Die 78. Buchmesse steht vor der Tür: Neu dabei als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist Sebastian Guggolz. Im Interview spricht er über die wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen, durch die die Buchbranche derzeit geht.
Seit knapp einem Jahr repräsentiert er eine Branche, die durch wirtschaftlich und politisch turbulente Zeiten navigiert: Anfang Oktober 2025 wurde Sebastian Guggolz zum Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt.
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05:11 Min.|hessenschau.de (Lars Hofmann)
Seine Branche ist in Aufruhr, weil sie zum einen Umsatzrückgänge verzeichnet und immer weniger junge Menschen Bücher kaufen: So brach die Zahl der zehn- bis 15-jährigen Buchkäuferinnen und -käufer um ein Drittel ein. Zum anderen offenbarte die jüngste PISA-Studie eine weiter sinkende Lesekompetenz bei Grundschulabgängerinnen und -abgängern.
Auch politisch waren die vergangenen Monate turbulent: Anfang des Jahres strich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) drei Buchhandlungen von der Liste des Deutschen Buchhandlungspreises. Er berief sich auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, ohne diese näher zu spezifizieren.
Zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse hielt Guggolz eine vielbeachtete Rede, in der er Weimer dafür scharf kritisierte, ihm einen „fragwürdigen autokratischen Gestus“ vorwarf. Letztendlich wurde der Preis während der Messe nicht vergeben, und Weimer stellte zudem den Deutschen Verlagspreis infrage.
Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, berichtet Sebastian Guggolz im hessenschau.de-Interview. Trotzdem sieht er die Branche in einer Polykrise. Zentral dabei: Die sinkende Lesekompetenz bei jungen Menschen.
Das Gespräch führten Sonja Fouraté und Lars Hofmann.
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hessenschau.de: Herr Guggolz, es ist Ihre erste Buchmesse in Frankfurt“}]}“>Buchmesse in Frankfurt in neuer Funktion als Vorsteher des Börsenvereins. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Buchmessenwoche?
Sebastian Guggolz: Ich bin im vergangenen Jahr kurz vor der Buchmesse gewählt worden. Ich war also schon gewählt, aber noch nicht im Amt. Das Schöne daran war, dass meine Vorgängerin Karin Schmidt-Friderichs die Arme so weit wie nur möglich aufgemacht hat und mich bei allen wichtigen Terminen hat mitlaufen lassen.
Dieses Jahr darf ich das erste Mal selbst in dieser Funktion sein, und ich kann nur sagen, die Vorfreude ist riesig, gleichzeitig steigt die Anspannung, denn die Frankfurter Buchmesse ist ja eine einzige Aneinanderreihung von Highlights, angefangen mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises bis hin zum Friedenspreis.
hessenschau.de: Welche Akzente wollen Sie setzen? Das Jahr war für die Branche turbulent – Stichwort Buchhandlungspreis, Stichwort sinkende Lesekompetenz bei Kindern.
Guggolz: Wir legen auf der Buchmesse – auch resultierend aus den Ergebnissen der aktuellen PISA-Studie – den Akzent sehr stark auf die Frage der Lesekompetenz und der Leseförderung. Die PISA-Studie sieht dramatisch aus, das muss man ganz entschieden so sagen.
Das ist ein Akzent, den wir nicht isoliert betrachten können. Der Umgang mit KI, mit neuen Technologien, ist eng damit verbunden, weil KI das Problem der Lesekompetenz verstärkt, statt es zu lösen. Zu Lese- und Lernkompetenz gehört auch Medienkompetenz und Medienbildung dazu.
Wir wollen auch die politische Sphäre in die Pflicht nehmen und an ihre Verantwortung erinnern, denn es ist offensichtlich, dass jetzt gehandelt werden muss. Sonst stehen uns noch düsterere Zeiten bevor.
hessenschau.de: Was ist aus Ihrer Sicht politisch nötig, um die Lesekompetenz wieder zu verbessern?
Guggolz: Zuerst muss anerkannt werden, dass es dieses Problem gibt. Das ist beim Blick auf die Zahlen eigentlich unübersehbar. Wir haben ein ganzes Bündel an Vorschlägen, aber auch konkrete Forderungen: Projekte wie zum Beispiel das „Leseband“ müssen verpflichtend in den Schulen verankert werden. Dabei wird jeden Tag 15 bis 20 Minuten gelesen.
Unsere Mitglieder, vor allem die Buchhandlungen und die Verlage, tun selbst schon sehr viel. Aber die Verantwortung darf nicht auf die Zivilgesellschaft abgewälzt werden, sondern sie muss politisch ergriffen werden. Und diese Forderung muss so laut wie möglich auf der Buchmesse formuliert und herausgetragen werden.
hessenschau.de: Dabei stehen die Zeichen aber eher auf Kürzungen. Die Bundesregierung will die Förderung des Projekts „Lesestart 1-2-3“ zum Jahresende 2026 nicht verlängern.
Guggolz: Der Abbau von Leseförderprogrammen ist natürlich fatal in einer Situation wie jetzt. Das Gegenteil muss passieren. Programme wie zum Beispiel das „Leseband“ müssen aufgebaut und mit politischem Willen unterstützt werden, und damit ist eben auch die Finanzierung verknüpft.
hessenschau.de: Sehen Sie Anzeichen, dass Sie gehört werden?
Guggolz: Wir sind natürlich mit der Bildungspolitik im Gespräch. Kurz nach der Messe haben wir einen Termin mit Bildungsministerin Karin Prien. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir unsere Botschaften und unsere Forderungen dort platzieren können, denn die Zahlen sind alarmierend: Inzwischen kann ein Drittel der Grundschulabgängerinnen und -abgänger nicht sinnentnehmend lesen.
hessenschau.de: Sie sagen, Ihre Mitglieder tun sehr viel. Aber es müssen gleichzeitig immer mehr Buchhandlungen schließen. Was kann, was sollte die Politik hier tun?
Guggolz: Das, was die Politik schon für unsere Branche tut, ist gut – etwa die indirekten Förderungen durch den reduzierten Mehrwertsteuersatz, der auch immer wieder neu verteidigt werden muss, und durch die feste Buchpreisbindung.
Solange es darüber hinaus keine strukturelle Förderung für Verlage und Buchhandlungen gibt, sind Preise wie der Verlagspreis und der Buchhandlungspreis wichtig. Das ist ein Signal, dass die Vielfalt dieser Branche auch von der Politik als wertvoll, schützenswert und sogar förderungswürdig gesehen wird.
hessenschau.de: Allerdings strich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Anfang des Jahres drei Buchhandlungen von der Nominierungsliste des Buchhandlungspreises und auch um den Verlagspreis gab es Diskussionen.
Guggolz: Wir sind nach den Streichungen beim Deutschen Buchhandlungspreis im Frühjahr, die wir deutlich kritisiert haben, mit dem Ministerium in einen konstruktiven und intensiven Austausch zum Verlagspreis gegangen.
Wir haben es dadurch geschafft, dass der Verlagspreis jetzt zur Frankfurter Buchmesse verliehen werden kann. Das war sehr wichtig, denn die Bedeutung dieser Preise und der damit verbundenen sowohl finanziellen als auch ideellen Unterstützung von staatlicher Seite ist kaum zu überschätzen.
hessenschau.de: Nun spricht bei der Eröffnung der Buchmesse ausgerechnet der Kulturminister der rechtspopulistischen tschechischen Regierung, dem starke Eingriffe in die Kultur vorgeworfen werden.
Guggolz: Wenn Sie nach der politischen Lage fragen, was die Kulturförderung angeht, sehe ich als größte Gefahr im Moment die AfD und das, was die AfD in ihrem Wahlprogramm stehen hat. Das sind Eingriffe, die wir unbedingt unterbinden müssen. Die Frage, ob Kultur patriotisch sein muss oder nicht, ist eine, die wir ganz entschieden mit Nein beantworten.
Wir setzen uns vehement für die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinung ein. Das ist unverhandelbar. Eingriffe sind nicht akzeptabel. Wenn Sie jetzt nach den Kulturministern in Deutschland und in Tschechien fragen, die ja zum Glück nicht von der AfD sind, deren Reden werde ich natürlich auch gespannt verfolgen.
hessenschau.de: Die Branche steht seit Jahren unter großem wirtschaftlichen Druck. Wenn nun noch politischer Druck dazukommt: Wie existenziell werden die Probleme?
Guggolz: Existenziell ist vor allem der wirtschaftliche Druck, der gefährdet die Existenz von Buchhandlungen und Verlagen. Das ist ganz klar. Der politische Druck, der zunehmend sichtbar wird, macht es nicht leichter, sondern er hat natürlich auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation. Gerade wenn es um die Vergabe von Fördermitteln geht, hat das unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen.
Die Gesamtgemengelage ist nicht leicht, sie wird sogar immer komplexer. Das sind die Herausforderungen unserer Zeit. Ich glaube, da stehen wir als Buchbranche nicht allein. Das geht den anderen Sparten und der gesamten Gesellschaft ganz genauso. Es ist eine Polykrise, so kann man es vielleicht sagen.
hessenschau.de: Das Thema KI dürfte seinen Teil dazu beitragen. Verdrängt die KI Arbeit in Ihrer Branche oder hilft sie eher?
Guggolz: Sowohl als auch. KI ist eine Technologie, die längst zum Alltag in der Branche gehört. Die Frage, wie wir mit ihr umgehen, ist aber eine, die unbedingt diskutiert und immer wieder neu ausgehandelt werden muss, und das so differenziert wie möglich.
Es gibt sehr viele Einsatzfelder, in denen die KI zu wirklich sprunghaften Fortschritten führen kann – ein Stichwort wäre zum Beispiel die Erfassung und Organisation von Daten. Gerade generative KI öffnet aber auch große Problemfelder für unsere Branche.
hessenschau.de: Lange wusste niemand genau, mit welchen Daten die Modelle trainiert werden. Zuletzt wurden Antiquariate leergekauft“}]}“>wurden Antiquariate leergekauft, wohl auch für KI-Training.
Guggolz: Large Language Models, also generative KI, können hilfreich sein, vor allem unterstützend, aber wir müssten als Gesellschaft bestimmte Felder definieren, in denen sie dies auch nicht ist.
Wo wir ganz entschieden auftreten müssen, ist der doppelte Raubzug, der gerade stattfindet. Das ist zum einen der Raubzug am Urheberrecht, also dass unsere Inhalte ohne Einwilligung und Vergütung genutzt wurden, um KI-Systeme zu trainieren.
Zum anderen findet so etwas wie ein Raubzug am Denken statt. Gerade lernen wir immer mehr, Antworten zu konsumieren, statt Fragen zu stellen. Und wir sollten entscheiden: Möchten wir unsere Meinungsbildung wirklich in die Hände der großen Tech-Konzerne legen?
hessenschau.de: Abschließend noch eine Frage zu einer aktuellen politischen Debatte: Buchpreisjurorin Maha El Hissy wird Antisemitismus vorgeworfen. Wie weit belastet das die Vergabe des Deutschen Buchpreises?
Guggolz: Wir haben Maha El Hissy aus sehr guten Gründen in die Jury berufen: Weil sie eine hervorragende Literaturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin ist. Ich glaube, der Blick auf die Longlist und auf die Shortlist zeigt die Perspektivenvielfalt, die durch die siebenköpfige Jury gewährleistet ist.
hessenschau.de: Merkt man an dieser Debatte aus Ihrer Sicht auch, wie polarisiert und vehement öffentliche Diskussionen inzwischen geführt werden?
Guggolz: Das würde ich genauso bestätigen. Das sieht man ja nicht nur auf dem Feld der Kultur, das sieht man auch auf dem Feld der Politik. Da wäre mein Vorschlag: Das Lesen ist ein Gegenmittel. Denn nirgendwo sonst schult man so sehr wie beim Lesen seine Fähigkeit für Ambivalenzen, für Widersprüche, für viele verschiedene Perspektiven, für Empathie.
Ich empfehle die Bücher der Long– und Shortlist – ihre Lektüre ist auf jeden Fall ein großer Gewinn.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/buchmesse/boersenvereins-vorsteher-guggolz-im-interview-kultur-muss-nicht-patriotisch-sein-v1,interview-sebastian-guggolz-100.html


