Mit batterieelektrischen Zügen will der Nordhessische Verkehrsverbund den ÖPNV nachhaltiger machen. Doch wie gut funktioniert die Technik auf der Strecke? Bei einer Testfahrt ging es um Kosten, Reichweite und den Komfort für Fahrgäste.
„Watt ’ne Fahrt!“ – mit diesem Slogan sind ab Oktober drei geleaste BEMUs in Nordhessen unterwegs. Was sich anhört wie ein Vogel aus Übersee, ist eine Abkürzung für „Battery Electric Multiple Unit“, auf Deutsch: Batterieelektrischer Zug.
Audio
00:39 Min.|Michael Przibilla
Die Beschleunigung geschieht leise, das Fahrzeug gleitet bei einer Probefahrt am Mittwoch mit einer angenehmen Laufruhe durch die nordhessische Landschaft. Nur das Rollen auf den Schienen hört und spürt man. Zügig geht es raus aus Kassel – noch mit Strom aus der Oberleitung.
Doch ab Wabern (Schwalm-Eder) geht es mit Akku weiter. Den Wechsel der Energieversorgung bemerkt man als Fahrgast nicht auf den bequemen petrol-anthrazitfarbenen Sitzen. Es gibt Vierersitzgruppen, an den Einzelsitzen sind kleine Klapptische – fast wie im ICE. 122 Sitzplätze sind es insgesamt – und damit mehr als in herkömmlichen Diesel-Triebzügen.
Bequeme Sitze mit kleinen Tischen: fast wie im ICE.
Bild © Stefanie Küster (hr)
Oberleitung oder Akku
Drei dieser blau-grünen Akku-Züge sind ab Oktober im Gebiet des Nordhessischen Verkehrsverbunds (NVV) unterwegs und ersetzen dieselbetriebene Fahrzeuge. Das Besondere: Sie fahren auf elektrifizierten Strecken mit Strom aus der Oberleitung. Dabei laden sie ihre Akkus auf.
So können sie dann auf Strecken ohne Elektrifizierung mit der gespeicherten Energie umweltfreundlich weiterfahren. Fossile Brennstoffe brauchen sie gar nicht mehr. Ähnlich wie E-Autos wandeln sie ungenutzte Energie – beispielsweise beim Bremsen oder durch Wärme – um. Diese technische Rückgewinnung wird Rekuperation genannt.
Ziel: Abkehr von fossiler Energie auf der Schiene
NVV-Chef Marian Volmer betonte bei einem Pressetermin am Mittwoch die Bedeutung des auf fünf Jahre angelegten Tests. Ziel sei, eine Dekarbonisierung auch auf der Schiene zu schaffen. Wenn der Test gelinge, brauche man deutlich weniger Strecken mit Oberleitung, als derzeit geplant.
Die Lösung mit den BEMUs könne im laufenden Betrieb deutlich günstiger sein, sagt Volmer. Das spare den Ländern Investitionskosten und „im Endeffekt auch Steuergelder“.
Kosten für Testbetrieb unbekannt
Die Leasing-Kosten für die neuen Fahrzeuge teilen sich die Verkehrsverbünde je nach Kilometerleistung, erklärt Volmer. Dabei hätten NVV und RMV den größten Anteil. Ein kleinerer Posten entfällt auf Nordrhein-Westfalen. Genaue Zahlen wollten aber weder NVV-Chef Volmer noch die DB Regio nennen.
Mit den neuen Fahrzeugen könne jeder dritte Dieselzug ersetzt werden, berichtet Thorge Bockholt, der für den NVV das Verkehrsangebot Bahn leitet. 120 Kilometer schaffen die Fahrzeuge mit einer Akkuladung, für die Strecke bis nach Bad Wildungen reichen 40.
Drei Verkehrsverbünde, ein Projekt
Zunächst sind die drei Siemens-Fahrzeuge auf den Strecken der RB38 und RE/RB39 der Kurhessenbahn unterwegs. Die Linien verkehren stündlich zwischen Bad Wildungen in Waldeck-Frankenberg und dem Hauptbahnhof in Kassel.
Künftig sollen die Fahrzeuge dann auf weiteren Strecken eingesetzt werden, beispielsweise von Kassel nach Schwalmstadt sowie von Marburg nach Bad Laasphe in Nordrhein-Westfalen.
Mit im Boot sind neben dem NVV deshalb auch der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL). Beide Verbünde testen batterieelektrische Züge bereits seit dem vergangenen Jahr.
70 Prozent weniger Energieverbrauch
RMV-Geschäftsführer André Kavai verwies auf gute erste Erfahrungen mit den Batteriezügen auf der Ländchesbahn zwischen Niedernhausen (Rheingau-Taunus) und Wiesbaden. Gemeinsam mit NVV und NWL wolle man jetzt erproben, wie sich die Fahrzeuge „zuverlässig und wirtschaftlich im Regelbetrieb einsetzen lassen“.
Erste Erkenntnisse auf der Strecke zeigen: Der Energieverbrauch liegt in den Tests laut Hessischer Landesbahn „rund 70 Prozent unter denen von Dieselfahrzeugen“. Grund dafür sei vor allem die Rückspeisung von Energie beim Bremsen.
MWL-Vorständin Christiane Auffermann sieht in den Akku-Zügen „ein starkes Signal an die Menschen in der Region“. Innovation finde nicht nur in den Metropolen statt.

Gruppenbild mit Minister Kaweh Mansoori (Mitte): Vertreterinnen und Vertreter der Verkehrsverbünde, aus Kommunen und Landkreisen freuen sich über den Start der Akku-Triebwagen.
Bild © Stefanie Küster (hr)
Herausforderungen: Winterbetrieb und die nordhessische Topographie
Den Testbetrieb habe man bewusst auf fünf Jahre ausgelegt, erklärt der NVV-Chef. So wolle man sämtliche Erfahrungswerte sammeln – vor allem aus mehreren Wintern.
Denn dann laufe die Heizung des Fahrzeugs im Vollbetrieb – es müsse gesichert sein, dass die Akkus das schaffen. Dazu komme die anspruchsvolle Topographie in Nordhessen.
NVV-Chef: E-Antrieb wird günstiger
Der NVV-Chef erwartet, dass batterieelektrische Züge künftig deutlich günstiger in der Anschaffung werden – vor allem im Vergleich zu Dieselfahrzeugen. Eine ähnliche Entwicklung habe man bereits im Busbereich beobachtet, so Volmer. Dieser Trend sei auch auf der Schiene erkennbar.
Würden mehr dieser Züge eingesetzt, könne man die Investitionen für Oberleitungen herunterfahren. „Dann hätten wir unser Ziel erreicht, weil wir nicht mehr in Infrastruktur investieren müssen.“ Das spare perspektivisch Kosten für die Länder und für den Steuerzahler.

Eine barrierefreie Zugtoilette mit Wickeltisch.
Bild © Stefanie Küster (hr)
Keine Extra-Förderung vom Land
Für das Pilotprojekt gibt es jenseits der Finanzierung der Verkehrsverbünde keine Extra-Förderung durch das Land Hessen. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) zeigte sich am Mittwoch dennoch begeistert von der Technik des Siemens-Fahrzeugs – auch mit Blick auf die Zukunft.
Die Akku-Flotte sei ein gutes Zeichen für die Verkehrswende, so Mansoori, und biete eine gute Alternative für die Regionen, in denen man kurzfristig keine Oberleitungen umsetzen könne. Bei der Elektrifizierung gehe es zum einen darum, das Klima zu schützen und den kommenden Generationen eine intakte Welt zu hinterlassen, aber auch darum, Verkehr kostengünstig anzubieten.

Vom Bahnhof Wilhelmshöhe geht es direkt zurück in den Hauptbahnhof.
Bild © Stefanie Küster (hr)
„Die Batteriezüge stellen einen wichtigen Lückenschluss im Verkehrsnetz in Hessen dar“, sagt Mansoori. Es brauche eine Vielfalt an Technologien, um Menschen verlässlich, sauber und bezahlbar durch Hessen zu fahren.
Nach der ersten Fahrt bis Fritzlar geht es an diesem Mittwoch direkt wieder zurück in den Kasseler Hauptbahnhof. Nur noch wenige Wochen, dann können alle Menschen in Nordhessen den neuen Akku-Zug testen. Einige haben ihn schon auf seiner Jungfernfahrt beobachtet – und schnell ein Foto gemacht.
Quelle: https://www.hessenschau.de/wirtschaft/fuenf-jahre-langzeittest-koennen-solche-akku-zuege-den-diesel-verdraengen-v1,batterieelektrische-zuege-nordhessen-100.html


