Kultur

Analyse zur 78. Frankfurter Buchmesse: Es war die Buchmesse der starken Frauen

Analyse zur 78. Frankfurter Buchmesse: Es war die Buchmesse der starken Frauen

Die 78. Frankfurter Buchmesse geht zu Ende. Natürlich ging es um Bücher, es wurden aber auch vielerlei politisch-gesellschaftliche Debatten geführt. In Erinnerung bleiben dürfte vor allem ein Auftritt.

Was bleibt von der 78. Frankfurter Buchmesse? Ein Ort der Debatte, wie der scheidende Geschäftsführer Juergen Boos stets betonte, war sie auch in diesem Jahr wieder.

Es wurde diskutiert, auch gestritten, die Themen waren derweil nicht neu: Gefahren von KI, aber auch deren Einsatz in der Verlagsbranche, das Erstarken des Rechtsextremismus, Rollen- und vor allem Männlichkeitsbilder, die sinkende Lesekompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler, der fehlende politische Wille, das deutsche Schulsystem grundlegend zu reformieren.

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|Lars Hofmann

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Auftritte von Autorinnen bleiben in Erinnerung

Konkrete Kritik an konkreten Amtsträgern überließen Vertreter der Messe allerdings – wie in den Jahren zuvor – einzelnen Autorinnen und Autoren. So wird vor allem der bemerkenswerte Auftritt der tschechischen Autorin Radka Denemarková am Abend der Buchmesse-Eröffnung in Erinnerung bleiben.

Ihr spontan ergänzter Satz zu Beginn ihrer Eröffnungsrede ist für die Ewigkeit: „Die Staatsminister für die Kultur, die die Kultur vernichten, kommen und gehen, aber die Literatur bleibt“, sagte sie und erntete stehende Ovationen und tosenden Applaus.

Ärger über Auftritt der Kulturminister

Sie habe sich über die Auftritte der deutschen und tschechischen Kulturminister geärgert, sagte sie später. Der deutsche Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer (parteilos) sprach sich in seiner Rede wie schon im vergangenen Jahr in markigen Worten gegen die großen amerikanischen Tech-Unternehmen aus.

Politisch machte er aber in den vergangenen Monaten dadurch von sich reden, dass er drei von einer unabhängigen Jury nominierte Buchhandlungen wegen angeblicher Erkenntnisse des Verfassungsschutzes von der Preisliste des Deutschen Buchhandlungspreises strich. Oder er brachte eine Teilprivatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ins Spiel.

Autorin inzwischen bedroht

Noch größer war der Ärger Denemarkovás über Weimers Amtskollegen Oto Klempíř von der rechtspopulistischen tschechischen Regierung. Klempíř war früher bei der Staatssicherheit und ist jetzt Mitglied der Motoristenpartei, die sich unter anderem für die Abschaffung von Fahrradwegen einsetzt.

Seine Regierung verabschiedete kurz vor der Buchmesse einen Beschluss über eine neue Kulturpolitik, die laut Kritikern unter anderem kulturelle Freiheiten zerschlagen und die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks abschaffen will.

Von Denemarkovás Worten fühlte Klempíř sich beleidigt und verkündete bereits, er werde sie von jeglicher staatlichen Förderung, etwa für Übersetzungen, ausschließen. „Darauf habe ich ihm eine Nachricht geschickt“, sagte Denemarková, „dass ich ihn ernähre, nicht er mich.“ Auch das bemerkenswert.

Bemerkenswert: Eröffnungszeremonie nicht live

Ebenfalls bemerkenswert: In diesem Jahr gab es keinen Livestream der Eröffnungszeremonie, den Interessierte hätten verfolgen können. „Tatsächlich entscheiden wir jedes Jahr neu, welche Ressourcen wir in Livestreams unserer zahlreichen Veranstaltungen investieren“, schrieb die Messe dazu auf hessenschau-Anfrage.

Erst zum Ende der Messe wurde ein Mitschnitt der Eröffnungsveranstaltung auf YouTube veröffentlicht. Auch die Rede von Radka Denemarková ist da in voller Länge noch einmal zu erleben.

Zutiefst beeindruckender Auftritt von Gisèle Pelicot

Gisèle Pelicot spricht ins Mikrofon auf der Frankfurter Buchmesse


Gisèle Pelicot sprach über ihre Autobiografie „Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln“.
Bild © hr/ Carolin Glomp


Es war eine weitere Frau, die ihre Zuhörerinnen und Zuhörer am ersten Buchmessetag zutiefst beeindruckte. Denn: Was die Französin Gisèle Pelicot durchgemacht hat, ist kaum in Worte zu fassen. Sie schaffte es doch. Und wie.

„Ich wollte mich meinen Peinigern stellen“, sagte sie auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat, als sie über ihr Buch „Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln“ und den öffentlich geführten Prozess gegen ihren Ex-Mann wegen (Gruppen-) Vergewaltigung sprach.

Sie habe einen öffentlichen Prozess gewollt, weil sie ihre Peiniger nicht gekannt habe, da sie über Jahre immer wieder unter Drogen und Betäubungsmittel gesetzt worden war. „Sie kannten mich. Sie haben eine bewusstlose Frau vergewaltigt. Sie sollten den Blick senken und ich wollte erhobenen Hauptes dastehen.“

„Wollte unbeugsame Frau unterwerfen“

Dass sie dafür Videos ihrer Vergewaltigungen habe ansehen müssen, habe sie hingenommen. „Man kann gar nicht erzählen, was ich da gesehen habe. Das ist barbarisch“, betonte sie. „Ich habe diese Frau, die da lag, nicht wiedererkannt.“

Sie habe ihre Würde verloren, durch den Prozess aber wiedererlangt. Und inzwischen habe sie sich sogar wieder verlieben können. Eine Erklärung für die dunkle Seite ihres Ex-Mannes habe sie nicht, sagte sie: „Er hat wohl eine unbeugsame Frau unterwerfen wollen.“

Brosius-Gersdorf: „Gewalt geht uns alle an“

Podiumsdiskussion mit drei Personen auf einer Bühne, sitzend auf Sesseln und jeweils mit Mikrofonen. Im Hintergrund eine große Projektionsfläche mit Illustrationen von drei Personen und dem Schriftzug "SHEROES – STREITERINNEN FÜR DIE ZUKUNFT". Auf kleinen Tischen stehen die Bücher "Wahl und Wahrheit" und "Ein ungehaltenes Plädoyer". Publikum im Vordergrund.


Zu Gast bei Moderatorin Jagoda Marinić (links) waren am Samstag auf der Buchmesse Frauke Brosius-Gersdorf (Mitte) und Christina Clemm.
Bild © hr


Zwei Juristinnen, die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf und die Strafverteidigerin Christina Clemm, forderten auf der Literaturbühne, die Eindämmung von Gewalt nicht den Gerichten zu überlassen: „Gewalt geht uns alle an, auch wenn es im Gericht nur um Einzelfälle geht“.

Gewalt müsse umfassend gesamtgesellschaftlich benannt und beendet werden. Das sei der Weg, Faschismus und Sexismus zu beenden. „Wer weiß, vielleicht haben wir dann in ein paar Jahren das Patriarchat abgeschafft“, so Clemm.

Simonetti: „Es wird Männern nichts weggenommen“

Das Patriarchat, Männer und gesellschaftliche Männerbilder waren auf mehreren Bühnen der Messe Thema. Und auch hier gab es Auftritte, die im Gedächtnis bleiben. Etwa der von Moderator und Autor Riccardo Simonetti.

Auch er ist der Ansicht, die Gesellschaft, die Erziehung sei gefragt: „Die Gesellschaft sagt Männern, was an ihnen falsch ist. Aber sie sagt ihnen nicht, was sie zu einem guten Mann macht“, befand Simonetti.

Er will (weißen cis-) Männern mit seinem Buch „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Ängste vor Machtverlust nehmen. „Es wird Männern nichts weggenommen“, betonte er. „Es wird nur Platz am Tisch geschaffen für andere Menschen.“ Auch das möglicherweise zwei Sätze für die Ewigkeit.

Person mit langen Haaren, Lederjacke und Handschuhen spricht auf einer Bühne in ein Mikrofon. Der Hintergrund ist unscharf und in warmen Rot- und Orangetönen beleuchtet.


Riccardo Simonetti auf der ARD-Bühne.
Bild © Carolin Glomp (hr)


„Ein Mensch ohne Bücher ist blind“

Doch das Ende dieser – natürlich unvollständigen – Buchmesse-Bilanz soll aber Radka Denemarková gehören.

In ihrer Eröffnungsrede sagte sie: „Alles ist Politik. Die Frage von heute ist ganz einfach: offene Demokratie oder geschlossene Gesellschaft. Die Literatur kennt die Antwort, deshalb ist sie so gefährlich. (…) Wer liest, ist nicht so leicht manipulierbar. Und ein Mensch ohne Bücher ist sowieso blind.“

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Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/buchmesse/analyse-zur-78-frankfurter-buchmesse-es-war-die-buchmesse-der-starken-frauen-v1,buchmesse-bilanz-106.html

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