Verkehr

Explosionen in Rhein-Main: Kriminologin sieht Verbindung zu organisiertem Drogenhandel

Explosionen in Rhein-Main: Kriminologin sieht Verbindung zu organisiertem Drogenhandel

Kriminelle Netzwerke werben für Gewalttaten immer häufiger Minderjährige an. Nach den jüngsten Explosionen in Frankfurt weist vieles auf „Dienstleistungstaten“ hin – und auf den organisierten Drogenhandel, in dem die Härte zunimmt.

Audiobeitrag
Bild © hessenschau.de|
zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

Nach mehreren Explosionen im Rhein-Main-Gebiet in den vergangenen Tagen sieht die Staatsanwaltschaft „gewichtige Anhaltspunkte“ für einen Zusammenhang mit dem, was die Polizei „Violence as a Service“ („Gewalt als Dienstleistung“) nennt – und für Bezüge zur Organisierten Kriminalität.

Innenminister Roman Poseck (CDU) sagte am Freitag: „Organisierte Kriminalität hat eine neue Dimension erreicht, wenn gezielt Explosionen eingesetzt werden, um andere, die nicht selten selbst in kriminelle Machenschaften verstrickt sind, einzuschüchtern und zu bedrohen.“

Machtkämpfe im Drogenhandel

Auch die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg sieht mit dem Phänomen „Violence as a Service“ eine neue Dimension im organisierten Drogenhandel erreicht. Zwar müssten die strafrechtlichen Ermittlungen im Einzelnen abgewartet werden, doch legten Taten wie die jüngsten Explosion in Frankfurt und Offenbach „ganz stark den Verdacht nahe, dass wir es mit dem organisierten Drogenhandel zu tun haben“, sagte Bannenberg.


Die Kriminologin Britta Bannenberg. (Archivfoto)
Bild © picture-alliance/dpa


In Europa werde der Kokainhandel zunehmend zum großen Problem. Das bedeute, dass es auch Auseinandersetzungen zwischen Banden, Gangs und Gruppen gebe, die manchmal auch mit Gewalt ausgetragen würden, sagte die Professorin, die an der Justus-Liebig-Universität unter anderem zur Organisierten Kriminalität forscht. 

Handelsverband besorgt nach Anschlagsserie

„Wir haben Sprengstoffanschläge, wir haben Brandanschläge, wir haben aber auch Mordanschläge mit Schusswaffen oder mit anderen Tatmitteln, und zwar im öffentlichen Raum oder in bestimmten Lokalitäten – Bars, Cafés, Shisha-Bars, Wettbüros. Das fällt auf“, sagte Bannenberg.

Händler sind nach der Serie von Explosionen besorgt. „Wir schauen mit Erschrecken auf die Situation“, sagte der Präsident des Handelsverbands Hessen, Jochen Ruths, am Freitag.

Auch der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße, Kaweh Nemati, sagte: „Wir erwarten daher von der Stadt Frankfurt und den politisch Verantwortlichen, dass der Sicherheit unserer Einkaufsstraßen deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird.“ 

Am Donnerstagmorgen hatte es auf der Berger Straße im Frankfurter Stadtteil Nordend und auf der Zeil in der Innenstadt Detonationen gegeben, ebenso wie in den vergangenen Tagen bereits zweimal in Frankfurt und einmal in Offenbach. In allen Fällen gab es keine Verletzten, aber erheblichen Sachschaden. Ob zwischen den insgesamt fünf Taten ein Zusammenhang besteht, wird ermittelt.

„Fasziniert von der Selbstdarstellung krimineller Gangs“

Bei „Violence as a Service“ (VaaS) werben laut Ermittlern kriminelle Netzwerke meist junge Menschen per Messenger-Dienst an, die dann Gewalttaten gegen Bezahlung begehen.

Bannenberg sagte: „Jugendliche aus bestimmten sozial prekären Verhältnissen sind zum Teil unglaublich fasziniert von der Selbstdarstellung krimineller Gangs im Internet, über die Rapper-Szene, über bestimmte Rocker-Strukturen und wollen einfach dazugehören, wollen dort ihren Weg sehen.“

Schusswaffen im öffentlichen Raum

Relativ neu sei, dass auch Schusswaffen im öffentlichen Raum eingesetzt und Explosionen in den frühen Morgenstunden herbeigeführt würden, sagte Bannenberg: „Es liegt eben nahe, den Blick in die Niederlande oder nach Schweden zu richten oder eben auch in andere europäische Länder, wo diese Form von Auseinandersetzungen im Rahmen der Organisierten Kriminalität schon länger ein Problem darstellen.“

Das scheine eben auch Deutschland jetzt erreicht zu haben und insbesondere auch Hessen. 

Schwerpunkt Rhein-Main-Gebiet

Anhand von Medienberichten über mögliche Verdachtsfälle aus diesem Kriminalitätsbereich seien Schwerpunkte im Rhein-Main-Gebiet und insbesondere im Frankfurter Raum auszumachen, aber auch im Gießener Bereich oder in Kassel. „Wir haben überall ein Aufpoppen solcher Verdachtstaten“, sagte Bannenberg.

Es handele sich aber nicht um ein hessisches, sondern deutschlandweites Phänomen mit unterschiedlichen Verteilungen. „Berlin ist stärker belastet, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen als vielleicht manch andere Bundesländer. Also wir haben eine neue Entwicklung, die man in der genauen Aufklärung erst einmal genauer anschauen muss.“

Kriminologin: „sehr häufig“ minderjährige Niederländer

Neu sei auch, dass es sich bei den bislang ermittelten Tatverdächtigen „sehr häufig“ um minderjährige Niederländer oder Minderjährige aus anderen Ländern handele. „Und das hat natürlich damit zu tun, dass wir hier eine neue Rekrutierungspraxis über die sozialen Medien feststellen“, sagte Bannenberg.

Im Zusammenhang mit den jüngsten Taten in Frankfurt wurden zwei Jugendliche im Alter von 15 und 17 Jahren festgenommen.

Poseck zieht Vergleich zu Automatensprengungen

Innenminister Poseck sagte: „Da Spuren immer wieder in die Niederlande führen, werden wir die Zusammenarbeit mit den dortigen Sicherheitsbehörden intensivieren.“

Weil es sich um ein deutschlandweites Phänomen handle, werde er das Thema auch in die nächste Innenministerkonferenz einbringen, kündigte er an. „Der sehr erfolgreiche Kampf gegen Geldautomatensprengungen macht mich zuversichtlich, dass auch der Kampf gegen das Phänomen ‚Violence as a Service‘ erfolgreich sein wird.“

Weitere Informationen

hessenschau.de als bevorzugte Quelle bei Google

Smartphone mit hessenschau-App vor Bildschirm mit Google-Schriftzug

Bild © hessenschau.de


Mit einer neuen Funktion zeigt Ihnen Google mehr hessenschau.de-Artikel an. Legen Sie jetzt hessenschau.de als „bevorzugte Quelle“ fest.

Ende der weiteren Informationen

Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/explosionen-in-rhein-main-kriminologin-sieht-verbindung-zu-organisiertem-drogenhandel-v1,kriminologin-drogenhandel-explosionen-100.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert