Ein Bunker voller Sprengstoff zwischen geschützter Natur, Wanderweg und Kuhweiden: Ein Schweizer Unternehmen plant im hessischen Westerwald ein Lager für gewerbliche Explosivstoffe. Im Driedorfer Ortsteil Waldaubach sorgt das für Diskussionen.
Es ist die pure Idylle, hier im Dreiländereck an der hessischen Landesgrenze im Lahn-Dill-Kreis: eine grüne Wiese, auf der im Sommer Kühe grasen, umgeben von Wald mit weitem Blick über die Landschaft. Nur wenige Hundert Meter entfernt verläuft der Rothaarsteig-Wanderweg. Eine Infotafel informiert: Hier lebt auch der Blauschillernde Feuerfalter, ein seltener Schmetterling.
Doch in einigen Jahren könnte sich das Bild verändern. Auf der Fläche am Ortsrand von Driedorf-Waldaubach könnte ein Logistikzentrum der besonderen Art entstehen: ein Lager für gewerbliche Sprengstoffe mit hohen Sicherheitsvorkehrungen.
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02:58 Min.|Eva Roessler
Das Schweizer Unternehmen Société Suisse des Explosifs (SSE) möchte auf einer Fläche von rund zwei bis drei Fußballfeldern einen neuen Standort errichten. Geplant sind ein Bunker und mehrere Silos zur Lagerung verschiedener Sprengstoffkomponenten. Die Stoffe sollen nicht für Waffen genutzt werden, sondern für industrielle Anwendungen, etwa in Steinbrüchen oder bei Bauprojekten.
Am Dienstag wurde die mögliche Ansiedlung im Driedorfer Gemeindeparlament diskutiert. Eine Entscheidung darüber wurde jedoch vertagt. Zunächst soll in den entsprechenden Ausschüssen darüber beraten werden.
Schwierige Suche nach neuem Standort
Hintergrund ist, dass die deutsche Niederlassung von SSE im nahegelegenen Burbach in Nordrhein-Westfalen zwar bereits ein solches Lager betreibt. Diesen Standort muss das Unternehmen jedoch mittelfristig aufgeben.
Der bisherige Standort gehört dem Unternehmen Dynamit Nobel Defence (DND), das dem staatlichen israelischen Rüstungskonzern Rafael gehört. DND habe nun Eigenbedarf angemeldet, berichtet SSE-Standortleiter Frank Eichelberger. In etwa acht Jahren müsse das Unternehmen die Fläche verlassen. Laut Eichelberger sei das eine direkte Folge der derzeit stark gestiegenen israelischen Rüstungsproduktion.
Die Grenzregion zwischen Siegerland und Westerwald ist seit mehr als 100 Jahren mit der Sprengstoffindustrie verbunden. 1903 entstand in Burbach-Würgendorf eine Sprengstofffabrik, die zunächst den Bergbau belieferte und später auch militärische Produkte herstellte. Nach der Zerschlagung der Dynamit Nobel AG im Jahr 2004 gingen daraus mehrere Nachfolgeunternehmen hervor: Aus der militärischen Sparte entwickelte sich die heutige Dynamit Nobel Defence, die zum israelischen Rüstungskonzern Rafael gehört. Die zivile Sparte wurde Teil der Schweizer SSE-Gruppe, die gewerbliche Sprengstoffe für Steinbrüche, den Bergbau und Bauprojekte herstellt und vertreibt.
Sprengstoffindustrie in der Region
Die Grenzregion zwischen Siegerland und Westerwald ist seit mehr als 100 Jahren mit der Sprengstoffindustrie verbunden. 1903 entstand in Burbach-Würgendorf eine Sprengstofffabrik, die zunächst den Bergbau belieferte und später auch militärische Produkte herstellte. Nach der Zerschlagung der Dynamit Nobel AG im Jahr 2004 gingen daraus mehrere Nachfolgeunternehmen hervor: Aus der militärischen Sparte entwickelte sich die heutige Dynamit Nobel Defence, die zum israelischen Rüstungskonzern Rafael gehört. Die zivile Sparte wurde Teil der Schweizer SSE-Gruppe, die gewerbliche Sprengstoffe für Steinbrüche, den Bergbau und Bauprojekte herstellt und vertreibt.
Seit rund zwei Jahren suche die SSE deshalb nach einem Ersatzstandort. Mehr als 50 Flächen habe das Unternehmen geprüft, bislang jedoch ohne Erfolg. Auch ehemalige militärische Anlagen seien in Betracht gezogen worden. „Es wäre aus Kostengründen natürlich besser, einen bestehenden Bunker zu nutzen, als einen neuen zu bauen“, sagt Eichelberger.
Doch geeignete Flächen seien kaum verfügbar. Vieles sei bereits verpachtet, anderweitig genutzt oder werde wieder von der Bundeswehr benötigt.
Versorgung von Steinbrüchen in der Region
Für die SSE geht es nach eigenen Angaben um die Zukunft von knapp 25 Beschäftigten und die Versorgung von rund 60 Steinbrüchen in der Region. Täglich seien die Spezialteams vom jetzigen Standort aus zu sechs bis sieben Einsätzen in einem Radius von 180 Kilometern unterwegs.
Für die Lagerung der Stoffe gibt es laut SSE strenge Sicherheitsvorschriften: Die einzelnen Komponenten dürfen erst am Einsatzort in Kontakt miteinander kommen. Sie müssen getrennt gelagert und in Spezialfahrzeugen transportiert werden. Zudem gelten für die Lagerung Mindestabstände zu Straßen und Wohngebäuden.
Diese Voraussetzungen wären laut Standortleiter Eichelberger am Waldrand von Waldaubach gegeben. Für das Unternehmen sei das Grundstück in Driedorf die letzte Hoffnung, den Standort in der Region halten zu können.
Gemeinde sieht Chancen und Herausforderungen
Die Fläche gehört der Gemeinde Driedorf. Bürgermeister Simon Rompf (unabhängig) berichtet, dass das Sprengstoff-Unternehmen bereits im vergangenen Jahr auf die Gemeinde zugekommen sei. Mehrere Standorte seien geprüft worden, viele aber wegen der Topografie oder laufender Forstförderprogramme ausgeschieden. „Am Ende blieb diese eine Fläche übrig“, so Rompf.
Ein Vorteil sei dort etwa die Nähe zu einer Kreisstraße. Lieferfahrzeuge könnten das Gelände direkt anfahren, ohne durch den Ort fahren zu müssen.
Der Bürgermeister sieht sowohl Chancen als auch Herausforderungen für Driedorf. Tourismus und Naherholung hätten für die Gemeinde einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig sei wie vielerorts auch hier die Haushaltslage angespannt. Die Gemeinde rechne in diesem Jahr mit einem Defizit von rund 1,2 Millionen Euro.
Die erwarteten Gewerbesteuereinnahmen von etwa 80.000 Euro pro Jahr würden dieses Problem zwar nicht lösen, könnten aber die Gemeindekasse entlasten. Hinzu komme die Aussicht auf Arbeitsplätze, die in der Gemeinde entstehen könnten.
In Gesprächen habe er im Ort sowohl Zustimmung als auch Ablehnung wahrgenommen. „Ich selbst stehe total offen dazu“, sagt Rompf. Sollte sich eine Mehrheit in Driedorf gegen die Ansiedlung aussprechen, müsse dies akzeptiert werden.
Landwirt sieht Standort kritisch
Direkt betroffen wäre Landwirt Felix Busemann. Seine Familie pachtet die betroffene Fläche seit mehr als zehn Jahren von der Gemeinde. „Für uns ist das eine hofnahe Fläche. Es wäre schon schade, die zu verlieren“, sagt Busemann. Wirtschaftlich könne der Biomilchviehbetrieb den Verlust aber wohl verkraften.
Busemann beschreibt die Fläche als „landschaftlich bemerkenswert schön“. Sie habe sowohl für den Tourismus als auch für den Naturschutz einen besonderen Wert – etwa als Lebensraum für den Blauschillernden Feuerfalter.
Sicherheitsbedenken habe er zwar nicht, meint der Landwirt. „Aber es bleibt nun mal Sprengstoff“, sagt er. Gleichzeitig habe er Verständnis für die Situation des Unternehmens. Auch ein solches Lager müsse schließlich irgendwo untergebracht werden.
„Ich fände es gut, wenn noch einmal abgelegene Flächen im Forstbereich intensiver geprüft werden“, fordert Busemann. In der Region gebe es zahlreiche brachliegende Flächen ehemaliger Fichtenbestände, die durch den Borkenkäfer stark geschädigt worden seien.
Ortsvorsteher ist gegen Ansiedlung
Klare Kritik äußert Waldaubachs Ortsvorsteher Christoph Etz (Unabhängige Liste Waldaubach). Er bezeichnet die Fläche ebenfalls als besonders naturnahen Bereich, der erhalten werden sollte.
Besonders wichtig sei ihm zudem der nahegelegene Wanderweg, der nur rund 800 Meter vom geplanten Lager entfernt verlaufe. „Ich persönlich sehe das sehr, sehr kritisch“, meint Etz. „Und ich habe auch schon viele andere Stimmen gehört, die dagegen sind.“

Die Fläche in Driedorf-Waldaubach gilt in der Region als beliebtes Wanderziel.
Bild © Eva Roessler (hr)
Der Ortsbeirat hat inzwischen eine gemeinsame Stellungnahme formuliert. Diese wurde bei der Sitzung der Gemeindevertretung an diesem Dienstag vorgestellt.
Gemeindeparlament vertagt Entscheidung
Bei einer Beratung im Gemeindeparalement am Dienstag wurde laut Markus Topitsch (CDU), dem Vorsitzender der Gemeindevertretung, zunächst keine Entscheidung für oder gegen die Ansiedlung getroffen. Es hätten noch Unterlagen gefehlt, etwa die Stellungnahme des Ortslandwirts, als Interessenvertreter der lokalen Landwirte.
Man habe die Entscheidung vertagt und das Thema zunächst in den Haupt- und Finanzauschuss sowie den Bau- und Umweltausschuss zur weiteren Erörterung verwiesen, so Topitsch. Ein Termin für eine Abstimmung stehe bislang noch nicht fest.
Sollte die Gemeindevertretung der Ansiedlung schlussendlich zustimmen, wäre sie damit allerdings noch nicht in trockenen Tüchern. Es stünden dann umfangreiche Gutachten sowie ein Genehmigungsverfahren an. Da die Fläche laut HLNUG-Karten in einem ausgewiesenen Natura 2000-Gebiet liegt, wäre zudem eine entsprechende Verträglichkeitsprüfung vorgeschrieben.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/driedorf-schweizer-firma-plant-sprengstofflager—entscheidung-vertagt-v2,sprengstofflager-driedorf-100.html


