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Bundeswehr-Offiziere an Schulen: Kritiker sehen verdeckte Nachwuchswerbung

An Schulen treten regelmäßig sogenannte Jugendoffiziere der Bundeswehr auf. Kultusminister Schwarz will die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr ausbauen. Die Lehrergewerkschaft GEW sieht verdeckte Nachwuchswerbung.

An diesem Morgen steht im Schwalmgymnasium im nordhessischen Schwalmstadt kein Lehrer vorne und macht den Unterricht, sondern ein Soldat in Marine-Uniform. Philipp Holzapfel ist Leutnant zur See und Jugendoffizier für den Bereich Nordhessen.

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03:19 Min.
||hr


Bundeswehr zeigt sich in Schulen

Bundeswehr zeigt sich in Schulen

Bild © hr


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Das Thema heute: die neue multipolare Welt, die Bedeutung der Arktis und Grönlands. Und Holzapfel stellt gleich zu Beginn klar: „Ich bin nicht hier, um die Werbetrommel für die Bundeswehr zu rühren. Ich bin Referent für Sicherheitspolitik.“

Den Vortrag vor den Abiturientinnen und Abiturienten hätte tatsächlich auch ein Politikwissenschaftler oder ein Lehrer halten können. Holzapfel unterstreicht die Bedeutung des Völkerrechts, erklärt die jüngste Grönland-Debatte und appelliert an die Schüler: „Bleibt kritisch, hinterfragt alles.“

Ein Mann in Uniform steht vor einem großen Bildschirm, auf dem eine Präsentation mit einer Weltkarte angezeigt wird. Der Raum wirkt wie ein Seminar- oder Schulungsraum.


Philipp Holzapfel ist Jugendoffizier bei der Bundeswehr.
Bild © Julia Maria Klös (hr)


Und doch bleibt da ein Geschmäckle. Gerade jetzt, wo der neue Wehrdienst eingeführt worden ist und alle wehrpflichtigen Männer ab dem Geburtsjahr 2008 bald einer verpflichtenden Musterung unterzogen werden sollen, stellt sich die Frage, wo neutrale Faktenvermittlung endet und Nachwuchsgewinnung anfängt.

Präsenz der Bundeswehr im zivilen Bereich wächst

Holzapfel steht vor Schülern, die bald entscheiden müssen, was sie mit ihrer Hochschulreife machen. Vielleicht studieren? Holzapfel sagt nebenbei, dass auch das bei der Bundeswehr geht. Er selbst hat an der Universität der Bundeswehr in Hamburg Politikwissenschaft studiert. Auch einen Segelschein hat er gemacht, erfahren die Schüler. Alles bei der Bundeswehr.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor vier Jahren ist mit der Debatte um Aufrüstung und Wehrpflicht auch die Präsenz der Bundeswehr im zivilen Bereich gewachsen. Zuletzt ist etwa auch ein General der Bundeswehr bei der Landwirtschaftlichen Woche Nordhessen aufgetreten. Schon länger wirbt die Truppe in Kinospots, auf Werbetafeln oder beim Hessentag um Nachwuchs.

Und das offenbar mit Erfolg. Im vergangenen Jahr gab es rund 25.000 Neueinstellungen und einen Anstieg beim militärischen Personalbestand auf rund 184.200 Soldatinnen und Soldaten, heißt es von der Bundeswehr. Das sei der höchste Wert seit mehr als einem Jahrzehnt.

GEW kritisiert versteckte Nachwuchswerbung

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wird der Auftritt von Jugendoffizieren an Schulen scharf kritisiert. „Wir denken, es ist verdeckte Nachwuchswerbung. Die kommen, um den Leuten das schmackhaft zu machen“, sagt Heike Ackermann, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW in Hessen.

„Im Hintergrund steht, wo kriegen wir die Leute her, welche Jugendlichen können wir dazu animieren, bei der Bundeswehr einzusteigen“, sagt Ackermann. Politische Bildung sei Sache der Lehrer. Wenn die Bundeswehr komme, dann müssten auch Friedensinitiativen an die Schulen eingeladen werden.

Eine Frau steht vor einem hölzernen Regal mit Büchern und Broschüren. Rechts daneben ist ein Flipchart mit einem roten Banner zu sehen.


Heike Ackermann von der GEW sieht das Engagement von Bundeswehr an Schulen kritisch.
Bild © Julia Maria Klös (hr)


Am Schwalmgymnasium hat Oberstudienrat Andreas Göbel Bundeswehr-Leutnant Holzapfel eingeladen. Einflussnahme? Das sieht er ganz anders. „Wir wollen den Schülern ja gerade die Wirklichkeit, das Leben, zeigen. Und zum Leben gehört die Bundeswehr dazu“, sagt Göbel. In der Vergangenheit habe man auch andere Ansprechpartner zu politischen Diskussionen eingeladen. Die Bundeswehr sei nur ein Puzzleteil.

Schüler haben kein Problem mit Vortrag

Die Schülerinnen und Schüler am Schwalmgymnasium sehen das ähnlich. Gegenüber dem hr äußert sich niemand der Anwesenden ablehnend.

Ein junger Mann sitzt an einem Tisch in einem Klassenraum mit Plakaten an der Wand. Er trägt einen dunklen Pullover und hat die Hände vor sich verschränkt.


Tom Gliewe hat im Schwalmgymnasium schon häufiger Vorträge von der Bundeswehr gehört.
Bild © Julia Maria Klös (hr)


„Wenn es jetzt wirklich so ein Missionieren wäre, dass er nur erzählt, wie gut es bei der Bundeswehr ist, dann fände ich es auch kritisch“, sagt Tom Gliewe. „Aber so hat man sich darauf eingelassen und hat dann gesehen, dass er eben nicht missioniert, sondern einfach nur die Fakten darstellt.“

Eine junge Frau sitzt in einem hellen Raum auf einem Stuhl, während Sonnenlicht in Streifen auf die Wand fällt. Sie trägt einen dunklen Pullover und hat lange, blonde Haare.


Luna Mantz findet es gut, zu erfahren, wie die Bundeswehr arbeitet.
Bild © Julia Maria Klös (hr)


„Wir möchten alle in Sicherheit leben“, sagt Luna Mantz, ihr Freund ist ebenfalls bei der Bundeswehr. „Es ist nicht falsch, zu sagen: ‚Wir geben euch die Sicherheit und wir zeigen euch, wie das funktioniert.'“

Und Schülerin Darja Wölfel sagt: „Ich finde nicht, dass das ein Tabuthema sein sollte, weil es ja zu unserem Alltag gehört.“

Kultusminister Schwarz will Zusammenarbeit mit Bundeswehr ausbauen

Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) sieht in der Arbeit der Jugendoffiziere an Schulen einen wichtigen Beitrag für die Bildung der Schüler in sicherheitspolitischen Fragen. „Die Rückmeldungen aus den Schulen sind wirklich sehr, sehr positiv.“ Er plädiert sogar dafür, das Programm in Abstimmung mit der Bundeswehr weiter auszubauen.

Der Kritik etwa der GEW an verdeckter Nachwuchswerbung entgegnet Schwarz, dass es bei den Vorträgen der Jugendoffiziere ausschließlich um neutrale Informationen gehe.

Weitere Informationen

Jugendoffiziere

Jugendoffiziere gibt es bei der Bundeswehr bereits seit 1958. In Hessen ist der Kooperationsvertrag zwischen dem Land und der Bundeswehr erst vergangenen Sommer verlängert worden. Jugendoffiziere informieren laut Kultusministerium als Referenten über die deutsche Sicherheitspolitik. Ihr Angebot richtet sich unter anderem an Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen neun bis 13. Zur Kooperation zählen auch Truppenbesuche von Schülern etwa beim Kampfhubschrauberregiment in Fritzlar.

Ende der weiteren Informationen

Schwarz betont die Freiwilligkeit des Programms für Schulen, die Jugendoffiziere kämen nur nach Einladung. Gleichzeitig wirbt er dafür, die Angebote der Bundeswehr zu nutzen. „Wenn wir uns nicht selbst verteidigen wollen, wer soll es dann für uns tun?“, fragt Schwarz. „Insofern ist das eine Grundsatzfrage, die auch mit jungen Menschen besprochen werden kann.“

GEW will Schüler zu Friedensausstellung auf Hessentag einladen

Für Heike Ackermann von der GEW ist das kein Argument für Bundeswehr-Offiziere an Schulen. „Krieg ist schrecklich. Und in der momentanen Situation kann es auf jeden Fall sein, dass diese Jugendlichen, die dann dort zur Bundeswehr gehen, in den Krieg müssen.“

Man wolle deshalb selbst eine andere Perspektive hinzufügen. Beim diesjährigen Hessentag in Fulda werde es nicht nur eine Schau der Bundeswehr geben, sondern auch eine Friedensausstellung mit dem Namen „Krieg, Frieden, ich“.

Zu dieser Ausstellung will die GEW die Schülerinnen und Schüler in Hessen einladen. „Weil die GEW einfach den Lehrerinnen und Lehrern und den Kindern die Möglichkeit geben möchte, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.“

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