Kultur

„Drachen“ im Landesmuseum: Klagenfurter Lindwurm-Schädel erstmals in Deutschland

„Drachen“ im Landesmuseum: Klagenfurter Lindwurm-Schädel erstmals in Deutschland

Jahrhunderte lang galt er als Beweis dafür, dass es Drachen wirklich gegeben haben könnte: der berühmte Lindwurm-Schädel aus Klagenfurt. Jetzt hat das Exponat erstmals Österreich verlassen und ist für die neue Drachen-Ausstellung im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt angekommen.

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Bild © Max Kleemann / hr|
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Behutsam und vorsichtig wird die Transportkiste aus dem Landesmuseum Kärnten geöffnet. In ihr, ein Artefakt, das wohl auch aus einem „Indiana Jones“-Film stammen könnte. Vorsichtig lösen die Kuratoren des Hessischen Landesmuseums Darmstadt die Verpackung, bis das massive Fossil vollständig freiliegt – ein Drachenschädel-Fossil. Am Dienstagmorgen ist damit eines der wichtigsten Exponate für die neue Ausstellung „Drachen – Mythos und Wirklichkeit“ angekommen.

„Wir sind hier in der glücklichen Lage, dass wir den Lindwurm zum ersten Mal außerhalb Österreichs bringen durften“, sagt Ausstellungskurator Dominik Hennhöfer. Dass der Schädel überhaupt ausgeliehen werden konnte, ist eine Ausnahme.

Normalerweise verlasse das Stück Klagenfurt nicht, erklärt Hennhöfer. Weil dort derzeit im Ausstellungsbereich umgebaut werde, habe sich allerdings eine einmalige Gelegenheit ergeben. Im Gegenzug erhält das Kärntner Landesmuseum ein 3D-Modell des Schädels. Nach seinem Aufenthalt in Darmstadt soll das Original noch in Köln gezeigt werden.

Vom Drachenschädel zum Wollnashorn

Berühmt ist das Exponat vor allem wegen seiner Geschichte. 1335 wurde der Schädel nördlich von Klagenfurt entdeckt. Das passte erstaunlich gut zu einer alten Gründungssage der Stadt: Demnach soll in den Sümpfen rund um Klagenfurt einst ein Lindwurm gelebt haben, der Menschen und Tiere fraß. Erst mit einer List sei das Ungeheuer getötet worden.

Als Jahrhunderte später der gewaltige Schädel gefunden wurde, schien die Sache für die Menschen klar. „Das war klar, das muss der Drachenschädel sein. Somit war die Sage wahr“, beschreibt Hennhöfer die damalige Vorstellung.

Das Schädelfossil eines Wollnashorns, das lange als Lindwurm-Drachenschädel interpretiert wurde


Das Schädelfossil eines Wollnashorns, das lange als Lindwurm-Drachenschädel interpretiert wurde
Bild © Max Kleemann / hr


Mehrere Jahrhunderte wurde der vermeintliche Drachenschädel im Klagenfurter Rathaus aufbewahrt. Erst 1840 erkannte ein Grazer Paläontologe, was tatsächlich hinter dem Fund steckte: der Schädel eines Wollhaarnashorns. Die Tiere lebten während der Eiszeit auch im südlichen Alpenvorland. „Was das Stück hier besonders macht, ist nicht unbedingt seine paläontologische Bedeutung, sondern seine Geschichte für die Stadt Klagenfurt“, sagt Hennhöfer.

Bis heute prägt der Fund das Bild der Stadt: Der Lindwurm steht im Klagenfurter Wappen und als große Skulptur auf dem Lindwurmbrunnen. Sogar dessen Gestalt weist laut Hennhöfer Spuren des Missverständnisses auf: Die vergleichsweise runden Formen des Drachen seien an den Schädel des Pflanzenfressers angelehnt.

Als Drachen noch als echte Tiere galten

Dass Menschen einen ungewöhnlichen Knochenfund für die Überreste eines Drachen hielten, war im Mittelalter keineswegs abwegig. Drachen gehörten für viele Menschen zum vorstellbaren Tierreich.

„Wir haben immer wieder Reiseberichte, die nahelegen, dass in fernen Ländern an versteckten Orten tatsächlich Drachen leben würden“, erklärt Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Volontärin Carina Koch. Ihnen wurden Eigenschaften wie Fliegen, Feuerspeien oder ein giftiger Atem zugeschrieben. Auf Bildern kämpften Drachen mit Löwen oder Elefanten, wie andere besonders mächtige Tiere auch.

Der Klagenfurter Lindwurmbrunnen


Der Klagenfurter Lindwurmbrunnen. Der Kopf des Drachen ist dem des Wollnashorn-Fossils nachempfunden
Bild © Sabrina Dobernig / Kaernten.at


Im christlich geprägten Europa bekam der Drache zugleich eine starke symbolische Bedeutung. „Die Bibel ist natürlich einer der wichtigsten Texte des Mittelalters. Dort tritt ein Drache vor allem als Symbol des Bösen auf, als Widersacher gegen Gott und die Heiligen“, sagt Koch. Deshalb begegnen Drachen in der mittelalterlichen Kunst häufig Heiligen, die sie besiegen. In der Darmstädter Ausstellung ist etwa ein Altarbild aus dem 15. Jahrhundert zu sehen, auf dem der Erzengel Michael einen Drachen bezwingt.

Drachen als Projektionsfläche

Drachen sind allerdings deutlich älter als die europäischen Rittergeschichten. Die Ausstellung blickt deshalb auch weit über das Mittelalter und Europa hinaus. Zu sehen sind unter anderem Objekte aus China, die bis ins 12. Jahrhundert vor Christus zurückreichen.

Drachenvorstellungen finden sich auch in Japan und Korea. „Das ist definitiv nicht nur an einen geografischen Raum oder an eine Epoche gebunden“, sagt Koch. Im Westen denke man heute vor allem an den klassischen Drachenkampf mit einem Ritter, tatsächlich ziehe sich das Wesen aber durch ganz unterschiedliche Kulturen und große Teile der Menschheitsgeschichte.

Jean de Mandeville, Reysen und wanderschafften durch das Gelobte Land, deutsch von Otto von Diemeringen: Johannes Prüss, Straßburg, 1484


Jean de Mandeville, Reysen und wanderschafften durch das Gelobte Land, deutsch von Otto von Diemeringen: Johannes Prüss, Straßburg, 1484
Bild © Museum Schnütgen / USB Köln


Warum ausgerechnet Drachen so langlebig sind, lässt sich nicht auf einen einzigen Ursprung zurückführen. Häufig verbinden sie Merkmale verschiedener realer Tiere, etwa von Schlangen, Echsen, Raubtieren oder Vögeln. Koch sieht darin auch den Versuch, Unerklärliches greifbar zu machen. Drachen seien „eine Projektionsfläche für verschiedene Wünsche des Menschen“. Sie könnten fliegen, Feuer speien oder in ostasiatischen Traditionen sogar Wind und Regen beeinflussen: Also Dinge tun und Naturkräfte beherrschen, die für Menschen unerreichbar waren.

Vom Drachenstein bis zum präparierten Rochen

Wie schnell aus ungewöhnlichen Gegenständen vermeintliche Beweise für Drachen werden konnten, zeigt die Ausstellung noch an weiteren Beispielen. Dazu gehört die Kopie eines sogenannten Drachensteins aus Luzern. Einer Überlieferung zufolge soll dort ein Drache über einen Bauern geflogen sein und eine blutige Kugel fallen gelassen haben. Für die Menschen war auch hier die Erklärung schnell gefunden: Der Stein müsse aus einem Drachen stammen. Das Original gilt heute als so bedeutend, dass es für die Ausstellung nicht ausgeliehen wurde.

Der getrocknete Rochen wurde so präpariert, bis er wie ein Drachenfossil aussah


Der getrocknete Rochen wurde so präpariert, bis er wie ein Drachenfossil aussah
Bild © Max Kleemann / hr


Noch kurioser ist ein Exponat aus den Niederlanden: ein getrockneter Rochen, der so bearbeitet wurde, dass er wie ein kleiner Drache aussieht. Solche Stücke wurden früher offenbar gezielt hergestellt und als vermeintliche Drachen präsentiert. Genau diesen Wandel von Glauben zu Wissenschaft will die Ausstellung nachzeichnen.

Noch in frühen naturkundlichen Büchern wurde der Drache neben realen Tieren aufgeführt. Später begannen Gelehrte, die Berichte zunehmend anzuzweifeln. Hennhöfer beschreibt diesen Übergang so: Zunächst sei der Drache noch selbstverständlich neben „Katze, Hund, Krokodil“ eingeordnet worden. Irgendwann habe sich die entscheidende Erkenntnis durchgesetzt: „Eigentlich haben wir noch nie einen gesehen.“

Weitere Informationen

„Drachen – Mythos und Wirklichkeit“

Die Sonderausstellung „Drachen – Mythos und Wirklichkeit“ läuft vom 2. Oktober bis zum 17. Januar 2027 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Neben Fossilien und mittelalterlichen Kunstwerken widmet sie sich auch ostasiatischen Drachenvorstellungen und der modernen Popkultur.

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Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/drachen-im-landesmuseum-klagenfurter-lindwurm-schaedel-erstmals-in-deutschland-v1,lindwurm-darmstadt-100.html

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