Einmal im Monat tauscht Christian Schäfer die Kanzel gegen die Kellnerschürze. Im Kasseler Allee Café sucht der evangelische Pfarrer den Kontakt zu Menschen außerhalb seiner Gemeinde. Dort bekommt er auch zu hören, was sie an der Kirche stört.
Pfarrer Christian Schäfer nimmt im Allee Café in Kassel die Bestellung auf.
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„Ich nehm so ’nen Tränchenkuchen.“ – „Ich einen Milchkaffee.“ – „Mit Hafer- oder Kuhmilch?“ Ganz normaler Cafébetrieb an einem Mittwochnachmittag in Kassel. Fast jedenfalls. Denn der Mann, der die Bestellungen aufnimmt und wenig später mit Kaffee und Kuchen zurückkommt, ist Pfarrer.
Christian Schäfers eigentlicher Arbeitsplatz ist die evangelische Christuskirche in Kassel-Wilhelmshöhe. Einmal im Monat tauscht der 43-Jährige aber nun Kanzel gegen Kellnerschürze und hilft im Allee Café aus. Nicht, weil er sich etwas dazuverdienen will. Sondern weil er dort Menschen begegnet, die er in der Kirche womöglich nie treffen würde.

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Ein Pfarrer, der auch mal die Sahne vergisst
Dass Schäfer nicht vom Fach ist, merkt man an diesem Nachmittag gelegentlich. „Den hab ich eigentlich mit Sahne bestellt“, sagt eine Kundin. Schäfer muss lachen. Er habe nicht gewusst, wie man die Sahne in das Kassensystem „bongt“ – und sie deshalb vergessen. Er verspricht, sie nachzubringen.
Für seinen Einsatz hat sich Schäfer trotzdem ordentlich vorbereitet: Er hat sich in die Kaffeemaschine einweisen lassen und eine Hygieneschulung absolviert. Vor allem aber bringt er etwas mit, das nicht auf der Speisekarte steht: Zeit zum Zuhören.
Und tatsächlich entstehen schnell Gespräche, die über Kaffee und Kuchen hinausgehen. Eine Frau erzählt Schäfer etwa, dass ihre Enkelin getauft werden soll, und fragt, ob sie ihm dazu eine E-Mail schreiben könne. „War total nett. Hab‘ ich mich gerade gefreut“, sagt der Pfarrer.
Die Idee entstand beim Kennenlernen
Ganz neu ist Schäfer die Arbeit im Allee Café nicht. Als er aus Witzenhausen (Werra-Meißner) an die Christuskirche nach Kassel-Wilhelmshöhe wechselte, wollte er die Menschen in seinem neuen Umfeld kennenlernen. Dafür schaute er sich ganz bewusst auch außerhalb seiner Gemeinde um – und landete schließlich bei Café-Chef Christoph Neumeyer.
Schäfer arbeitete probeweise mehrere Male im Café mit. Daraus entstand schließlich die Idee für ein regelmäßiges Angebot. Nun wird daraus ein festes Format: „AnsprechBar“ heißt das neue Projekt. Einmal im Monat kellnert der Pfarrer im Café – und will dabei vor allem genau das sein, was der Name verspricht: ansprechbar.
Kritik an der Kirche kommt mit auf den Tisch
Dabei bekommt Schäfer nicht nur freundliche Geschichten zu hören. Am Tisch erzählen Gäste auch von ihren Enttäuschungen mit der Kirche. Eine Frau berichtet von Veränderungen in ihrer Gemeinde: Räume würden kleiner, für den Seniorenkreis sei schließlich kein Platz mehr gewesen. Er habe in eine Gaststätte ausweichen müssen.
Gerade solche Gespräche sucht Schäfer. Kirche müsse aus seiner Sicht „an manchen Stellen mal ein bisschen rauskommen aus der Komfortzone“. Dabei gehe es ihm nicht darum, neue Gemeindemitglieder zu werben. Vielmehr wolle er auf möglichst unkomplizierte Weise mit Menschen in Kontakt kommen.
Bei vielen Gästen scheint das anzukommen. Auch bei der Besucherin, die zuvor von ihrer Enttäuschung über die eigene Kirchengemeinde erzählt hatte. Schäfers Einsatz findet sie „unheimlich positiv“. So etwas könne sie wieder näher an die Kirche bringen, sagt sie.
„Jesus ist dahin gegangen, wo das Leben war“
Dass ein Pfarrer im Café sitzt, zuhört und mit Menschen redet, hält Schäfer übrigens keineswegs für eine besonders moderne Erfindung. Er sieht sogar ein ziemlich altes Vorbild dafür.
„Jesus war ja auch gern Gast bei Leuten, hat sich gern einladen lassen“, sagt Schäfer. „Er ist doch auch dahin gegangen, wo das Leben war, wo die Leute waren, wo die Themen waren.“ Eigentlich sei das also „alles nichts Neues“, was er da ausprobiere.
Und Café-Chef Neumeyer? Der ist mit seinem ungewöhnlichen Aushilfskellner zufrieden. Schäfer mache das „wirklich ganz gut“.
Am Ende ist die vergessene Sahne längst nachgebracht, der Tränchenkuchen gegessen. Geblieben sind einige Gespräche, die Schäfer in der Kirche vermutlich nicht geführt hätte.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/kaffee-kuchen-kirche-warum-ein-kasseler-pfarrer-im-cafe-kellnert-v1,pfarrer_als_kellner-100.html



