Was als Änderung eines Bebauungsplans begann, entwickelte sich im mittelhessischen Beselich zu einer ungewöhnlich emotionalen Debatte. Im Ort mobilisierte sich Widerstand gegen die geplante Filiale einer Großbäckerei – um den örtlichen Traditionsbäcker zu schützen.
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03:04 Min.|Benjamin Müller
Über 240 Filialen hat das Limburger Unternehmen „Schäfer Dein Bäcker“ bereits in Hessen und angrenzenden Bundesländern. Nun sollte es noch eine mehr werden: in Beselich – nicht weit entfernt vom Unternehmenssitz der Großbäckerei.
Neben der Verkaufsfläche sollte im Ortsteil Obertiefenbach ein Café mit rund 70 Sitzplätzen entstehen. Geplant war ein Neubau auf einem derzeitigen Parkplatz neben einem Supermarkt. Dafür wäre eine Änderung des Bebauungsplans notwendig gewesen. Aber daraus wird nun nichts: Die Gemeindevertretung lehnte die Pläne ab.
Was andernorts meist als Verwaltungsakt geräuschlos seinen Gang geht, löste in der 6.000-Einwohner-Gemeinde eine ungewöhnlich emotionale Debatte aus. Im Zentrum stand die Frage, ob der Backwarenmarkt vor Ort bereits gesättigt ist und was die Ansiedlung für eine alteingesessene Bäckerei in Obertiefenbach bedeutet hätte.
Rund 600 Unterschriften gesammelt
Die Diskussion hatte im Ort Fahrt aufgenommen, nachdem die Inhaberinnen von „Jung’s Backstube“ ihre Bedenken in den sozialen Medien öffentlich gemacht hatten. Ein Kunde startete daraufhin eine Unterschriftensammlung, um den Betrieb zu unterstützen. Nach Angaben der Backstube kamen dabei rund 600 Unterschriften zusammen.
Die Limburger Bäckerei-Kette „Schäfer Dein Bäcker“ und „Jung’s Backstube“ in Beselich.
Bild © Benjamin Müller (hr), Collage: hessenschau.de
„Wir bitten die Gemeinde Beselich, bei künftigen Entscheidungen die Belange des örtlichen Handwerks, der Nahversorgung, der Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie der regionalen Wertschöpfung angemessen zu berücksichtigen“, hieß es darin. Man richte sich nicht gegen einzelne Unternehmen, sondern wolle den bestehenden Handwerksbetrieb unterstützen.
„Es scheint die Beselicher Bürger sehr zu bewegen“, sagte Inhaberin Marina Lanois im Gespräch mit der hessenschau. Seit 2012 betreibt sie die Bäckerei in Obertiefenbach und einen Standort im Nachbarort Runkel gemeinsam mit ihrer Schwester. Die Backstube hat nach eigenen Angaben mehr als 230 Jahre Geschichte.
Bäckerin: Markt ist gesättigt
Lanois argumentiert, dass es im Ort bereits ausreichend Angebote für Backwaren gebe: Neben dem eigenen Geschäft gebe es bereits zwei niedergelassene Ketten, dazu Supermarkt-Backstationen. Als kleiner Betrieb habe man Sorge, dass der Konkurrenzdruck noch größer werden könnte.
Die Bäckerin meint, dass die neue Schäfer-Filiale im Ort keine Versorgungslücke geschlossen, sondern lediglich Kaufkraft umverteilt hätte. „Ein kleiner Handwerksbetrieb verfügt nicht über die Möglichkeiten einer großen Filialkette.“ Konkret habe man sich um Umsatzrückgänge gesorgt – und damit die Zukunft des Betriebs und der zwölf Angestellten.
Bürgermeister: Debatte wurde emotional geführt
Bürgermeister Kai Speth (unabhängig) beschreibt die politische Diskussion im Ort als aktiv und emotional. Die Menschen hätten sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, auch in den politischen Gremien habe man Argumente dafür und dagegen ausgetauscht.
Im Parlament wurden verschiedene Anträge und lange Fragenkataloge gestellt, bei der Abstimmung war der Saal voll besetzt. Auch die Bäckereikette „Schäfer dein Bäcker“ bezog zu Fragen der Gemeindevertreter Stellung.
Sie verwies etwa auf ein erweitertes Angebot für den Ort, etwa durch das Café als zusätzlichen Treffpunkt. Durch die Filiale wären nach Angaben des Unternehmens 12 bis 14 Vollzeitstellen sowie ein Ausbildungsplatz entstanden.
Letztendlich entschied das Parlament mit einer Mehrheit der Abgeordneten von SPD und „Wir für Beselich“ gegen das Vorhaben. Die CDU enthielt sich. Für das Projekt stimmte niemand.
„Schäfer Dein Bäcker“ bedauert Entscheidung
Nach der Abstimmung erklärte das Limburger Unternehmen auf hessenschau-Anfrage, man bedauere die Entscheidung. Das geplante Geschäft wäre eine „sinnvolle Ergänzung für den Ort“ gewesen, man habe für das Konzept am Standort Potential gesehen.
„Wir können nachvollziehen, dass Menschen Veränderungen in ihrem Ort und zusätzlichen Wettbewerb zunächst kritisch betrachten“, so das Unternehmen. Das klassische Bäckerhandwerk stehe seit Jahren insgesamt unter erheblichem Druck.
70 Prozent der Backwaren würden mittlerweile in Supermärkten verkauft. „Die Entwicklung des Bäckereimarktes ist aus unserer Sicht allerdings deutlich komplexer und lässt sich nicht auf die Frage ‚große gegen kleine Bäckerei‘ reduzieren.“
„Kein anonymer Konzern“
Schäfer wehrt sich zudem gegen die Annahme, es habe hier einen Konflikt zwischen einer Bäckereikette und einem traditionellen Handwerksbetrieb gegeben. Auch im Großbetrieb produziere man weiterhin handwerklich, die Teiglinge würden nicht tiefgefroren, sondern frisch in die Niederlassungen geliefert und dort gebacken. „Schäfer Dein Bäcker ist kein anonymer Konzern, sondern ein inhabergeführtes Familienunternehmen aus der Region.“
Die Wurzeln der Kette liegen tatsächlich nicht weit von Beselich entfernt: im benachbarten Elz (Limburg-Weilburg). Heute wird das Unternehmen in vierter Generation familiengeführt. Am Sitz in Limburg hat Schäfer mittlerweile eine Großbäckerei und nach eigenen Angaben rund 400 Angestellte. Vergangenes Jahr teilte der Unternehmen mit, 270 Millionen Euro in den Firmensitz investieren zu wollen.
Seit Jahren expandiert das Unternehmen stark und eröffnet regelmäßig neue Standorte. Erst vor wenigen Monaten übernahm Schäfer die 14 Filialen der südhessischen Kette Hug.
Keine neuen Filial-Pläne für Beselich
In Beselich sagt Bürgermeister Speth: „Es gab pro und contra sehr gute Argumente.“ Mit der Entscheidung der Gemeindevertretung sei die Ansiedlung am geplanten Standort gescheitert. Komplett ausgeschlossen sei eine Filiale in Beselich allerdings nicht.
Speth weist darauf hin, dass es nicht für jede Ansiedlung eine Änderung des Bebauungsplans und damit die Zustimmung der Gemeinde brauche. Das hänge vom jeweiligen Grundstück ab. Die Bäckerei Schäfer erklärte allerdings auf Nachfrage: Man verfolge derzeit keine weiteren Pläne für einen Standort in Beselich.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/beselich-stoppt-filiale-einer-grossbaeckerei—sorge-um-lokalen-baecker-v1,baeckerei-beselich-100.html


