Rund 800 Mehlschwalben nisteten an den Kühltürmen des früheren Atomkraftwerks Biblis. Die Türme sind weg, und mit ihnen Hunderte der gefährdeten Vögel. Naturschützer wollen einen besseren Schutz der Schwalben einklagen.
Jede Menge Vogelkot hat Gaby Weiß, die Ortsbeauftragte für Vogelschutz in Biblis (Bergstraße), am Boden vor kleineren Türmen am Eingang des ehemaligen Atomkraftwerks gefunden. Für die Vogelschützerin ein gutes Zeichen. Genau wie die 22 Nester, die ihre Mitstreiter am Hubgerüst eines Reaktorgebäudes entdeckt und fotografiert haben.
Offenbar gibt es also weiterhin Mehlschwalben auf dem Gelände des ehemaligen AKW, das dem Energiekonzern RWE gehört. Das bestätigt auch der hauptamtliche Kreisbeigeordnete im Kreis Bergstraße, Matthias Schimpf (Grüne).
400 Nester mit Kühltürmen verschwunden
Doch die Population ist beträchtlich geschrumpft. Noch im vergangenen Jahr nisteten am ehemaligen Atomkraftwerk Biblis rund 800 Mehlschwalben, die der Naturschutzbund Nabu als gefährdete Brutvogelart auf der Roten Liste führt.
Mit dem Abriss der letzten beiden Kühltürme des stillgelegten AKW im Winter sind auch die dortigen Brutstätten der standorttreuen Vögel verschwunden. Die Fachbehörde des Kreises Bergstraße geht von einem Verlust von bis zu 400 Nestern aus. Dabei sei insbesondere ihre Lage in 80 Metern Höhe besonders gewesen, teilt das Amt mit: „Ein Bruthabitat auf dieser Höhe war, nach unserem Kenntnisstand, deutschlandweit einmalig.“
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03:06 Min.||Anna Vogel
Mehlschwalben nahmen Ausgleichstürme nicht an
Nach ihrer Rückkehr aus dem Süden im Frühjahr seien die Mehlschwalben zunächst lange über dem ehemaligen AKW-Gelände gekreist, berichtet Florinde Stürmer vom Verein Wildtierschutz. Einige haben offenbar wieder neue Nester an noch bestehenden Gebäuden auf dem Kraftwerksgelände gebaut. Rund 30 Schwalbenpaare sind vermutlich in den Bibliser Ortsteil Wattenheim umgezogen. Etliche Bürger hätten ihr „von einer nie dagewesenen Schwalbenmenge an ihren Häusern“ berichtet, erzählt Gaby Weiß.
Wo die restlichen der ehemals 800 Schwalben sind? „Das wissen wir leider nicht“, sagt Gaby Weiß: „Das ist ja ein großer Rest, den wir aber vermutlich verloren haben.“ Sie habe auch auf der pfälzischen Rheinseite nach den Vögeln gesucht, bislang jedoch ohne Erfolg.
Was die Vogelschützer jedoch wissen, ist, wo die Schwalben nicht sind. Nämlich in den eigens dafür vorgesehenen acht Mehlschwalbenhäusern, die RWE als Ausgleich für die abgerissenen Kühltürme auf einer Wiesenfläche vor dem Rhein aufgestellt hat. Dies sah der Kreis Bergstraße als Auflage für eine Abbruchgenehmigung der Kühltürme vor.
Naturschützer klagen gegen Kreis Bergstraße
Gegen diese Genehmigung hat im August ein Bündnis der Naturschutzvereine Wildtierschutz, Muna und BUND Hessen beim Verwaltungsgericht Darmstadt Klage gegen den Kreis eingelegt. „Mit unserer Klage wollen wir erreichen, dass weitere Maßnahmen umgesetzt werden, die eine Wiederansiedelung der Mehlschwalben ermöglichen“, sagt Lovis Kauertz vom Verein Wildtierschutz. Der Verlust der Nester sei nicht entsprechend den Vorgaben ausgeglichen, da acht unbesiedelte Schwalbenhäuser keinen wirksamen Ersatz darstellten.
Vogelschützerin Gaby Weiß am Gelände des früheren AKW Biblis.
Bild © hessenschau.de
Das überprüfen zu lassen, sei das gute Recht der Naturschützer, gibt sich Matthias Schimpf als zuständiger Dezernent des Kreises Bergstraße gelassen: „Uns geht es darum, dass wir bewerten: Wie geht es den Mehlschwalben?“
Allerdings, betont Schimpf mit Blick auf die vergangenen Monate, sei es schwierig, aufgrund der Daten in diesem Sommer Vergleiche zu ziehen. Die außergewöhnlich hohen Temperaturen hätten Schwalben in ganz Deutschland Probleme bereitet.
Hitzesommer setzt Schwalben unter Druck
Gaby Weiß betreibt wenige Kilometer entfernt von Biblis eine Auffangstation für Wildvögel. Als sie die Voliere vor sich öffnet, drehen einige der Mehlschwalben darin den Kopf. „Das sind alles Jungtiere, die aus überhitzten Gebäuden gesprungen sind“, erklärt Weiß.
Die Vogelexpertin erläutert, dass es in diesem Sommer in den Nistplätzen direkt unter Hausdächern immer wieder zu Temperaturen von mehr als 60 Grad gekommen sei. Noch nie sei ihre Station so früh im Jahr so voll gewesen, dass sie einen Aufnahmestopp hätte verhängen müssen, sagt Weiß: „Es fühlte sich an, als würde die ganze Mehlschwalbenpopulation – und zwar in ganz Deutschland – ausradiert.“
Würden die Kühltürme in Biblis noch stehen, hätte das einen großen Unterschied gemacht, glaubt Weiß. Aufgrund der Höhe und dem eigenen Schatten in der Mittagshitze. „Deshalb gehen wir davon aus, dass die Schwalben dort nicht so in der Hitze gelitten hätten wie an einem zweistöckigen Haus“, sagt Weiß.
Hoffen auf junge Schwalben
Die Vogelschützer fordern deshalb, dass Mehlschwalben auch an anderen hohen Gebäuden auf dem RWE-Gelände die Möglichkeit zum geschützten Nisten bekommen sollen. RWE äußert sich dazu auf Anfrage von hessenschau nicht – unter Verweis auf das laufende Gerichtsverfahren.
Die ersten Mehlschwalben sind inzwischen auf dem Rückflug in den Süden. Eine ganz besondere Schwalbe hat auch Gaby Weiß vor wenigen Tagen ziehen lassen: ihr „RWE-Schwälbchen“. Eine Mitarbeiterin habe ihr das Jungtier gebracht, nachdem es offenbar auf dem RWE-Gelände aus dem Nest gefallen war.
„Ich hab‘ fast geheult vor Freude, dass da wieder Jungtiere sind“, sagt Gaby Weiß. Sie hofft, dass es zumindest ein paar der jungen Schwalben geschafft haben und im nächsten Jahr zurückkommen werden.
Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/mehlschwalben-am-akw-biblis-hunderte-voegel-aus-hessens-groesster-kolonie-sind-weg-v1,mehlschwalben-biblis-100.html



