In den 1960ern krempelt Franz Erhard Walther aus Fulda die Kunst-Szene um: Er macht die Betrachtenden selbst zum Werk. Das gibt Gegenwind – dem Walther trotzt. In einer Ausstellung gewährt der 87-Jährige jetzt Einblicke in seinen turbulenten Werdegang.
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00:39 Min.|Paul Mosbacher
„In der Fuldaer Villa werden jetzt Zeichnungen von Franz Erhard Walther gezeigt.“ Macht dieser Satz irgendetwas mit Ihnen? Bei mir rief die Nachricht nur ein beiläufiges Schulterzucken hervor. Der Name war mir zunächst kein Begriff.
Bei einem Besuch in seinem Atelier finde ich heraus: Es lohnt sich aber, ihn kennenzulernen – egal, ob man sich für seine Kunst begeistern kann oder nicht. Denn seine Geschichte ist auf jeden Fall inspirierend.
Walther boxt sich durch
1939 wird Franz Erhard Walther in Fulda geboren. Seine Eltern arbeiten in einer Bäckerei. Er merkt schnell, dass das nichts für ihn ist. Lieber zeichnet er.
Als Feingeist kann er den anderen Jungs im rauen Fuldaer Südend aber wenig entgegensetzen, sagt Walther. Also lernt er Boxen.
Im Alter von 15 Jahren kämpft er im Ring vor hunderten Zuschauenden gegen die Söhne der in Fulda stationierten US-Soldaten. Die Bilanz: zwei Siege, ein Unentschieden. Das spricht sich herum, Walther kann sich in Ruhe wieder dem Zeichnen widmen.
Kunstschule lehnt ihn zunächst ab
Berühmt werden sollte er später für etwas anderes. Trotzdem hört er nie auf zu zeichnen. „Das war für mich wie Atmen“, erzählt Walther beim hessenschau-Interview in seinem Atelier.
Mit einer Mappe seiner Zeichnungen bewirbt er sich an der Werkkunstschule in Offenbach, heute Hochschule für Gestaltung. Er besteht die Aufnahmeprüfung, tritt vor die Kommission – und wird abgelehnt.
„Tut uns ja leid, aber wir haben übersehen, dass Sie erst 16 sind“, habe ein genüsslich an seiner Pfeife ziehender Mann zur Begründung gesagt. Ein halbes Jahr später steht Walther wieder auf der Matte. Diesmal klappt’s.

Franz Erhard Walther im Jahr 2023 vor einer seiner Installationen in der Rhön.
Bild © David Ertl, 2023 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik
Neue Ideen, die keiner hören will
Doch er hat sich das Studium anders vorgestellt. „Da ging es um Sachzeichnen, Perspektiven, Naturzeichnen, Farblehre“, so Walther. „Totlangweilig.“
Nur ein Kurs weckt sein Interesse: Es geht um Schriften. Dass er die dafür nötige Grundklasse nicht absolviert hat, hält Walther nicht auf. Er bettelt sich hinein und malt 200 Wort-Bilder.
„Ich dachte, dass Betrachter ihre eigene Vorstellung aktivieren und sich aus dem Begriff ein Bild dessen machen, was er suggeriert“, erklärt er.
Mit früheren Zeichnungen nach Frankfurt
Seinen Lehrer treibt er damit zur Weißglut, erinnert er sich: „Ein einzelnes Wort auf ein Blatt bringen, das kann doch jeder!“ Kein Weiterkommen in Offenbach. Alles umsonst?
Nein. Walther bewirbt sich mit seinen Wortbildern an der Städelschule in Frankfurt – und wird wieder mal abgelehnt. „Das ist Gebrauchsgrafik. Bei uns geht es um Kunst“, heißt es. Stattdessen gefragt: Portraits, Stillleben, Landschaften.
Interesse an experimenteller Kunst
Er kramt einige Zeichnungen aus seiner frühen Jugend heraus und versucht es erneut, diesmal mit Erfolg. Aber auch in Frankfurt wird konventionell gearbeitet.

In der neuen Ausstellung „Dem Mond gewidmet“ in Fulda sind Hunderte von Walthers Zeichnungen zu sehen. Darunter sind zeichnerische Konzepte für seine Installationen, aber auch eigene Werke.
Bild © Paul Mosbacher (hr)
Walther dagegen entwickelt mehr Interesse an einer jungen, experimentellen Stilrichtung aus Paris, dem sogenannten Informel, und macht sein eigenes Ding. Belohnt wird er mit dem Rauswurf.
An der Kunstakademie in Düsseldorf lehren gleich zwei informelle Maler, dort wagt er wieder einen Neuanfang. Nach ein paar Monaten habe ihn nur ein einziger Professor rausschmeißen wollen, sagt Walther – erfolglos.
Reibereien als Ansporn
Andere Reibereien mit etablierten Größen wie etwa Joseph Beuys spornen ihn nur weiter an: „Die Widerstände haben mich immer stärker gemacht.“
Er studiert in Düsseldorf zu Ende und entwickelt in dieser Zeit seine ersten Werke aus Stoff, mit denen man interagieren kann – und die ihn später bekannt machen: Skulpturen, die man selbst zum Leben erwecken muss, um sie zu erfahren. Man berührt sie, stellt sie auf, zieht sie an, stülpt sie sich über den Kopf.

Welche Wirkung hätte diese Aktivierung von Franz Erhard Walther wohl auf Sie? Man muss es einfach selbst herausfinden.
Bild © Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Franz Erhard Walther / Foto: art/beats
Auf die Frage, was er mit seinem Werk eigentlich transportieren wolle, antwortet er: „Dass Handlung Bestandteil sein kann, ein Werk zu bilden.“ Es gehe ihm um Imagination, Beteiligung und Handlung.
„Das hat es vorher nicht gegeben“, erklärt er. „Ich wollte das dem Ganzen hinzufügen und wusste, dass das für die Kunstgeschichte wichtig werden könnte. Beweisen konnte ich nichts, es war eine Hoffnung.“
Kein Erfolg in Galerien
Ein Hoffnung, die sich erst mal nicht erfüllen sollte: Denn in den 1960ern konzentrieren sich nicht nur die Hochschulen in Europa auf Konventionelles. Auch Galerien lassen den jungen Walther mit seiner Idee reihenweise abblitzen. „Ich passte nicht ins Programm, ich hatte keine Chance“.
Bis irgendwann eine Kuratorin des Museum of Modern Art in New York (MoMA) vor seiner Tür steht. Auf Erkundungsreise durch Europa habe sie gesucht „nach etwas, das ganz anders ist, als das, was sonst gemacht wird“ – und sei zu ihm geschickt worden.
Erst mal dekoriert er Torten
Walther zeigt ihr einige seiner Arbeiten. Sie ist sichtlich angetan, reist aber ohne großes Aufheben wieder ab. Er entscheidet sich, sein Glück trotzdem in New York zu suchen. „Das war damals die Kunsthauptstadt, Paris war out.“
Seine Frau Johanna bleibt mit den zwei gemeinsamen Kindern zunächst in Deutschland. Walther findet ein kleines Apartment auf der East Side für 89 Dollar im Monat und einen gut bezahlten Job als „Finisher“: Dekorateur von Torten. Erst dann reist seine Familie nach.
Durchbruch im MoMA
Und dann passiert es: Walther bekommt einen Brief vom MoMA. Er soll an der Ausstellung „Spaces“ mitwirken – mit namhaften Künstlern wie Dan Flavin, Michael Asher, Larry Bell und Robert Morris.
„Ich habe es erst mal gar nicht glauben können“, so Walther im hr-Interview. „Das war damals das Museum schlechthin, weltweit. Das war der Nobelpreis.“
Die „Spaces“ locken Tausende ins MoMA. Fernsehsender und Zeitungen berichten, darunter die „New York Times“ und die „Welt“.
Letztere sieht Walthers Werk zwar den Niedergang der Gegenwartskunst, bezeichnet es als „Sackhüpfen“. Der Fuldaer aber wird zum Weltstar und kann von seiner Kunst leben.

Das „Sackhüpfen“: Der Werksatz-Raum in der Ausstellung Spaces, MoMA, New York, 1969/70
Bild © Claude Picasso, 1969
Vom ungeliebten Schüler zum beliebten Lehrer
Nur wenige Monate später, im Jahr 1970, bekommt Walther einen Brief aus Hamburg, der sein Leben erneut auf den Kopf stellt. Die Hochschule für bildende Künste in Hamburg lädt ihn ein, Gastprofessor zu werden.
Der damals 31-Jährige hält einige Seminare und begeistert die Studierenden. Kurz darauf wird er zum ständigen Professor gewählt. Insgesamt lehrt Walther 36 Jahre lang in Hamburg.
Ritterschlag in Venedig
Parallel dazu geht er mit seinen Werken um die ganze Welt, stellt unter anderem in Mexico City, Mailand, Istanbul und bei der documenta in Kassel aus.
2017, da ist Walther 77 Jahre alt, wird er auf der Biennale in Venedig zum Besten Künstler gekürt. „Your work is young, still“, sagt ihm damals der Direktor des spanischen Nationalmuseums. „Das war in meinem Alter ein Ritterschlag“, so Walther.

Walthers preisgekrönte Ausstellung bei der Biennale in Venedig im Jahr 2017. Die Jury findet sie „komplex und radikal“.
Bild © Andrea Avezzù
Inzwischen lebt er mit seiner zweiten Frau Susanne wieder in Fulda. Seine erste Frau Johanna setzt noch heute die Konzeptionen für seine plastischen Arbeiten um. Aber seine Zeichnungen begleiten Walther weiter – sie bleiben sein „ureigenster Ort“, wie er sagt.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/kuenstler-aus-fulda-flog-von-der-kunsthochschule–und-ist-trotzdem-ein-weltstar–v1,franz-erhard-walther-104.html

