Wie antisemitisch sind die Deutschen? Wie sehr sind ihre Haltungen noch vom Nationalsozialismus geprägt? Diesen Fragen ging kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Frankfurter Institut für Sozialforschung nach. Die Ergebnisse schockierten selbst Theodor W. Adorno.
Die Bände sind in rotes und blaues Leinen eingebunden. Mit der Schreibmaschine auf dünnes Durchschlagpapier getippt, mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen versehen, sind hier die Protokolle dessen zu lesen, was viele Deutsche kurz nach dem Krieg dachten – über die Juden und den Holocaust, über Demokratie und Verantwortung.
„Der Deutsche an sich ist fleißig – gerade im Gegensatz zu den Charakterzügen des Juden, der an sich faul ist“, äußert eine junge Angestellte in einer Gruppendiskussion. Eine andere stimmt ihr zu: „Ich glaube, dass die Juden überhaupt nicht arbeiten brauchen. Die können gut handeln, so dass sie im Handumdrehen ihr Geld verdienen.“
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04:24 Min.|Christoph Scheffer
Solche antisemitischen Sätze sind immer wieder zu lesen in den Protokollen zum sogenannten „Gruppenexperiment“. Wie judenfeindlich sind die Deutschen? Wie sehr ist ihr Denken noch vom Nationalsozialismus geprägt? Das wollte die Forschungsgruppe um Theodor W. Adorno herausfinden, gut fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Antisemitische Narrative
„Da kommt der zentrale antisemitische Aspekt mit rein“, berichtet Leonie Wüst, die als Doktorandin am Institut für Sozialforschung heute an der Auswertung der Protokolle von Adornos „Gruppenexperiment“ beteiligt ist. „Da wird dann gesagt, dass die Juden auf dem Schwarzmarkt handeln, dass auf der Taunusstraße in Frankfurt nur Hehlerei stattfindet, dass die Juden nicht richtig arbeiten und trotzdem wieder zu viel Geld kommen.“
Im Winter 1950/51 wurden rund 130 Gruppengespräche in verschiedenen deutschen Städten geführt und aufgezeichnet. Die Originalmitschnitte sind nicht mehr erhalten, aber der Gesprächsverlauf wurde wortwörtlich protokolliert auf über 21.000 Seiten. Die Namen der Beteiligten wurden dabei verändert.
„Dem Common Sense bei der Entstehung zugucken“
„Man kann dem Common Sense wirklich bei der Entstehung zugucken“, beschreibt Dirk Braunstein, Leiter des Archivs am Institut für Sozialforschung, den typischen Verlauf dieser Gespräche.
„Die Meinungen mögen am Anfang noch etwas heterogen sein. Das wird in den Diskussionen immer mehr abgeschliffen, bis man sich einig ist, dass man ja doch irgendwie zusammengehört: eine Art Schicksalsgruppe, die sich wehren muss gegen die Zumutung, jetzt unbedingt Schuld empfinden zu müssen.“

Auf Adornos Spuren: Dirk Braunstein, Bettine Rau und Leonie Wüst
Bild © Christoph Scheffer, hr
Ein Spiegelbild der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, voll von Antisemitismus und von Abwehr der eigenen Mitverantwortung am Holocaust – festgehalten auf über 21.000 Seiten. „Man kann sich richtig vorstellen, wie so eine Gruppe zusammengefunden hat und wie ekelhaft das in Teilen auch war“, sagt Leonie Wüst.
Reeducation erfolgreich?
Den Auftrag zu der Studie hatte Theodor W. Adorno vom U.S. High Commissioner for Germany bekommen, nachdem er gerade aus dem Exil nach Frankfurt zurückgekehrt war. Die US-Amerikaner wollten so den Erfolg von „Entnazifizierung“ und „Reeducation“ überprüfen.
„Die Demokratie hat nicht derart sich eingebürgert, dass sie die Menschen wirklich als ihre eigene Sache erführen“ – so fasste Adorno später in einem Vortrag seine Erkenntnisse zusammen. Wenn es um den Holocaust ging, war ein großer Teil der über 1600 Befragten bemüht, das Grauen und die eigene Verantwortung für das Geschehen weit von sich wegzuschieben.
Schockierende Ergebnisse
„So sind wir in unserem Gruppenexperiment häufig darauf gestoßen, dass bei Erinnerungen an das Grauen von Deportation und Massenmord mildernde Ausdrücke, euphemistische Umschreibungen gewählt werden oder ein Hohlraum der Rede sich darum bildet“, stellte Adorno später fest.
Die konkreten Ergebnisse der Studie waren für ihn so schockierend, dass er sie gar nicht veröffentlichen wollte.

„Hohlraum der Rede“: Protokolle des „Gruppenexperiments“ im Institut für Sozialforschung
Bild © Christoph Scheffer, hr
„Man dachte, dass eine Veröffentlichung weniger aufklärend wirken würde, sondern eher die demokratischen Prozesse dadurch blockiert werden würden, wenn man die deutsche Gesellschaft damit konfrontiert“, erklärt Leonie Wüst.
Jetzt aber sei es höchste Zeit, die Originaldokumente zugänglich zu machen, sagt ihre Kollegin Bettine Rau, die ebenfalls an einer Dissertation zu dem Thema arbeitet.
„Vieles besteht ungebrochen weiter“
Für Bettine Rau sind die Aussagen aus der Nachkriegszeit erschreckend aktuell: „Sie wirken unheimlich vertraut: Wir haben von nichts gewusst, der Mythos von der kleinen Clique, die die Taten begangen hat – vieles von dem besteht ungebrochen bis heute weiter beim Sprechen über den Nationalsozialismus und über die Shoah.“
All das wollen die Forschenden am Institut für Sozialforschung jetzt schrittweise auswerten und online stellen – kommentiert und mit historischer Einordnung versehen. Auf zwölf Jahre ist das Projekt angelegt.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/erschreckend-aktuell-das-adorno-experiment-am-frankfurter-institut-fuer-sozialforschung-v1,adorno-gruppenexperiment-forschung-100.html

