Fast 44 Jahre, zwölf gewonnene Direktwahlen und kein aktueller Abgeordneter kennt den Landtag ohne ihn: CDU-Urgestein Frank Lortz verabschiedet sich aus der Landespolitik. Ganz aufhören wird der 73-Jährige aber nicht – und auch sein legendärer Weißwurstkeller wird weiter gebraucht.
Darf man Frank Lortz einen Landtags-Dino nennen? Vielen der heutigen Abgeordneten im Parlament in Wiesbaden muss der CDU-Mann aus Seligenstadt-Froschhausen im Kreis Offenbach jedenfalls wie ein Politiker aus einem Land vor unserer Zeit erscheinen.
Als der gelernte Bankkaufmann und studierte Betriebswirt zum ersten Mal seinen Sitz im Landtag einnahm, war an ein Ende der DDR noch nicht wirklich zu denken. In der Bundeshauptstadt Bonn wurde Helmut Kohl erstmals Kanzler. Und das inzwischen seit mehr als 26 Jahren schwarz regierte Hessen war noch das tiefrote Hessen, das bis dahin keinen einzigen CDU-Ministerpräsidenten erlebt hatte.

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1982 war das. 44 Jahre ist Lortz‘ erster Einzug in den Landtag inzwischen her. Kein anderer Abgeordneter war länger Mitglied. Zwölfmal in Folge schickten ihn die Menschen aus dem Wahlkreis als Vertreter in die Landeshauptstadt. Jetzt ist Schluss.
Streiter mit Markenzeichen
Ende Oktober wird Lortz aus Altersgründen sein Mandat niederlegen. Zum Abschluss der Plenarwoche verabschiedeten die Abgeordneten den 73-Jährigen aber schon jetzt mit Standing Ovations. Denn es war seine letzte Sitzung. Und wie Parlamentspräsidentin Astrid Wallmann (CDU) erklärte: „Nur die Wenigsten können sich einen Landtag ohne ihn vorstellen.“ Denn kein einziger aktueller Abgeordneter habe den Landtag ohne Lortz überhaupt erlebt.
Fast ein Viertel Jahrhundert leitete der Seligenstädter viele dieser Sitzungen – laut Wallmann als „Streiter für ein selbstbewusstes und unabhängiges Parlament“. So lange hatte er das Amt des Vizepräsidenten inne. Manche der Abgeordneten, die zuletzt als Schriftführer neben ihm saßen, könnten vom Alter her seine Enkel sein.
Lortz‘ Markenzeichen: Mit zuweilen betont breitem hessischen Akzent machte er Witze, er duzte so ziemlich jeden – und nach Spielen der Landtag-Fußballelf lieferte der Fan von Kickers Offenbach und Bayern München vom Präsidentenstuhl aus detaillierte Spielberichte.
Humor statt Ordnungsruf
Beim feierlichen Abschied gab Lortz im Landtag mehrere Kostproben seines Könnens. Er hob angesichts des gesunkenen Ansehens der Berufspolitik hervor, wie fleißig man als Abgeordneter sein müsse – was auch eine noch bessere Bezahlung rechtfertige. „Keiner wird gewählt, weil er so schön ist. Nicht einmal ich“, sagte er.
Eine seiner Maximen als Sitzungsleiter lautete: Im Zweifel für die lebendige Debatte. Er ließ sie bei gelegentlicher Strenge laufen, wann immer es ging. Erfahrung und Humor statt Ordnungsrufe oder Rügen waren die Grundlage seiner Autorität. „Ich habe die Geschäftsordnung immer sehr modifiziert angewandt. Ich habe sie also gar nicht beachtet“, scherzte er.
Duzen ohne Brandmauer
Allgemeine Anerkennung brachte ihm ein, dass er sich sichtlich bemühte, alle unabhängig von ihren politischen Meinungen fair zu behandeln. Nicht allen gefiel, wenn er in der Lobby auch die Hände der AfD-Abgeordneten schüttelte, mit ihnen kurz plauderte und auch sie zuweilen duzte. Da dies aber zur jovialen Art des CDU-Politikers gerechnet wurde, machte niemand eine Brandmauer-Affäre daraus.
Dass die Auseinandersetzung im Landtag über die Jahrzehnte viel härter geworden sei, hat Lortz nicht beobachtet. In den 80er Jahren etwa sei es ordentlich zur Sache gegangen – schon aufgrund knapper Mehrheiten. An persönlichem Respekt habe es im Grunde aber selten gefehlt. „Das ist auch heute noch im Wesentlichen so“, sagt Lortz.
„Halt die Fresse“
Nehmerqualitäten brauchte der Mann als Jungpolitiker gerade in den eigenen Reihen. Einmal hatte sich der damalige Hinterbänkler ungefragt zu Wort gemeldet, ein Tabubruch. Ein älterer Parteifreund soll ihn damals mit dem Spruch eingenordet haben, er möge gefälligst „die Fresse halten“.
In späteren Jahren wäre es unklug gewesen, ihn zu unterschätzen und ihm in der Machtmaschine CDU keine Härte zuzutrauen – etwa, weil er so umgänglich auftritt und nie Minister wurde. „Wie der einfache Abgeordnete Frank Lortz die Hessen-CDU lenkt“ titelte noch vor zwei Jahren die FAZ.
Für die These spricht eine Episode am Ende der Amtszeit von Ex-Ministerpräsident Volker Bouffier. Wie später nach außen drang, war es der altgediente Unions-Kämpe Lortz, der in der streng hierarchisch aufgestellten Partei als Erster die Courage hatte, dem bis dato unangefochtenen Partei- und Regierungschef in einer Fraktionssitzung zu sagen: Es werde nun langsam Zeit, die Nachfolge zu regeln. Es soll lauten Applaus gegeben haben.
Aus der Partei heißt es, Lortz habe auch eine Rolle dabei gespielt, dass die Partei dann Boris Rhein als Ministerpräsidenten auf den Schild hob. Der Frankfurter hatte sich dafür als Landtagspräsident in Stellung gebracht, nachdem Bouffier ihn aus dem Kabinett nahm.
Der länger gediente Lortz hätte damals ebenfalls Ansprüche auf den Präsidentenposten anmelden können, zumal er schon Vizepräsident war und Bouffier ihn gewollt haben soll. Lortz tat es nicht.
Strippenziehen im Weißwurstkeller
Debattieren, Strippenziehen, Netzwerken – und das in gesellig-zünftiger Atmosphäre: Für diese in der Hessen-CDU gern gepflegte Arbeitsweise hat Lortz sich zu Hause einen besonderen Ort geschaffen: seinen bajuwarischen Partykeller.
An die 500 Bierkrüge gibt es hier, eine Spatensammlung, Wahlplakate mit eigenem Konterfei aus viereinhalb Jahrzehnten. Und jede Menge Fotos von Weggefährten und Vorbildern: Hessen-CDU-Übervater Alfred Dregger ist dabei und auch CSU-Legende Franz Josef Strauß.
Hier seien viele Entscheidungen gefallen, vor allem für die Stadt und den Wahlkreis, sagt Lortz. Und alle bisherigen CDU-Ministerpräsidenten von Walter Wallmann bis Rhein seien schon da gewesen. „Hier kann man alle Probleme der Welt lösen“, sagt der 73-Jährige. Kumpelei als Erfolgsrezept – auch das war über ihn schon zu lesen.
Niemals geht man so ganz
Die Landespolitik verlässt der Seligenstädter nach eigenen Angaben, weil er nicht warten will, bis die Menschen sagen, es werde Zeit, „dass der alte Simpel geht“. Das gebe dem Nachrücker Jürgen Harrer auch Zeit, sich bis zur nächsten Landtagswahl zu profilieren. Der Weißwurstkeller wird trotzdem noch gebraucht – auch fürs Politisieren. Denn kommunalpolitisch bleibt Lortz weiter aktiv.
Den Teilausstieg des CDU-Politikers – Träger des Bundesverdienstkreuzes, Ehrenbürger der Stadt, Mitglied in 60 Vereinen – wird man in Froschhausen demnächst feiern. „Ganz klein“, sagt Lortz. 500 bis 600 Leute werden erwartet.
Quelle: https://www.hessenschau.de/politik/landtag/landtags-dino-mit-weisswurstkeller-frank-lortz-nimmt-nach-fast-44-jahren-abschied-v1,abschied-lortz-landtag-100.html

