen Augen zurückgeworfen. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen religiöser und erotischer Ekstase“, erklärt Roller.

Männlicher vs. weiblicher Blick: „Die büßende Magdalena“ im Vergleich
Bild © Cara Platte / hr
In der Ausstellung hängt daneben ein Gemälde mit dem gleichen Motiv – aber aus einer völlig anderen Perspektive. Die Barockmalerin Elisabetta Sirani stellt die Heilige in reuiger und tiefer Andacht dar.
Maria Magdalena ist zwar noch immer nackt, wird aber nicht mehr erotisch dargestellt wie bei ihrem männlichen Künstlerzeitgenossen. Wer die biblische Figur malt, hat einen großen Einfluss auf ihre Darstellung, wie man an den Exponaten sehen kann.
Zwischen Mittelalter und Moderne
Die Ausstellung bleibt dabei ebenso ambivalent wie die Figur der Maria Magdalena: Sie zieht den Bogen zwischen Sünderin und Heilige, zwischen Mittelalter und Moderne und versucht, damit einer Frau näherzukommen, die über Jahrhunderte von zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern rezipiert und oft sexualisiert wurde.
Ihre Figur machte Frauen zu Sünderinnen oder – wie im Fall von Kim Kardashian – Popikonen zu Heiligen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/maria-magdalena-im-staedel-zwischen-suenderin-und-feministischer-ikone-v1,maria_magdalena-100.html


